Profifußball entlarvt sich selbst - und liegt jetzt unterm Brennglas

dzKommentar

Der Bundesliga-Neustart ist perfekt. Doch große Zweifel bleiben. In den vergangenen Wochen hat sich der Profifußball selbst entlarvt - und liegt jetzt unter einem großen Brennglas.

Dortmund

, 06.05.2020, 18:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auf der Zielgeraden hieß es am Mittwoch für die Deutsche Fußball Liga (DFL) und die 36 Klubs der 1. und 2. Bundesliga noch einmal Zittern, Hoffen und Bangen. Nach reichlich Klinken putzen und intensiver Lobbyarbeit hatten die vergangenen sechs Tage noch einmal große Zweifel an der Durchführbarkeit des letzten Saisonviertels genährt.

Der Fall Kalou setzt dem Ganzen die Krone auf

Positive Corona-Tests in Köln, ein Maulkorb für einen besorgten Spieler aus der Trainingsgruppe der zwei Infizierten, dann ein Maulkorb der Liga-Spitze für die Kommunikations-Abteilungen der Vereine. In der Liga, die längst in eine Parallel-Welt abgedriftet ist und deren Gebaren dem Normalbürger zunehmend schwer auf den Magen schlägt, ging es mal wieder wild zu. Und als wenn das nicht schon genug Wasser auf die Mühlen der Kritiker gewesen wäre, setzte der Fall Kalou dem Ganzen die Krone auf.

In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) sah sich der erste Torhüter der Nation, Münchens Manuel Neuer, daher zu einem eindringlichen Appell an seine Berufskollegen genötigt. „Uns muss klar sein, dass es jetzt auf uns ankommt“, schrieb Neuer, es liege „an jedem Einzelnen in den Mannschaften und deren Umfeldern, dieses Konzept diszipliniert mit Leben zu füllen“. Die öffentliche Kritik an einer Fortsetzung der Liga sei ein „Warnschild“, meint Neuer, um „uns immer wieder zu verdeutlichen, um was es geht.“

Der Profifußball gibt ein verstörenden Bild ab

Die Zweifel aber bleiben. An der Ernsthaftigkeit, mit der so mancher Profi mit dieser zugegebenermaßen schwierigen Situation umgeht, an der generellen Umsetzbarkeit des Konzepts. Weitere positive Fälle mag niemand ausschließen, das wenig nachvollziehbare Vorgehen (Quarantäne für alle in Aue, Quarantäne nur der Infizierten in Köln) tut sein Übriges.

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Trotz des verstörenden Bildes, das der Profifußball seit Bekanntwerden der ersten Testergebnisse am vergangenen Wochenende mal wieder abgegeben hat, ist die Politik dem Drängen der Liga und ihrer Vereine am Mittwoch gefolgt - der Kritik aus den meisten politischen Lagern zum Trotz. Das ist mehr Vertrauensvorschuss, als ihn so manch andere Branche in den vergangenen Wochen erhalten hat.

Bundesliga wird unter einem riesengroßen Brennglas leben

Klar ist damit: In den kommenden sechs Wochen bis zu einem hoffentlich dann doch noch reibungslosen Ende dieser Saison wird die Liga unter einem riesengroßen Brennglas leben. Jede Bewegung wird verfolgt. Und nur eine weitere Verfehlung à la Kalou könnte das Ende bedeuten, nicht nur dieser Spielzeit. Ein Saisonabbruch aufgrund einer weiteren Disziplinlosigkeit eines Profis, fürchtet auch Manuel Neuer, würde dazu führen, dass es „die Bundesliga in dieser Form, wie wir sie kennen, nicht mehr geben wird“. Mit diesem Damoklesschwert über ihrem Kopf muss die DFL bis mindestens Ende Juni leben.

Mag es politisch Rückendeckung geben für den Neustart und ist die größte Hürde damit genommen - die gesellschaftliche Debatte ist in vollem Gange. Der Profifußball hat sich in dieser Krise selbst entlarvt. Und so mancher Fan wird sich längst die Frage stellen, ob er dieses moralisch fragwürdige und von Profitgier durchsetzte System weiter unterstützen möchte.

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