Fußball um jeden Preis? Umgang mit Risikogruppen ist ein heikles Thema

dzBorussia Dortmund

Der Umgang mit Risikogruppen für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf ist auch im Fußball ein heikles Thema. DFL und BVB halten sich bedeckt. Es gilt das Prinzip der Freiwilligkeit.

Dortmund

, 14.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es waren Worte, die nachhallten. Birger Verstraete äußerte sich Anfang Mai besorgt über die Fortsetzung der Bundesliga-Saison während der Corona-Pandemie. Der Sinn stehe ihm nicht nach Fußball, erklärte der Spieler des 1. FC Köln im belgischen Fernsehen. Zwei Spieler sowie ein Physiotherapeut des FC waren zuvor positiv auf das Coronavirus getestet und in Quarantäne geschickt worden, der Rest der Mannschaft trainierte weiter. „Wir trainieren in zwei Gruppen und du weißt, dass die Jungs dir dabei extrem nah gekommen sind“, erklärte Verstraete. Das sei alles „ein bisschen bizarr“.

Gesundheit wichtiger als Fußball

Seine Sorgen würden vor allem aus der Tatsache resultieren, erklärte der Belgier, dass seine Freundin zur Risikogruppe für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf gehöre. Die Gesundheit sei ihm daher „viel wichtiger“ als die Wiederaufnahme des Spielbetriebs. „Ich möchte, dass alle gesund sind, bevor wir wieder Fußball spielen.“ Später ruderte er öffentlich zurück. In einer Stellungnahme des Klubs wurde Verstraete wie folgt zitiert: „Statt aus der Emotion heraus ein Interview zu geben, hätte ich den Kontakt zu unserem Arzt suchen und mir meine Fragen erklären lassen müssen. Es lag nicht in meiner Absicht, den zuständigen Behörden oder dem 1. FC Köln Vorwürfe zu machen.“

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Das Thema mit den Risikogruppen ist für die Deutsche Fußball Liga und ihre Klubs besonders heikel. Viele Spieler, junge und gesunde Spitzensportler, die regelmäßig auf Herz und Nieren getestet werden, sorgen sich mitunter weniger um sich selbst als um ihre Angehörigen. Öffentlich ist von diesen Sorgen bis auf einige wenige Ausnahmen nicht viel zu hören. Verstraete vermutet, den Grund dafür zu kennen: „Wenn jeder Spieler anonym entscheiden könnte - ohne, dass der Verein dir etwas übel nehmen könnte - wäre ich sehr gespannt, wie das Stimmungsbild aussehen würde. Alle sagen das Gleiche: Die Gesundheit der Familie steht an erster Stelle.“

Zahl der Risikopatienten im Profifußball wird nicht genannt

Wie groß die Zahl der Risikopatienten unter den gut 1000 Profis und ihren Familien sowie im Umfeld der Mannschaften der ersten und zweiten Liga ist, dazu schweigt die DFL und verweist auf den Datenschutz. Auch Borussia Dortmund möchte sich nicht dazu äußern. Auf Nachfrage heißt es: „Genau wie die Ruhr Nachrichten hoffentlich auch beachten wir, was unsere Angestellten angeht, Persönlichkeitsrechte, Fürsorgepflicht und Datenschutz. Das ist für uns als verantwortungsbewusster Arbeitgeber eine Selbstverständlichkeit. Über medizinische Details - unsere Angestellten betreffend - geben wir selbstverständlich keine Auskunft. Es sei denn, dies ist im Rahmen der Gesetzgebung, z.B. gegenüber Behörden oder Institutionen angezeigt.“

Gegenüber der DFL war es angezeigt. Im „Medizinischen Konzept für Training und Spielbetrieb im professionellen Fußball in den Monaten April bis Juli 2020“ der DFL-Taskforce heißt es auf Seite drei: „Im Zuge der selben Erhebung wurden die Vereine auch nach Personen in Mannschaft und Mannschaftsumfeld mit Risikofaktoren für schwere Verläufe von Covid-19-Erkrankungen befragt. Sofern diese nicht dem Trainings- und Wettkampfbetrieb fernbleiben können (präferierte Lösung), kann ihnen zumindest eine besondere Aufmerksamkeit bei allen präventiven Maßnahmen gewidmet werden.“

DFL regelt Umgang mit Risikopersonen

Auf Seite sechs heißt es zum Umgang mit möglichen Risikopatienten weiter: „Es ist hervorzuheben, dass eine Identifikation von Risikopersonen durch die unter a) beschriebene Abfrage bei den Vereinen bereits stattgefunden hat. Diese sollten von den Trainings- und Wettkampfmaßnahmen nach Möglichkeit ausgeschlossen werden. Betrifft dies Spieler, ist eine in der Verantwortung des Mannschaftsarztes liegende umfassende Aufklärung der betroffenen Person/en erforderlich.“

Letztendlich kommt die DFL-Taskforce zu dem Schluss, dass es den Spielern freigestellt werden solle, ob sie spielen möchten oder nicht. „Zu diskutieren ist vor dem Hintergrund üblicher Spielerverträge, inwieweit das Mitspielen angesichts der nie komplett zu beseitigenden Infektionsgefahr freiwillig erfolgt nach Erläuterung der Risiken und Maßnahmen durch den jeweiligen Mannschaftsarzt“, heißt es. „Die Task Force befürwortet eine Freiwilligkeit der Trainings- und Spielteilnahme nach entsprechender Aufklärung durch den Mannschaftsarzt.“

Prinzip der Freiwilligkeit nur theoretischer Natur?

Bislang hat sich in der Bundesliga kein Spieler zu Wort gemeldet, der seinem Beruf während der Corona-Pandemie nicht nachgehen möchte. Auch Birger Verstraete trainiert trotz seiner Kritik weiterhin mit seinen Mannschaftskameraden beim 1. FC Köln. Die Frage, ob das Prinzip der Freiwilligkeit nur theoretischer oder auch praktischer Natur ist, lässt sich dabei nicht wirklich seriös beantworten.

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Marco Reus, Borussia Dortmunds Kapitän, sagt: „Garantien für Gesundheit gibt es nie, natürlich auch nicht bei uns. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund der Maßnahmen und Testungen Gesunde mit Gesunden arbeiten, ist bei uns - wenn man das sachlich betrachtet - echt hoch. Als Sportler, aber auch als Familienvater, fühle ich mich in diesem Konzept gut aufgehoben und sehe deshalb keinen Grund, meinem Job nicht nachgehen zu können.“

BVB-Sportdirektor Zorc sieht „höchstmögliches Maß an Sicherheit“

BVB-Sportdirektor Michael Zorc meint: „Wenn wir das Hygienekonzept der DFL stringent umsetzen, sehe ich in diesem Beruf ein höchstmögliches Maß an Sicherheit dafür, dass auf dem Platz nur gesunde Spieler gegeneinander antreten. Es gibt Hygiene-Maßnahmen, regelmäßige Tests, Eingriffe in den häuslichen Bereich der Profis. Und auch die vielen Aufklärungsgespräche unserer medizinischen Abteilung mit einzelnen Profis sowie in Gruppen tragen sicher dazu bei, dass kein Spieler ein Problem darin sieht, seinem Beruf nachzugehen. Mein Eindruck ist: Alle BVB-Spieler wollen sehr gerne wieder ihrem Job nachgehen.“

Ab Samstag (15.30 Uhr/live im TV) haben sie wieder die Möglichkeit dazu. Der eine Profi wohl mit mehr, der andere wohl mit weniger gutem Gefühl.

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