Historiker zur NS-Zeit: „Der BVB war wohl kein Vorzeige-Naziverein“

dzBorussia Dortmund

Borussia Dortmund lässt in einer wissenschaftlichen Studie das Vereinsleben während der NS-Zeit untersuchen. Studienleiter Rolf Fischer gibt im Interview erste Ein- und Ausblicke.

Dortmund

, 14.10.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Dr. Rolf Fischer, geboren 1954 in Dortmund, gehört zu den führenden Historikern der Stadt. Er studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Bochum, seit 1998 arbeitet er freiberuflich als Historiker und Autor. Die NS-Zeit gehört zu seinen Schwerpunkten, er forschte unter anderem umfangreich über die Judenverfolgung in Dortmund. Aktuell befasst er sich mit dem BVB in der NS-Zeit und spricht im Interview mit den Ruhr Nachrichten unter anderem über erste Erkenntnisse.


Herr Fischer, Sie erforschen den BVB in der NS-Zeit. Mit welchen Erwartungen gehen Sie an dieses Projekt?
Mit der Erwartung, dass wir einschätzen können, in welchem Ausmaß der BVB in das politische und ideologische System des NS-Regimes eingebunden war. Dass auch Borussen und der BVB eingebunden waren, gilt als gesichert, weil alle Sportvereine diesem Diktat unterlagen. Es geht uns um das Ausmaß. Dafür ist es notwendig, auf die damaligen Funktionäre und Mitglieder zu schauen. Wer und wie viele sind wann in die NSDAP eingetreten oder in andere Organisationen wie die SA oder die Waffen-SS. Wer hat wo an der Front gedient, und so weiter. Zu diesem Zweck haben wir eine Liste mit inzwischen rund 300 Namen recherchiert, mit denen wir in Archiven nachforschen können. Diese nutzen wir als Grundlage, um überhaupt eine Studie erstellen zu können. Für ein Ergebnis hoffen wir auf so viel Stoff und fundiertes Wissen, dass wir im Spektrum von Nazi-Vorzeigevereinen bis zu solchen, die eher widerstrebend gleichgeschaltet wurden, den BVB einordnen können.


Wie viel Linientreue war notwendig, um überhaupt weiterspielen zu dürfen?
Zum Protokoll gehörte vor dem Spiel der „Deutsche Gruß“, also der Hitlergruß in Richtung der Zuschauer, und es hieß auch nicht mehr „Hip Hip Hurra“, sondern „Sieg Heil“. Das war vom DFB beziehungsweise vom Westdeutschen Spielverband so vorgeschrieben. Wer sich nicht an diese Vorgaben halten wollte, musste aufhören Fußball zu spielen. Für Vereine, die sich widersetzt haben und dann aufgelöst wurden, gibt es leider nur wenige Beispiele.

Jetzt lesen

Wie kompliziert ist die Quellenlage für einen Historiker?

Die Quellenlage ist äußerst kompliziert für einen Historiker. Es gibt kaum primäre Quellen aus der fraglichen Zeit zwischen 1933 und 1945. Wir haben eine Satzung und ein, zwei Protokolle von Hauptversammlungen und eine Festschrift zum 30-jährigen Jubiläum. Alles andere muss aus anderen Beständen zusammengetragen werden. Dazu gehören die Dortmunder Tageszeitungen, lokale und überregionale Sport-Fachblätter, die wir durchforstet haben. Durch Aufstellungen oder Spielberichte erfährt man recht viel über den BVB. Mit den gesammelten Namen gehen wir jetzt in die Archive.


Gibt es besondere Herausforderungen, weil es sich beim BVB um einen Sportverein handelt?

Ja, der Sport und vor allem der Fußball wurden bis 1945 nicht richtig ernst genommen, obwohl es sich spätestens seit den 20er-Jahren um ein Massenphänomen handelte mit sehr hohen Zuschauerzahlen auch in unterklassigen Ligen. Aber der Fußball hat vornehmlich nur in Zeitungen einen Widerhall gefunden. In Akten von Stadtämtern oder Ähnlichem ist Sport überhaupt nicht dokumentiert.


Borussia Dortmund ist für viele Menschen ein sehr emotionales Thema. Jetzt kommt ein Historiker daher und geht ganz nüchtern wissenschaftlich an diese Aufgabe heran. Wie funktioniert das?

Das funktioniert, indem ich den Fan, der ich seit 50 Jahren bin, gut vom Wissenschaftler trennen kann. Es interessiert mich gerade besonders, weil ich dem BVB verbunden bin und ich mich als Historiker viel mit dem Nationalsozialismus und dem Antisemitismus beschäftigt habe. Wir haben ähnliche Untersuchungen für Firmen, Ämter und andere Auftraggeber erstellt, aber noch nicht für einen Sportverein. Das Interesse daran hat auch vergleichsweise spät eingesetzt. Für einen Zwiespalt beim Resümee, das wir hoffentlich mit vielen Indizien und Dokumenten belegt ziehen können, sehe ich keine Gefahr.

Dr. Rolf Fischer gehört zu den führenden Historikern der Stadt Dortmund.

Dr. Rolf Fischer gehört zu den führenden Historikern der Stadt Dortmund. © Parivat

Es gibt einige Vereine, Firmen oder Institutionen, die ihre NS-Vergangenheit haben überprüfen lassen. Ist das eine Frage des Zeitgeistes?

Das hat sich so ergeben. Volkswagen war eine der ersten Firmen, die so eine Studie in Auftrag gegeben hat. Viele andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Handelsfirmen, Banken etc. haben nachgezogen. Anfang der 2000er-Jahre hat das auch bei Sportvereinen eingesetzt. In den vergangenen Jahren hat das Wiedererstarken von nazistischen Bewegungen, Vereinen und Sprüchen dazu geführt, dass die Vereine diese historischen Sachverhalte geklärt haben wollen.


Der BVB ist von seinem Ursprung her aus einer reinen Arbeiterklientel entstanden. Wie spielt das in die damalige Zeit rein, wie lässt sich das in den historischen Kontext setzen?

Indem wir den BVB mit vielen anderen Vereinen vergleichen und die Eigenheiten herausarbeiten. Auch in anderen Ruhrgebietsstädten entstanden Arbeitervereine, aber die Sozialstruktur des BVB war eine besondere. In den Reihen der Funktionäre finden sich fast ausschließlich frühere Spieler, es kam kaum jemand von außen hinzu, auch nicht in der Nazizeit. Das war in anderen Städten und bei anderen Vereinen ganz anders, dort war die gezielte Einflussnahme durch die Besetzung von Posten viel größer. Der BVB blieb immer ein relativ geschlossenes Ensemble von Funktionären und Spielern, zum Großteil aus Arbeitern, die auf der Westfalenhütte, der Maschinenfabrik Deutschland oder dem Kaiserstuhl gearbeitet haben. Da gab es einen ganz engen Dreiklang aus Wohnstätte, Arbeitsstätte und Sportplatz für die Freizeit. Das war sehr identitätsstiftend für den Verein und die Leute drumherum. Bereits als zweitklassiger Vereine hatte der BVB sehr hohe Zuschauerzahlen.


Sie recherchieren seit Anfang des Jahres. Wie viel Zeit benötigen Sie für Ihre Studie?

Wir haben geplant, dass wir Mitte des nächsten Jahres unsere Studie dem Vorstand des BVB präsentieren können.

Das Kon­ter­fei von August Lenz dient als Logo der Dortmunder Ultra-Gruppierung „The Unity“.

Das Kon­ter­fei von August Lenz dient als Logo der Dortmunder Ultra-Gruppierung „The Unity“. © imago / Thomas Bielefeld

Gesichert ist bereits jetzt, dass auch Mitglieder des BVB bei der NSDAP oder der SA waren. Aber ein Vorzeige-Naziverein war die Borussia nicht, oder?

Als Vorzeige-Nazivereine werden in der Fachliteratur Vereine bezeichnet, deren Führung den eigenen Verein als Teil der nationalsozialistischen Bewegung ansahen. Nach allem, was wir bisher wissen, war der BVB keiner dieser Vereine. Wobei man das immer differenzieren muss: Eine durch und durch braune Führungsriege wie etwa beim TSV 1860 München oder dem VfB Stuttgart bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass alle Mitglieder in demjenigen Verein auch stramme Nazis waren. Da sollte man nicht vorschnell urteilen. Denn was sagt ein Vorsitzender aus der NSDAP aus über die Jungs, die nur Fußball spielen wollten? Teile der Wehrmacht haben übelste Kriegsverbrechen begangen, andere nicht. Verallgemeinerungen führen da mitunter zu sachlich falschen Aussagen. Nach Kriegsbeginn im Herbst 1939, als fast alle erwachsenen Spieler der Borussia nach und nach zum Wehrdienst eingezogen wurden, spielten da hauptsächlich Nachwuchsspieler aus der eigenen Jugend.


Die vorher schon in der Hitlerjugend angeschlossen waren, um spielen zu dürfen. Die kannten es gar nicht anders.

Man muss die Gegebenheiten in den zeitlichen Kontext stellen. Womöglich war die Einflussnahme durch einen überzeugten Nazi als Vorsitzenden größer, als wenn der Vorstand eher skeptisch bis distanziert gewesen wäre. Aber da alle über einen Kamm zu scheren, wäre problematisch. Das gilt für den Verein ebenso wie für die gesamte Gesellschaft der Nazizeit. Die Frage, ob das NS-Regime eine Zustimmungsdiktatur gewesen ist oder hauptsächlich von Druck und Gewalt gelebt hat, ist unter Historikern absolut umstritten, seit Jahrzehnten. Für beide Ansichten gibt es gute Argumente, aber die große Masse bleibt amorph. Wir wissen wenig über sie. Das gilt es zu berücksichtigen.


Der prominenteste Name aus der NS-Zeit, der „überlebt“ hat, ist der von August Lenz, dem ersten Nationalspieler des BVB. Eine schillernde Figur, vielleicht der erste Dortmunder Fußballprofi und der erste „Star“ zu seiner Zeit. Aber auch ein Mann mit tiefbraunen Flecken in seiner Vita. Muss es da zu einer Neubewertung der Person kommen?

August Lenz hat der SA angehört und 1936 für die Reichstagswahlen geworben. Ob es sich um eine reguläre SA-Mitgliedschaft gehandelt hat oder eine Ehren- oder Pflicht-Mitgliedschaft, wissen wir nicht. Wir müssen noch erforschen, wie sehr er vereinnahmt worden ist. Wenn August Lenz nicht in Sachen involviert war wie Arisierungsfälle oder in Kriegsverbrechen an der Front, ist seine SA-Zugehörigkeit sehr abwägend zu beurteilen. Ich hoffe, dass wir noch Material finden, das über den aktuellen Kenntnisstand hinausgeht. Er gehörte zur SA, wie angeblich 80 Prozent der BVB-Mannschaft. Wenn er dort aus eigenem Antrieb und aus Überzeugung eingetreten ist, sagt das etwas aus. Aber da mag ich mit dem heutigen Wissensstand noch kein Urteil fällen.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt