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Heiko Herrlich im Interview: Das Resultat spiegelt nicht die Leistung des BVB wider

dzEx-BVB-Stürmer

Für eine Charity-Aktion schwingt sich Ex-BVB-Stürmer Heiko Herrlich aufs Rad. Vorher spricht er über kicken mit Ende 30, seinen Mieter Lucien Favre und seinen Ex-Schützling Julian Brandt.

Bielefeld

, 22.05.2019 / Lesedauer: 7 min

Heiko Herrlich ist eine BVB-Ikone, insgesamt zwölf Jahr trug er als Spieler und Junioren-Trainer die schwarzgelben Farben. Im Interview spricht der ehemalige Stürmer und Ex-Trainer von Bayer Leverkusen über BVB-Neuzugenang Julian Brandt, die Premieren-Saison des BVB unter Lucien Favre - und die Charitiy-Aktion „Velo-X“, bei der er derzeit in die Pedale tritt.


Herr Herrlich, setzen Sie zum ersten Mal einen Fahrradhelm auf?

Nein, das nicht. Aber ich habe so gut wie keine Erfahrung mit einem Rennrad. Auf meinem Rad sitze ich aufrechter, es hat sogar einen Gepäckträger. Damit bin ich zum Test am Freitag mal von Dortmund nach Köln gefahren, 100 Kilometer weit. Das ging gut.

Sie fahren häufiger Rad?

Ich bin bis vor einigen Jahren viel mit dem Mountainbike gefahren und habe zwei Alpenüberquerungen geschafft. Ich komme ja aus dem Schwarzwald, da fahren viele MTB. Und jetzt bin ich für dieses Projekt angesprochen worden. Und da ich Interesse hatte, das Rennradfahren kennenzulernen, habe ich Ja gesagt. Für die Stiftung von Toni Kroos unterstütze ich das gerne.


Jetzt geht es auf drei Etappen quer durch NRW. Auf den ersten Blick sehen Sie fit aus.

Das ist die Fassade (lacht). Nein, ich mache noch regelmäßig Sport. Als Cheftrainer im Profibereich wird die Zeit dazu sehr knapp. Aber laufen oder radeln auf dem Ergometer, das geht immer noch. Ich versuche, das möglichst gelenkschonend zu machen.

Das ist „Velo-X“

„Wir wollen zeigen, dass Sport verbindet“

  • Bei „Velo-x“ handelt es sich um eine dreitägige Radreise, die von Radprofi Rick Zabel und dem Personal- sowie Athletik-Trainer Arne Greskowiak ins Leben gerufen wurde. Das Ziel: Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen sollen zusammengebracht werden, um Erfahrungen und Wissen auszutauschen - und etwas Gutes für andere zu tun.
  • Für ihr Projekt haben die Initiatoren zum Beispiel Fußballtrainer Heiko Herrlich (Foto) und Zweitliga-Torjäger Simon Terodde (1. FC Köln) begeistert, aber auch Eishockey-Silbermedaillengewinner Christian Ehrhoff, Langstrecken-Pilot Christopher Brück oder die amtierende Miss Germany, Nadine Berneis.
  • „Wir wollen zeigen, dass Sport verbindet“, sagt Zabel junior. Die drei Etappen der gemeinsamen Tour führen von Bielefeld nach Bad Driburg (21. Mai), von Bad Driburg nach Dortmund (22. Mai) und schließlich von Dortmund nach Köln (23. Mai). „Radfahren kann jeder, es macht Spaß und es ist grün“, sagt Zabel. „So kann man viele unterschiedliche und spannende Leute zusammenbringen.“
  • Der Erlös des gesamten Projekts kommt der Toni-Kroos-Stiftung zugute. 15.000 Euro an Spenden hat sich das Team als Ziel gesetzt.


Wie geht es den Beinen nach der Profikarriere?

Ganz gut, aber wenn ich noch hobbymäßig Fußball spiele, spüre ich die Beine mehrere Tage. Nach der Karriere habe ich jahrelang noch auf einem Kleinfeld in so einer Soccerhalle gespielt, mit Leidenschaft und großem Spaß. Mit Ende 30 habe ich dann gemerkt, dass die Jungen mich überholen, da nutzt dann auch die Erfahrung nichts mehr. Heute bin ich zufrieden, dass ich noch Sport machen kann. Die Knie sind heil geblieben, das ist wichtig.

Sie scheinen die Auszeit vom Fußballgeschäft gut zu nutzen. Fehlt Ihnen auch etwas?

Ich schaue immer noch regelmäßig Fußball, bin viel unterwegs, auch international. Das ist sehr interessant, was die anderen Vereine in anderen Ländern so machen.


Und was machen die?

Ach, zum Beispiel bei Ajax Amsterdam habe ich schon im Herbst gesagt, dass das die interessanteste Mannschaft im europäischen Vereinsfußball ist. Mit Erik ten Haag habe ich zwei Jahre bei Bayern München zusammengearbeitet, er in der U23, ich bei der U17. Seitdem sind wir immer in Kontakt geblieben. Er steht für einen sehr attraktiven und offensiven Spielstil, das gefällt mir. Den Einzug ins Endspiel der Champions League hat Ajax nur knapp verpasst.


Es fehlten ein paar Sekunden.

So eng ist das manchmal im Fußball.


Am Wochenende war die Sache eindeutiger: Wie und wo haben Sie denn das Saisonfinale der Bundesliga verfolgt? Mussten Sie Ihre Sympathien aufteilen?

Ich glaube, ganz Deutschland hat sich gewünscht, dass es mal wieder einen neuen Deutschen Meister gibt. Das hätte der Bundesliga gut getan. Schade, dass der BVB im Februar so viele Punkte hergegeben hat und aus den Pokalwettbewerben ausgeschieden ist. So spiegelt das Endresultat in meinen Augen die Saison gar nicht wider.


Wie meinen Sie das?

Gerade in der Vorrunde hat diese junge Dortmunder Mannschaft Unglaubliches geleistet. Schade, dass es nicht zum Titel gereicht hat.

Heiko Herrlich im Interview: Das Resultat spiegelt nicht die Leistung des BVB wider

Heiko Herrlich, hier noch als Trainer von Bayer Leverkusen, schwingt sich privat eher aufs Mountainbike als aufs Rennrad. © imago

Wie groß sind Ihre Sympathien für den BVB noch?

Am Samstag war ich auf jeden Fall für Dortmund.

Wie schätzen Sie die Leistung Ihres Mieters ein?

Lucien Favre kenne ich jetzt seit vielen Jahren, wir haben uns noch zu seiner Zeit als Trainer bei Hertha BSC kennengelernt. Da hatte ich als Trainer der Jugend-Nationalmannschaft Kontakt zu ihm. Ich habe interessiert verfolgt, was er bei seinen Stationen vollbringt. Er leistet tolle Arbeit. Borussia Dortmund hat da einen super Trainer. Schade, dass es nicht zum Titel gereicht hat.


Wie lange läuft sein Mietvertrag noch?

Er darf gerne noch länger bleiben (lacht).


Wie sehr hängt Ihr Herz denn noch an Dortmund?

Ich habe neun Jahre dort als Spieler gespielt, dann kamen noch drei Jahre als Jugendtrainer in der U19 hinzu.


Sie schmunzeln.

Ich erinnere mich gerade, da kam ein Linksaußen aus Magdeburg zu uns. Marcel Schmelzer hieß der. Den haben wir dann zum Linksverteidiger umgeschult. Das hat sich gelohnt! Auf jeden Fall sind mir die Stadt und die Region und die Menschen ans Herz gewachsen. Ich liebe es, in Dortmund zu leben, ich habe immer eine Wohnung dort behalten. Der Westfale ist bodenständig. Und offen.

Heiko Herrlich im Interview: Das Resultat spiegelt nicht die Leistung des BVB wider

Insgesamt zwölf Jahre trug Heiko Herrlich Schwarz und Gelb: Neun Jahre als Spieler, drei jahre als U19-Trainer der Borussen. © imago

Der BVB setzt verstärkt wieder auf die BVB-DNA. Nach Watzke, Zorc, Ricken und Kehl kommen jetzt auch noch Michael Skibbe und Otto Addo zurück. Wie sieht es mit Ihnen aus?

Matthias Sammer hilft ja auch wieder mit, das ist gut für den Verein. Die Positionen sind sehr gut besetzt. Der BVB ist ein toller Verein, ich freue mich immer, wenn ich mal wieder ins Stadion gehen darf. Ich hatte großes Glück, dass ich einen Teil der BVB-Geschichte miterleben durfte.


In den vergangenen Wochen hat sich eine Diskussion um die Trainer entwickelt. Die Kollegen Funkel, Labbadia, Kovac oder Hecking haben sich über mangelnden Respekt beklagt, Trainer seien austauschbar geworden oder sogar „Mülleimer“. Gehen Sie da inhaltlich mit?

Nur zum Teil. Es wird ja keiner gezwungen, Cheftrainer in der Fußball-Bundesliga zu sein. Jeder weiß: Wenn man in die Küche geht, kann es heiß werden. Sicherlich zielt manche Kritik über das Ziel hinaus, manche Entlassung ist aus Trainersicht nicht verständlich. So hat sich das Geschäft entwickelt. Es ist gut, wenn Kollegen auf diese Umstände hinweisen. Ich glaube aber, allein durch unsere Aussagen werden wir da nichts ändern. Trainer werden bei Misserfolg als Alleinschuldige hingestellt. Das ist so nicht in Ordnung, und es entspricht ja auch selten der Wahrheit.


Weil zu wenig Zeit bleibt, um als Trainer die Vorstellungen umzusetzen?

Es kommt auf so viele Faktoren an. Wir haben gerade über Ajax geredet, da fehlten einige Sekunden zum Einzug ins Finale der Champions League. Nach meinem ersten Jahr bei Bayer Leverkusen fehlten am Ende der Saison ganze drei Tore für die Qualifikation zur Champions League, wir waren als Fünfter punktgleich mit dem Dritten. Ich habe Bayer als Tabellenzwölfter übernommen, wir sind Fünfter geworden und im Halbfinale des DFB-Pokals knapp an Bayern München gescheitert.


Welche Faktoren sehen Sie noch?

Ein anderes aktuelles Beispiel: In Charles Aranguiz und Julian Baumgartlinger haben mir zu Beginn dieser Saison bei Bayer Leverkusen verletzungsbedingt zwei zentrale Figuren mehrere Monate lang gefehlt, auf der wichtigen Position sechs. Das kannst du nicht immer kompensieren. Die Strategie und die Planung war dieselbe wie im Vorjahr oder zuvor bei Jahn Regensburg. Aber wenn die entsprechende Qualität bei den Spielern fehlt, wird es schwierig. Ich nenne Ihnen noch ein anderes Beispiel.


Bitte!

Als wir 1995 mit Borussia Mönchengladbach DFB-Pokalsieger geworden sind, Tabellenfünfter in der Liga und ich Torschützenkönig, da war das die nahezu identische Mannschaft, die ein Jahr vorher auf Platz 12 abgeschlossen hat. Mit einem Unterschied, und der hieß Stefan Effenberg. Der zentrale Super-Leader hat dieselbe Mannschaft nach oben gebracht.


Zurück in die Aktualität: Sie haben in den sechs Spielen vor Ihrer Entlassung vor Weihnachten 13 Punkte geholt. Und mussten doch gehen.

Ja, aber der schlechte Start ist uns hinterhergelaufen. Trainer können nicht zaubern. Noch weniger bei drei parallelen Wettbewerben, wenn alle drei, vier Tage ein Spiel ansteht. Dann wird es unheimlich schwer, groß konzeptionell zu arbeiten. Es hängt manchmal an Kleinigkeiten. Wie im Hinspiel Leverkusen gegen Dortmund.

Heiko Herrlich im Interview: Das Resultat spiegelt nicht die Leistung des BVB wider

„Er hat alle Fähigkeiten, die ein Spitzenspieler braucht“, sagt Herrlich über seinen ehemaligen Schützling und BVB-Neuzugang Julian Brandt. © imago

Da hat Ihre Mannschaft zur Pause verdient mit 2:0 geführt und hatte Chancen auf das dritte Tor.

Wir kommen stark aus der Pause, einmal hält Bürki überragend gegen Brandt, dann springt Vollands Schuss vom Innenpfosten zurück ins Feld. Bei Alcacer fliegt der Ball dann später auf der anderen Seite zum 2:3 über die Linie und wir verlieren. Da bist du als Trainer auch hilflos, für uns war das ein Schlüsselspiel und ein Nackenschlag. Und für den BVB ein riesiger Schub.


Der Fußball hat sich seit Ihrem Profidebüt 1989 extrem verändert. Ist Ihre Liebe zum Spiel dieselbe geblieben?

Fußball ist meine Leidenschaft geblieben, auch wenn das Spiel sich enorm verändert und entwickelt hat. Wenn Sie heute mal ein Spiel von früher schauen, etwa von 1990: In Ballnähe haben die Spieler ja schon attackiert. Aber die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen – da hätten ja Hubschrauber landen können! Die haben das ganze Feld ausgenutzt damals, und wer führte, hat dem Torhüter den Ball zurück in die Arme gespielt. Der Fußball ist heute viel athletischer geworden. Gelaufen sind wir damals auch mehr als zehn Kilometer, aber nur mit vielleicht fünf längeren Sprints. Heute liegt die Anzahl der durchschnittlichen Sprints bei 25 oder 30 pro Spiel. Das ist eine wesentliche Veränderung. Das erfordert ein anders Training, eine andere Regeneration. Durch die andere Belastung spielen andere Spielertypen eine Rolle. Ich denke, Fußball ist heute durch diese Schnelligkeit schön anzuschauen.


Könnten Sie auf den Glanz und Glamour drumherum verzichten?

Das ist eine hypothetische Frage. Man muss ja persönlich nicht jede Entwicklung mitmachen. Der Fußball hat sich so entwickelt und profitiert davon. Die Anziehungskraft ist riesig, die Menschen sind begeistert. Das Publikum zeigt ganz genau, was es will und was nicht, was es an Kommerzialisierung erträgt und was nicht. Ich kann Fans verstehen, die montags nicht für ein Spiel irgendwohin fahren wollen. Und die Fußball-Liga macht das ja nur, weil sie die Bundesliga besser vermarkten und wettbewerbsfähig halten will. Es ist eine komplexe Diskussion.


Dann eine einfache Fußball-Fachfrage: Was macht Ihren ehemaligen Schützling Julian Brandt zu einem herausragenden Kicker?

Er hat alle Fähigkeiten, die ein Spitzenspieler braucht. Das hat er sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft mehrfach unter Beweis gestellt. Trotzdem glaube ich, dass seine Entwicklung noch nicht zu Ende ist. Es wird sich zeigen, wie hungrig er ist in den nächsten Jahren. Ich denke, dass er noch ganz große Titel gewinnen kann.

Was ist denn die beste Position für ihn? Er hat Zehner gespielt, auf dem Flügel, unter Trainer Peter Bosz zuletzt Achter.

Er hat sogar schon mal als Außenverteidiger vor der Dreierkette gespielt, sogar sehr gut! Das zeichnet ihn aus. In der Jugend war er hängende Spitze, bei mir Außenstürmer. Da hat er auch seine Tore und Leistungen gebracht. Auf der Acht kann er auch spielen. Es ist gut und zeichnet ihn aus, dass er vielseitig ist.


Wann sehen wir Sie wieder als Trainer im Profigeschäft?

Ich bin da ganz offen.

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