Klopp und Ricken: BVB erfindet sich neu

DONAUESCHINGEN „In Dortmund ist der Trainer der Star“ – ein Slogan, der in diesen Tagen quer durch die Republik über Jürgen Klopp (41) zu lesen ist. Noch fokussiert sich rund um die Borussia alles auf den ZDF-Analytiker von einst, der dem BVB die quälend chronische Lethargie austreiben soll. Klopp macht sich aber schon vor dem Saisonstart bezahlt.

von Von Sascha Fligge

, 11.07.2008, 22:07 Uhr / Lesedauer: 2 min
Neuer BVB-Nachwuchskoordinator: Lars Ricken

Neuer BVB-Nachwuchskoordinator: Lars Ricken

„Ich weiß nicht“, orakelt KGaA-Chef Hans-Joachim Watzke, „ob der Trainer-Effekt für fünf, zehn oder fünfzehn Prozent der verkauften Dauerkarten verantwortlich ist.“

In Gänze gingen bislang satte 47 000 Tickets über den Tisch. Auf Plakaten an der Bundesstraße 1 warb Klopp persönlich um Kunden. Ein kluger Schachzug, denn die Popularität des Diplom-Sportwissenschaftlers ist groß, seitdem er zum Taktik-Gehirn von Johannes B. Kerner wurde. Er selbst betont allerdings, „dass ich Popularität nicht genieße. Sie stört mich aber auch nie. Früher habe ich es registriert, wenn Leute mir im Restaurant so lange auf meine Gabel gestarrt haben, bis ich sie komplett im Mund versenkt hatte. Heute passiert das nicht mehr“.

Überraschende Arbeit

Klopp und die BVB-Profis – eine Art Blinddate-Hochzeit. Immer wieder spürt man das in Donaueschingen, wo die Dortmunder ihr Trainingscamp aufgeschlagen haben. Unzählige Male pro Einheit unterbricht der langjährige Mainzer, korrigiert Elementares, fasst auch mal den brasilianischen Ex-Nationalspieler Tinga am Arm und zerrt ihn wie ein zerknirschter Großvater an jenen Punkt des Platzes, den Klopp für dessen eigentliches Zuhause hält.

Tamas Hajnal (27), Dortmunds neues Mittelfeldwusel, überrascht die Art der Arbeit: „Du hast bei jeder Spielform drei, vier, fünf Aktionen von ganz verschiedenen Positionen aus. Das ist sehr praxisnah“, sagt Ungarns Fußballer des Jahres 2007: „In Karlsruhe ging es bei Torschussübungen vornehmlich um den Torschuss an sich.“

Klopp, der "Radikale"

Klopp indes verfolgt eher ein ganzheitliches Konzept. Und das baut auf einen weiteren Sportwissenschaftler: Oliver Bartlett. Der Cheftrainer sieht in dem „Jünger“ von US-Fitnessguru Marc Verstegen „den kommenden Mann auf seinem Sektor“. Hajnal sieht in ihm offenbar einen Revoluzzer im Abseits der Fußball-Kernarbeit: „Aufwärmen mit Läufen, Anfersen und Kniehub sind Vergangenheit. Bei Bartlett steigen wir direkt mit Stabilisations-, Beweglichkeits-, Kräftigungs- und Lauftechnik-Übungen ein. Das ist schon eine echte Umstellung.“

Klopp selbst hält sie für „radikal“, manch ein erfahrener Spieler hingegen unaufgeregt für „business as usual“. „Jeder Trainer vertritt eine andere Philosophie. Letztlich entscheiden weiter Erfolg oder Misserfolg über alles“, sagt Sebastian Kehl, mit 28 Jahren fast ein BVB-Altersweiser. Der designierte Kapitän ist privilegierter Einzelzimmer-Nutzer – in Donaueschingen muss er sich die Stube mit einem Kollegen teilen. Auf Klopps Geheiß.

Rickens neuer Job

All die neuen Facetten, die den BVB zurzeit so spannend machen, wird Lars Ricken (32) wohl nicht mehr als Aktiver erleben. Am Freitag gab Sportdirektor Michael Zorc bekannt, Ricken werde mit sofortiger Wirkung neben der Rolle des Lenkers im Regionalliga-Mittelfeld auch die des Jugendkoordinators übernehmen. Er soll konzeptionieren, Talente sichten, das Jugendtrainer-Team zu einer Einheit formen und als Beispiel dafür dienen, „dass man es aus dem eigenen Talenteschuppen bis ins Champions League-Finale schaffen kann“ (so Zorc). Borussias Sportdirektor prophezeit seinem ehemaligen Mitspieler, den er mit einem Zweijahresvertrag ausgestattet hat, „einen echten Knochenjob“.

Auch auf Ricken wartet also eine einschneidende Umstellung.

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