Klopp kalauert in EM-Form

DORTMUND Um 14.04 Uhr blitzt sein Zahnpastalächeln im Presseraum des Signal Iduna Parks. Jürgen Klopp (41) betritt Deutschlands größtes Fußball-Stadion, das ab sofort seine sportliche Heimat sein soll. Rund 100 Journalisten quetschen sich aneinander wie dosenkonservierte Ölsardinen, Spiegelreflex-Auslöser klicken in der Dauerschleife, elf Kamerateams sind dabei.

von Von Sascha Fligge

, 02.07.2008, 17:31 Uhr / Lesedauer: 2 min
Jürgen Klopp bat seine Mannschaft zum ersten Training.

Jürgen Klopp bat seine Mannschaft zum ersten Training.

Klopp ist in Dortmund an diesem Tag das Ereignis. Und er weiß, was er den Fans schuldig ist nach einer Saison, die Borussia Dortmund über Umwege zwar bis in den UEFA-Cup, aber mit Gähn-Fußball auch auf Platz 13 der Tabelle und zu rekordverdächtigen 62 Gegentoren spülte. „Mein Plan ist es, besser, erfolgreicher spielen zu lassen – und das konstant. Man mag es als Populismus betrachten, wenn ich behaupte, den Fußball spielen zu wollen, den die Fans sehen wollen. Aber es ist so. Ich will Leidenschaft. Wir werden raushauen, was wir haben!“

Der Neue trägt sein Herz auf der Zunge. Sprachlich ist er so talentiert wie Zinedine Zidane es einst am Ball war. Kein Zweifel: Kerners Kochshow, die inzwischen Markus Lanz moderiert, wäre auch etwas für ihn gewesen. Wo seine Vorgänger Thomas Doll, Jürgen Röber und Bert van Marwijk mit Worten kämpften, flutschen Klopp sachliche Analysen und Kalauer gleichermaßen nur so über die Zunge. „Wir gucken, ob sich auf dem Transfermarkt noch ein Mittelfeldspieler befindet, den wir verpflichten können“, sagt er. Und dann: „Idealerweise günstig, aber weltklasse.“ Die Defensivprobleme der Vergangenheit, so scherzt Klopp zunächst, wolle er abstellen, „indem ich alle sieben Innenverteidiger spielen lasse. Und zwar auf einmal“.

Klopps klare Vorstellungen

Die Realität sieht anders aus. KGaA-Chef Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc und Klopp würden liebend gerne Spieler abgeben. Der Kader ist aufgebläht. So mancher Profi beginnt seinen Dienst beim BVB in diesen Tagen mit der Aussicht, Stammplätze allenfalls durch ein hochauflösendes Fernglas beobachten zu dürfen. „Der eine oder andere wird bei uns weniger gebraucht. Wenn es Vereine gibt, die sie mehr brauchen, werden wir uns einigen“, meint Klopp.

Thomas Dolls Nachfolger vermittelt klare Vorstellungen, wenn er denn sachlich wird. Und das wird er. Zwei bis vier Einheiten pro Tag will Klopp in den kommenden Wochen ansetzen. Das übergeordnete Ziel: bis zum Bundesligastart in Leverkusen ein taktisch flexibles Korsett bilden. „Das 4-4-2 mit flacher Vier im Mittelfeld sollte die Basis sein“, sagt Klopp, „aber von dort aus ist es bis zu einem 4-4-2 mit Raute oder einem 4-2-3-1 nicht weit. Die Grenzen verschwimmen.“

Sprechchöre

Acht Neuzugänge nehmen unterhalb des Podiums im Presseraum Platz. Ihr Durchschnittsalter: 22 Jahre. Sogar Amateur-Linksverteidiger Marcel Schmelzer gehört dazu. Watzke sagt: „Wir wollen mit jungen Leuten etwas aufbauen und werden Klopp die Zeit geben, ein Team zu entwickeln.“ Es folgt der Seitenhieb des Chefs in Richtung der Journaille: „Wir werden uns von ihnen nicht treiben lassen – und deshalb keinen Tabellenplatz als Saisonziel festlegen.“

Während Watzke noch spricht, strömen Fanmassen auf die Osttribüne. 9000 werden es am Ende der Pressekonferenz sein, insgesamt 44 444 werden sich bis heute mit Dauerkarten eingedeckt haben. Es ist 14.54 Uhr. „Jürgen Kloo-oop“, schallt es durch die Fußball-Oper. Viel Vorschusslorbeer für einen, der sich noch beweisen muss. Ja beweisen will. Es ist nur eine Fußnote der Veranstaltung, doch Jürgen Klopp beweist mit ihr ein feines Gespür für den emotionalen Status quo in der Stadt Dortmund, die vom Champions-League-Format durch finanziellen Irrsinn auf das Level einer fußballerisch Grauen Maus geschrumpft worden ist. Er sagt: „Es wird nicht wenige geben, die hier heute gesessen und sich gedacht haben. Das, was der da alles sagt, haben uns seine Vorgänger auch schon erzählt.“

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