76 Spiele hat er für den BVB bestritten, 321 für den FC Schalke 04. Ingo Anderbrügge weiß genau, wie sich ein Revierderby auf dem Rasen anfühlt. Und der Tag danach, wenn man verloren hat.

Dortmund

, 25.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Ingo Anderbrügge wurde in die Schalker Jahrhundertelf berufen. Trotzdem gönnt er dem BVB die Meisterschaft. Warum auch nicht, schließlich hat er in Dortmund auch gelernt, welche Bedeutung ein Revierderby hat. Im Interview spricht der 55-Jährige über seine Karriere bei beiden Vereinen, Derby-Erlebnisse und die Chancen des BVB, den Titel zu holen.

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Sie sind ein Kind des Ruhrgebiets. Wann und wie sind Sie zum ersten Mal dem Derby begegnet?

Als Kind noch nicht so sehr. Aber als ich meinen ersten Profivertrag in den 80er-Jahren unterschrieben habe, da wusste ich schon: man spielt gegen die ungeliebten Nachbarn. Das hat uns damals Michael Zorc als gebürtiger Dortmunder beim BVB vermittelt. Da habe ich das erste Mal gemerkt: Hoppla, in der Derby-Woche gehen die Uhren anders.


Warum ist dieses Duell viel mehr als ein Fußballspiel?

Wenn man durchs Ruhrgebiet fährt, hat fast jedes zweite Auto einen BVB- oder einen Schalke-Aufkleber. Wenn man durch die Schrebergärten läuft, sind die Fanartikel der Klubs zu sehen, man spricht in dieser Region viel mehr über Fußball als anderswo. Es ist für die Leute Ablenkung vom Job, Freizeitvergnügen, und wenn ich meinen Kumpel foppen will, dann kann ich ihn über Fußball kriegen. Das prägt diese Region seit vielen Jahren. Lasst uns das erhalten - friedlich.


Sind Sie stärker angespannt als vor gewöhnlichen Spielen?

Ja, das elektrisiert alle. Nachbarn, Freunde. Dem kann sich kaum jemand entziehen. Als Profi habe ich mich dabei erwischt: Wenn du aufläufst, dann schlägt der Puls noch höher. Eine Anspannung hast du in jedem Spiel, aber im Derby bewegt sich mehr in dir. Vielleicht auch, weil die Leute in deinem Umfeld genauer hinschauen.

Ingo Anderbrügge: Der BVB muss sich für diese Saison belohnen

Ingo Anderbrügge (l.) schießt den FC Schalke 04 am 9. Augsut 1997 zum Derbysieg. © imago

Welche Derby-Erinnerung ist die schönste?

Das erste Derby mit dem BVB, da gab es ein 1:6 im Parkstadion, ich habe für Dortmund das einzige Tor gemacht. Und als ein paar Jahre später Schalke-Torwart Jens Lehmann im Derby das 2:2 köpfte, so etwas vergisst du auch nicht. Und ich hatte das Glück, das Derby mal mit einem Treffer zu entscheiden. Erstaunlicherweise erinnern sich daran auch viele meiner Freunde. Daran merkt man auch, welch besonderes Duell dieses Spiel ist.


Was war nach Niederlagen los - haben Sie sich geschämt, morgens zum Bäcker zu gehen?

Geschämt nicht, weil du dich ja vorher darauf vorbereiten kannst. Du weißt ja, dass du darauf angesprochen wirst, also legst du dir am besten schon mal Antworten parat. Ich hatte in meiner Heimatstadt Datteln damals ein Sportgeschäft, da habe ich mich auch nach Niederlagen gezeigt. Ich bin keiner, der sich versteckt. Du hast dann zwar zwei unangenehme Fragen bekommen, Fans wollen ihre Sorgen loswerden. Aber dann gab es auch die Aufmunterung, weiterzumachen, denn es wird schon wieder. Das ist ja auch typisch für diese Region.


Wer hat in diesem Derby die besseren Karten?

Spielerisch ist Schalke im Moment nicht das, was man sich vor der Saison vorgestellt hat. Dortmund hat einen Vorteil: Sie schnuppern noch an der Meisterschaft und können daraus viel Energie schöpfen. Aber Schalke wird sich wehren, da bin ich mir sicher. Das 4:4 liegt ja noch nicht so lange zurück, als Dortmund einen 4:0-Vorsprung verspielt hat. Ich bin eigentlich kein Unentschieden-Tipper, aber diesmal tippe ich auf ein 1:1.

Wird Dortmund Meister?

Ich würde es Borussia Dortmund gönnen, sie haben einen super Start hingelegt, haben Mut bewiesen, auf viele junge Spieler zu setzen, haben auch im Drumherum viel Aufwand betrieben, zum Beispiel Sebastian Kehl installiert. Jetzt müssen sie sich aber auch belohnen, das geht nicht von alleine, oder weil dich alle loben. Du musst Typen haben und Charakter zeigen und besonders hart arbeiten. Sie können hohes Tempo gehen, haben überragende Jungs wie Sancho oder Reus. Sie müssen sich aber auch belohnen, ich glaube, dass sie noch einmal eine Chance auf den Titel bekommen.


Wie konnte es zu diesem Schalker Absturz nach der Vize-Meisterschaft kommen?

Die Vize-meisterschaft haben die Schalker ja schon realistisch bewertet. Es waren einige knappe Spiele dabei, es war nicht wenig Glück im Spiel, auch bei Schiedsrichterentscheidungen. Sie haben gekämpft, sie standen stabil, ja, aber diese Tugenden fehlten häufig in dieser Saison. Für mich ist es unerklärlich, was zwischen Trainer und Mannschaft passiert ist. Ganz ausblenden kann man glaube ich nicht, dass man Kapitän Ralf Fährmann geopfert hat, dass man Naldo hat ziehen lassen. Die neuen Spieler haben bei ihren vorherigen Klubs - warum auch immer - besser gespielt als auf Schalke. Und vielleicht war Trainer Domenico Tedesco manchmal zu theoretisch. Mir fehlt in der Kaderplanung ein Innenverteidiger, ein Außenspieler rechts, vielleicht sogar ein Stürmer. Breel Embolo hat es noch nicht gezeigt. Guido Burgstaller hat nicht die Form der Vorsaison. Huub Stevens kann jetzt nur an der Schraube drehen, mehr Willen herauszukitzeln.


Schalke könnte dem BVB den Titel verbauen …

Die Mannschaften sind heute so international aufgestellt, dass das für die Spieler keine große Rolle spielt, glaube ich. Die Spieler sollen sich natürlich mit dem Verein identifizieren, sollen sich auch mit den Gefühlen der Fans befassen und einen fairen Kampf bieten. Aber ob sie dann soweit denken, dass sie am Ende sagen „und dann versauen wir ihnen noch die Meisterschaft“, das kann ich mir nicht vorstellen. Sie sollen vor allem das Derby wertschätzen und da einen guten Job machen. Nach diesem Spiel darf keine Ausrede kommen.

Ingo Anderbrügge: Der BVB muss sich für diese Saison belohnen

Für den BVB absolvierte Anderbrügge 76 Pflichtspiele. © imago

Ist Druck ein entscheidender Faktor im Titel- oder Abstiegskampf?

Druck ist doch eher förderlich für einen Profi. Ich kann die Diskussion nicht hören, ob ein Spieler den Druck im Abstiegskampf aushalten kann oder nicht. Wenn ein Spieler einen Vertrag unterschreibt, dann steht da nicht drin, ich kann nur zwischen Platz 6 und 9 bei Sonne und Südwestwind spielen. Du weißt als Spieler, dass dir Tausende zugucken, dass welche pfeifen. Wenn du damit nicht klarkommst, bist du im falschen Beruf.

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