Kein Happy End einer beeindruckenden BVB-Saison

Stolz überwiegt

Kurz vor dem Ziel ist dem BVB-Wunder der Zauberstaub ausgegangen: Arjen Robbens Tor, nur eine Minute vor dem Ende, ließ den Dortmunder Traum vom Champions-League-Sieg jäh platzen. Doch die Borussia und ihre Fans lieferten nicht nur im Londoner Wembley-Stadion ein beeindruckendes Bild ab. Schon bald dürfte der Stolz über eine starke Saison überwiegen.

LONDON

von Von Matthias Dersch

, 26.05.2013, 00:36 Uhr / Lesedauer: 4 min
Noch überwiegt die Enttäuschung (v.l.): Roman Weidenfeller, Jakub Blaszczykowski und Felipe Santana.

Noch überwiegt die Enttäuschung (v.l.): Roman Weidenfeller, Jakub Blaszczykowski und Felipe Santana.

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Champions League: Der BVB in der Einzelkritik

Der BVB legte im Londoner Wembleystadion eine geschlossene Mannschaftsleistung auf den Rasen. Dennoch reichte es nach 90 Minuten nicht für den ganz großen Coup.
25.05.2013
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Roman Weidenfeller: Zweimal parierte der BVB-Keeper im Eins-gegen-Eins gegen Robben, einmal kratzte er Mandzukics Kopfball über die Latte, dann lenkte er Alabas Distanzschuss um den Pfosten. Eine Weltklasse-Leistung - trotz der Gegentore, an denen er keine Schuld trug. NOTE: 1,5© Foto: dpa
Lukasz Piszczek: Verteidigte in den ersten 30 Minuten enorm hoch und ließ Ribery keine Luft. Später befreite sich der Franzose etwas. NOTE: 3,0© Foto: DeFodi
Neven Subotic: Sehr souverän in der Defensivzentrale, ruhig am Ball. Eine finalwürdige Vorstellung, die er mit einen wahnsinnigen Grätsche auf der Torlinie krönte. NOTE: 2,5© Foto: dpa
Mats Hummels: In einigen Szenen beeindruckend präsent, in anderen etwas zu sorglos im Passspiel. Nahm Mandzukic insgesamt sehr gut aus dem Spiel, nur beim Gegentor war er nicht am Mann. NOTE: 3,0© Foto: dpa
Marcel Schmelzer: Zweimal kam Robben über seine Seite durch, weil Großkreutz nicht schnell genug zurück arbeitete. Insgesamt vor allem als Anpeitscher auffällig. Beim Gegentor durch Mandzukic allein auf weiter Flur. NOTE: 3,5© Foto: dpa
Sven Bender (r.): Beharkte sich mit dem bärenstarken Martinez. Ein Duell auf höchstem Niveau mit leichten Vorteilen für den Spanier, vor allem in der Luft. Setzte beim 1:2 zudem nicht konsequent genug nach. NOTE: 2,0© Foto: dpa
Ilkay Gündogan: Fing brillant an und schwang sich zum König der Kreisel auf, auch seine Pässe waren sehenswert. Dann schlichen sich einige Fehler ein. Hielt den Traum mit seinem Elfmetertor am Leben. NOTE: 2,0© Foto: dpa
Jakub Blaszczykowski: Zeigte Powerfußball der BVB-Schule und sprintete immer wieder im Vollgas die Linie herunter. Hätte sein Team in Führung schießen können, Neuer aber parierte stark. Baute später deutlich ab. NOTE: 3,5© Foto: dpa
Marco Reus: War diesmal von Beginn an im Spiel und stellte die Bayern mit seiner Schnelligkeit einige Male vor schwere Herausforderungen. Nur Neuer und Dante, der ihn vor dem Strafstoß foulte, verhinderten ein Tor von ihm. NOTE: 2,0© Foto: dpa
Kevin Großkreutz: Glänzte mit hohem Laufpensum und einigen schönen Szenen mit Ball. Verteidigte ebenfalls sehr hoch, deshalb gab es bei schnellen Angriffen der Bayern zwei-, dreimal Platz auf seiner Seite. NOTE: 2,5© Foto: DeFodi
Robert Lewandowski: Starkes Pensum, warf sich immer wieder in die Zweikämpfe mit Bayerns Innenverteidigung. Die Kraft reichte dennoch, um Neuer zweimal alles abzuverlangen. NOTE: 3,0© Foto: dpa
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Mit geballter Lockerheit gingen die Borussen die Herkules-Aufgabe gegen den FC Bayern an. Selbst beim obligatorischen Spaziergang am Mittag gab BVB-Trainer Jürgen Klopp den wartenden Fans noch Autogramme und plauderte mit den Journalisten.

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Der BVB legte im Londoner Wembleystadion eine geschlossene Mannschaftsleistung auf den Rasen. Dennoch reichte es nach 90 Minuten nicht für den ganz großen Coup.
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Neven Subotic: Sehr souverän in der Defensivzentrale, ruhig am Ball. Eine finalwürdige Vorstellung, die er mit einen wahnsinnigen Grätsche auf der Torlinie krönte. NOTE: 2,5© Foto: dpa
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Sven Bender (r.): Beharkte sich mit dem bärenstarken Martinez. Ein Duell auf höchstem Niveau mit leichten Vorteilen für den Spanier, vor allem in der Luft. Setzte beim 1:2 zudem nicht konsequent genug nach. NOTE: 2,0© Foto: dpa
Ilkay Gündogan: Fing brillant an und schwang sich zum König der Kreisel auf, auch seine Pässe waren sehenswert. Dann schlichen sich einige Fehler ein. Hielt den Traum mit seinem Elfmetertor am Leben. NOTE: 2,0© Foto: dpa
Jakub Blaszczykowski: Zeigte Powerfußball der BVB-Schule und sprintete immer wieder im Vollgas die Linie herunter. Hätte sein Team in Führung schießen können, Neuer aber parierte stark. Baute später deutlich ab. NOTE: 3,5© Foto: dpa
Marco Reus: War diesmal von Beginn an im Spiel und stellte die Bayern mit seiner Schnelligkeit einige Male vor schwere Herausforderungen. Nur Neuer und Dante, der ihn vor dem Strafstoß foulte, verhinderten ein Tor von ihm. NOTE: 2,0© Foto: dpa
Kevin Großkreutz: Glänzte mit hohem Laufpensum und einigen schönen Szenen mit Ball. Verteidigte ebenfalls sehr hoch, deshalb gab es bei schnellen Angriffen der Bayern zwei-, dreimal Platz auf seiner Seite. NOTE: 2,5© Foto: DeFodi
Robert Lewandowski: Starkes Pensum, warf sich immer wieder in die Zweikämpfe mit Bayerns Innenverteidigung. Die Kraft reichte dennoch, um Neuer zweimal alles abzuverlangen. NOTE: 3,0© Foto: dpa
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Die Botschaft, die der 45-Jährige seit Wochen an sein Team gerichtete hatte, war überdeutlich: Die Dortmunder hatten nichts zu verlieren – aber ganz viel zu gewinnen. Auf den Schultern der Bayern aber, da lastete der Druck, die Bewertung einer insgesamt grandiosen Saison in nur einem Spiel gewaltig zu trüben.

Rund ums Stadion war von einer Münchener Anspannung zunächst jedoch nichts zu spüren. „Nie mehr Deutscher Meister, nie mehr, nie mehr“, grölten die rot-weißen Fans siegessicher dem Dortmunder Anhang entgegen. Die Schwarzgelben konterten mit ihrem Lieblingslied: „Ein Schuss, kein Tor, die Bayern!“ Im Innern des Fußball-Tempels, dessen Bau gigantische 1,4 Milliarden Euro verschlungen hat,  allerdings blieb es lange ruhig. Nur vereinzelt gingen Gesänge durchs Stadion. Am Spielfeldrand mussten der nachgereiste Mario Götze und Josef Schneck, der frühere Mediendirektor des BVB, gar die Köpfe zusammenstecken und leise tuscheln. Man hätte sie sonst womöglich bis auf die Tribüne gehört, so still war es mitunter …

Erst als um 18.57 Uhr Roman Weidenfeller und Manuel Neuer, die beiden Torhüter, mit dem Warmmachen begannen und wenig später ihre Teams folgten, regte sich etwas auf den Tribünen. Von Finalstimmung war jedoch noch immer nichts zu spüren. Schuld daran war auch die Uefa. Der europäische Fußballverband hatte eine geplante Choreographie der BVB-Ultragruppierung „The Unity“, die sich über alle Blöcke der BVB-Kurve verteilt hätte, durch strenge Auflagen verhindert. Der Bayern-Fanclub „Club Nr.12“ verteilte immerhin 25.000 Fähnchen und erschuf so ein schönes Bild. Verglichen mit den imposanten Choreographien, die es in dieser Saison schon zu sehen gab, war jedoch auch das nicht mehr als eine Verlegenheitslösung.

Doch wer glaubte, der traurige Höhepunkt der Uefa-Planung sei damit erreicht, täuschte sich: Vor dem Anpfiff stürmten angeführt von Dortmunds Champions-League-Held Lars Ricken und Bayerns Idol Paul Breitner gut 200 rot-weiße und schwarzgelbe Ritter den Rasen und schossen Pfeile durch die Luft. Ihren eigenen Fairplay-Gedanken hatten die Herren der Uefa offenbar in den Wochen vor Wembley vergessen. Für gute Stimmung auf den Rängen sorgte die reichlich missglückte Show jedenfalls nicht. Der harte Kern im BVB-Block drehte der Inszenierung gar den Rücken zu. Es wurde Zeit, dass es mit dem Duell der beiden besten deutschen Mannschaften, losging. Um 19.40 Uhr erklang sie endlich, die Champions-League-Hymne – und gab damit das Startsignal zu einem denkwürdigen Abend im ehrenwerten Londoner Fußball-Haus.

Hin- und her wogten die Angriffe auf dem Feld. Erst mit Vorteilen und Möglichkeiten für den BVB, dann mit dicken Chancen für die Bayern, die in den ersten 20 Minuten wie gelähmt wirkten von der zentnerschweren Last auf ihren Schultern, sich dann aber befreiten.

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Es war ein Fußball-Fest, das auf den Rängen seine verdiente Würdigung fand. Dortmunds Anhänger peitschen ihr Team mit Inbrunst nach vorne, pfiffen lautstark, als Ribery seinen Ellenbogen mindestens gelbwürdig in Lewandowskis Gesicht schlug (26.). Auf der Gegenseite hatte die Bayern-Kurve nach Mandzukics Kopfball den Torschrei schon auf den Lippen.

Wie viel Kraft das Spiel auch bei den Fans auf den Rängen kostete, spürte man, als der großzügige Schiedsrichter Nicola Rizzoli zur Pause pfiff. Ein kollektives Luftholen erklang, danach herrschte für 15 Minuten wieder die gleiche Stille wie vor dem Anpfiff. Die überwältigende Intensität der ersten Hälfte erforderte ihren Tribut.  Mit dem Anpfiff zur zweiten Hälfte war sie jedoch wieder da, diese elektrisierende, finalwürdige Stimmung unter den 90.000 Zuschauern im Wembley-Stadion. Diesmal kamen die Bayern besser ins Spiel, gewannen mehr Zweikämpfe, gingen stärker nach vorne. Die Bayern-Fans witterten ihre Chance. 

Nach 59. Minute dann die Explosion: Robben bekommt den Ball irgendwie an Weidenfeller vorbei, Mandzukic schießt ein. Dortmund liegt hinten. In der westlichen Stadionhälfte wird gefeiert. „Super Bayern, super Bayern, hey hey“, schallt durchs Rund. Auf der Gegenseite dagegen Schockstarre und leere Blicke. Auch Götze schaut bedient unter seiner riesigen Schirmmütze hervor. War das das Aus des großen Traums? Der BVB wirken in den Minuten danach wie ein angeschlagener Boxer, doch die Fans der Schwarzgelben überwinden ihren Schock schnell und singen gegen die Bayern an. Sie glauben noch ans Märchen – und werden dafür belohnt.

Dante tritt Reus im Strafraum zwischen die Beine, Rizzoli zeigt auf den Punkt, Gündogan nimmt sich den Ball (68.). Bange Blicke in beiden Blöcken und ein Moment der totalen Stille. Dortmunds Chefstratege läuft an und verlädt Neuer. Der BVB ist wieder da, durch Dortmunds Adern auf dem Rasen und den Rängen pumpt jetzt pures Adrenalin  – und es sind noch 22 Minuten auf der Uhr in diesem fesselnden Fußball-Krimi. Mindestens. Längst wären die Emotionen am Anschlag. Jeder Zweikampf, jede Geste, jede Nickeligkeit wurde auf den Rängen jetzt mit lauten Pfiffen quittiert, begünstigt durch einen Schiedsrichter, der viel zu viel durchgehen ließ und das Publikum gegen sich aufbrachte.

Mit aller Konsequenz tickten die Sekunden von der Uhr. Noch 20, noch zehn Minuten, dann noch fünf Minuten waren zu spielen – und man konnte meinen, der lange verstorbene Thriller-Meister Alfred Hitchcock säße irgendwo am Spielfeldrand in seinem Regiestuhl. In der 89. Minute dann der Todesstoß für den BVB durch Robben. Die kraftlosen Dortmunder sacken zusammen, als der Ball über die Linie kullert, nur Weidenfeller hat noch Kraft und stürmt mit dem Ball zum Mittelkreis. Doch der Fußball-Gott, so es denn einen gäbe, hielt es diesmal mit den Bayern. Dortmunds Zauberstaub war am Ende einer langen, aufreibenden Champions-League-Saison verbraucht.

Es folgten traurige Momente für den BVB und seine Fans, als Rizzoli um 21:33 Uhr englischer Zeit das Spiel beendete. Schweinsteiger hielt triumphierend die Hände in den Himmel, dann warfen sich seine Mitspieler auf ihn und begruben ihren Chef unter sich. Die rot-weißen Fans im Osten schwenkten ihre Fahnen.  Doch das vielleicht imposanteste Bild zeigte sich auf der anderen Seite, im BVB-Block. Zu Tausenden hielten die Fans der Borussia ihre Schals in den Himmel und feierten ihre Mannschaft für eine überragende Leistung, an diesem Abend, vor allem aber auf dem Weg, der sie bis nach Wembley geführt hatte.

Mit gesenkten Köpfen stellten sich die BVB-Spieler ihren Fans. Die Trauer um die verpasste Chance waren ihn anzusehen, bei einigen kullerten Tränen an den abgekämpften Gesichtern herunter. Doch es war auch Stolz zu verspüren, als Felipe Santana seine Mitspieler einsammelte. Geschlossen stellten sich die Borussen vor ihren Block. Mit dem lange verletzten Patrick Owomoyela, mit Mario Götze, der nun zum amtierenden Champions-League-Sieger nach München wechselt. Ein letztes Mal Gänsehaut, dann fiel der Vorhang für eine erneut beeindruckende BVB-Saison.

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