Mitarbeiter, Vereinsheld, Fan: Norbert Dickel feiert sein Jubiläum als BVB-Stadionsprecher

dzBorussia Dortmund

Norbert Dickel ist seit 10.000 Tagen Stadionsprecher von Borussia Dortmund. Viele Fans kennen den BVB gar nicht ohne „Nobby“ - trotzdem will der Held von Berlin den Job nicht ewig machen.

Dortmund

, 19.11.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ein unverkennbares, schallendes Lachen dröhnt durch die Telefonleitung. „Das kann doch nicht sein!“ Das Lachen gehört einem der dienstältesten Mitarbeiter des BVB, der nicht glauben kann, wie lange er schon für seinen Arbeitgeber im Einsatz ist: Norbert Dickel. Jeder kennt ihn, den Held von Berlin. Auf den Tag genau ist Norbert Dickel am vergangenen Sonntag seit 10.000 Tagen Stadionsprecher bei Borussia Dortmund. „Aber“, sagt er, „ich bin nicht Norbert Dickel, ich bin der Nobby. Ich bin immer noch Allgemeingut.“

Es gab auch schwierige Zeiten für den BVB-Pokalheld

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Von seinem runden Jubiläum weiß der 57-Jährige am vergangenen Sonntag erst einmal nichts. Er ist gerade erst aus Spanien zurück, die freie Zeit hat Nobby wie so oft verbracht – gemeinsam mit seiner Frau Annette, schon seit 40 Jahren an seiner Seite. Auch während des Telefonats anlässlich seines Jubiläums sitzt sie im Auto neben ihrem Mann. Die beiden sind gerade auf dem Weg nach Hause, nach Schwelm. „Jetzt passt es also gerade gut“, sagt Nobby.

Nobby Dickel – die Stimme im Stadion von Borussia Dortmund, das Gesicht im vereinseigenen BVB-TV, der Moderator im schwarzgelben Netradio, ehemaliger Besitzer einer Currywurstbude, Sänger von Fanliedern, der Held von Berlin ‘89. Dass die Welt für Dickel nach seinem verletzungsbedingten Karriereende mal nicht so rosig aussah, daran denken die wenigsten, wenn sie zusammen mit ihm vor jedem Heimspiel die Aufstellung des BVB im Signal Iduna Park zelebrieren.

Mitarbeiter, Vereinsheld, Fan: Norbert Dickel feiert sein Jubiläum als BVB-Stadionsprecher

Norbert Dickel im Pokalfinale von Berlin 1989. Der Mittelstürmer erzielte zwei Treffer zum 4:1-Triumph seiner Borussia gegen Werder Bremen. © imago/Horstmüller

Ende 1989 ist er auf einmal Sportinvalide, das Knie macht nicht mehr mit - und das nach gerade einmal fünf Profi-Jahren in Köln und Dortmund. Im Mai hatten der damals 28-Jährige und seine Frau gerade alle Ersparnisse in ein eigenes Haus gesteckt. „Alles nicht so einfach“, sagt Dickel heute über die Zeit. Stille am Leitungsende. Eine Zeit, die so gar nicht zum stets fröhlichen Nobby passt. Nach ‘89 schlägt er sich mit verschiedenen Jobs durch, macht sich Sorgen um seine Zukunft.

Nobby Dickel hat einen berühmten Vorgänger

Bis 1992 der damalige BVB-Präsident Dr. Gerd Niebaum anruft. „Er hat nur gesagt: Wir brauchen einen neuen Stadionsprecher, wir haben überlegt, dass du das machst, wir sehen uns Samstag“, erinnert sich Nobby und ist sofort wieder gut drauf.

Auch wenn er anfangs Zweifel hat, ob er sowas überhaupt kann, hospitiert er ein halbes Jahr beim damaligen Stadionsprecher Bruno „Günna“ Knust, bevor er das Zepter selbst in die Hand nimmt – und es 10.000 Tage später immer noch festhält. In der ganzen Zeit hat er nur zwei Spiele verpasst, jüngere Fans kennen den BVB überhaupt nicht ohne Dickel.

Mitarbeiter, Vereinsheld, Fan: Norbert Dickel feiert sein Jubiläum als BVB-Stadionsprecher

Norbert Dickel wie man ihn kennt - vor dem Champions-League-Hinspiel gegen den FC Barcelona vor der Südtribüne. © imago images / Moritz Müller

Kein Wunder, stand er doch so oft wie kein anderer vor der Gelben Wand im Signal Iduna Park. Erst in Fußballschuhen, mittlerweile mit dem Mikrofon in der Hand als Stadionsprecher. „Das ist schon was anderes“, erklärt Dickel, der für den BVB in 108 Pflichtspielen 50 Tore geschossen hat. Was gleich geblieben ist? Dickel ist nach einem Spieltag total fertig, zwar nicht körperlich, aber dafür emotional: „Ich bin gleichzeitig Mitarbeiter, Ex-Spieler und Fan des Vereins, das ist eine gefährliche Mischung.“

Dickel fühlt sich verantwortlich für die Fans des BVB

Ein Mix aus Verantwortungsgefühl und puren Emotionen. Nicht nur für die Verantwortlichen des Vereins, auch für die schwarzgelben Fans. Das habe er ganz deutlich im April 2017 nach dem Anschlag auf den BVB-Bus gespürt. Er sorgte dafür, dass die Menschen den Signal Iduna Park zügig und ohne Panik verließen. Die „schwierigste Zeit“ während seiner 10.000 Tage als Stadionsprecher.

Trotz der großen Routine ist der 57-Jährige vor Spielen immer noch nervös, weil es natürlich nicht einfach ist, vor zehntausenden Menschen zu sprechen – und gegen die widerhallende Lautsprecheranlage. Versprecher sind auch ab und an dabei, aber das ärgert ihn nicht. Nicht mehr. Perfekt sprechen will Dickel gar nicht, ein guter Freund habe ihm mal gesagt: „So, wie du sprichst, ist es genau richtig. Da kann auch mal ein kleiner Versprecher dabei sein, wir sind hier im Ruhrgebiet.“

Mit seiner Stimme und seiner Art hat Dickel bei der Arbeit 80.000 Menschen im Griff. Und wie sieht das zuhause in den eigenen vier Wänden aus? „Warte, ich frag‘ mal kurz“, sagt Nobby. Kurze Stille am Ende der Leitung, dann wieder schallendes Lachen. „Meine Frau sagt, ich habe die Hosen an, die kann wirklich lügen.“

Dickel: „Kritik kann ich nicht so einfach wegstecken“

Da spricht wieder der lustige und lockere Kumpeltyp, den die BVB-Fans so lieben. Der für sein Leben gerne Golf spielt und für den guten Zweck Bolzplätze baut. Aber es gibt auch Momente, in denen Norbert Dickel ernst wird. „Bei Ungerechtigkeiten“, sagt er. Und gibt es Kritik an ihm und seiner Arbeit, nimmt das den 57-Jährigen richtig mit, auch zuhause kann er dann nicht abschalten. „Das kann ich nicht einfach so wegstecken“, sagt er.

Mitarbeiter, Vereinsheld, Fan: Norbert Dickel feiert sein Jubiläum als BVB-Stadionsprecher

Norbert Dickel musste auch schon viel Kritik einstecken. © imago images / Revierfoto

So auch die Ereignisse nach dem Testspiel des BVB gegen Udinese Calcio in diesem Jahr, Dickel und sein Co-Moderator Patrick Owomoyela vergriffen sich gewaltig im Ton, mussten sich für ihre Kommentare über die Udinese-Spieler offiziell entschuldigen, wurden vom Verein sanktioniert.

Das Gespräch ist kurz unterbrochen. „Wir fahren jetzt auf die A44, kann sein, dass die Verbindung gleich öfter mal weg ist“, sagt Dickel, der sich, auch wenn er in Schwelm wohnt, wie ein Dortmunder fühlt. Obwohl – wie ein normaler Dortmunder über den Westenhellweg schlendern, das kann Dickel nicht so einfach, er wird regelmäßig angehalten und angesprochen. Das findet er aber auch nicht schlimm, er liebe die Fans so, wie sie ihn lieben.

Bei BVB-Niederlagen leidet Dickel mit der Mannschaft

Trotzdem ist er froh, dass es den Social-Media-Hype um die aktuellen Profis zu seiner aktiven Zeit noch nicht gab. „Wir konnten samstags noch rausgehen“, sagt Dickel, dem per Instagram 64.000 Menschen folgen. „Jemand wie Marco Reus kann nicht einfach in die Stadt gehen und ein Kotelett essen“, sagt Dickel, „das ist ja verbunden mit 239.000 Selfies und 16.000 Unterschriften, das macht keinen Spaß.“

Mit Marco Reus und Co. hat Nobby übrigens ein enges Verhältnis, schaut mal beim Training vorbei, geht mal mit Spielern essen – und interviewt sie regelmäßig für das BVB-TV. „Je vertrauter das Verhältnis ist, umso besser ist auch das Interview“, erklärt Dickel.

Durch die enge Beziehung leidet der 57-Jährige aber auch so richtig mit. Wenn es für Schwarzgelb auf dem Rasen nicht so funktioniert, das sei das „Allerschlimmste“ für ihn. Warum es im Moment sportlich so ein Auf und Ab ist beim BVB? „Wenn ich das wüsste, wäre ich Trainer und würde ‚ne Ecke mehr Geld verdienen“, sagt Dickel. Wieder das schallende Lachen.

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Dickel: „Ich gehe nicht zur Arbeit, ich gehe zur Borussia“

Norbert und Annette Dickel haben mittlerweile fast das Fahrziel erreicht. „Wir sind jetzt in Sprockhövel, also so gut wie zuhause. Das haben wir doch gut hingekriegt“, sagt Nobby. 10.000 Tage Stadionsprecher hat er schon hinter sich, wie viele hat er noch vor sich? „Ich vermute, nicht nochmal 10.000“, sagt er und rechnet kurz nach, „dann wäre ich 84, ich möchte nicht ins Stadion getragen werden“. Wieder das schallende Lachen. Dann wird er ernst. „Irgendwann kommt vielleicht auch der Zeitpunkt, wo mich die Fans nicht mehr sehen wollen.“ Stille am Leitungsende. „Aber hoffentlich dauert das noch lange.“

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Denn seinen Job liebt Dickel wirklich, mit jeder Faser seines Körpers. Er gehe jeden Morgen seiner Sechs-Tage-Woche nicht zur Arbeit, sondern einfach zur Borussia. „Es gibt nicht eine Sekunde, in der ich denke. Verdammt, morgen musst du wieder zur Arbeit. Inzwischen mache ich den schönsten Job der Welt schon über 27 Jahre.“ Kein schallendes Lachen – denn das meint Norbert „Nobby“ Dickel ernst.

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