Frisiert, nicht rasiert! Sancho bewegt sich beim BVB auf einem schmalen Grat

dzBorussia Dortmund

Mehrere BVB-Spieler verstoßen offensichtlich gegen die Hygiene-Vorschriften. Der Klub reagiert verstimmt. Bei Jadon Sancho häufen sich die Fehltritte - er bewegt sich auf einem schmalen Grat.

Dortmund

, 04.06.2020, 17:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es geht um Kohle, um Luxus und ein privilegiertes Leben. Mode, Autos und alles, was gefällt. Den US-amerikanischen Rapper Lil Baby hat der Song „Yes, indeed“ zu einer ganz großen Nummer gemacht. Mit 19 kam er aus dem Jugendknast, traute sich ans Mikrofon, nahm die Musik ernst und wird heute international gefeiert. Auf der Playlist von Jadon Sancho liegen die Songs von Lil Baby weit vorne.

Mehr noch als das Klischee von Tellerwäscher und Millionär zeigt der Blick auf die beiden Künstler - der eine Musiker, der andere Sportler - ihren hart erkämpften Weg nach oben. Auch Sancho, seit Ende März 20 Jahre jung, hätte sich in seiner Jugend im harten Alltag im Londoner Stadtteil Kennington oftmals für den falschen Weg entscheiden können. Viele Jungs, die er gekannt habe, seien kriminell geworden, hat er erzählt. Für ihn, trotz bescheidener Verhältnisse wohl behütet aufgewachsen, tat sich durch sein Talent eine Tür auf, die für andere verschlossen blieb.

Jadon Sancho verdient beim BVB ein stattliches Salär

Sancho konnte kicken. Und wie! Ein Straßenfußballer, dem die Kabinettstückchen von Ronaldinho imponierten, der so viel besser spielte als alle anderen seines Jahrgangs, der neben seinem Können auch den Ehrgeiz und den Fleiß mitbrachte. Viele seiner alten Kumpel sind seine Freunde geblieben, trotz der Zeit und Entfernung im Internat des FC Watford, später bei Manchester City oder seit 2017 in Dortmund. Was sich verändert hat, sind die Lebensumstände.

Sancho wird in England gehypt, er wurde mit 19 Jahren Nationalspieler, in der Bundesliga gibt es keine zwei besseren Offensivspieler als ihn. Er verdient noch nicht exorbitant viel Geld, aber ein stattliches Salär. Einiges von dem Lifestyle, den er aus Kennington kennt, haftet noch an ihm, und heute ist alles leicht erschwinglich für ihn.

Die Liste der Verfehlungen bei Jadon Sancho wächst

Schicke Autos zählen dazu, oder markante Tattoos. Erst kürzlich ließ er sich die Comicfiguren der Simpsons und den Computerspiel-Helden Sonic auf den Arm stechen. Coole Rap-Musik untermalt ein protziges Video vom Winterurlaub am Persischen Golf, ein fragwürdiges Steak mit Goldüberzug inklusive. Braucht es das? Das muss jeder für sich selbst entscheiden, solange er nichts Verbotenes tut - oder gegen interne Regeln verstößt, wie es Sancho mehrfach getan hat.

Frisiert, nicht rasiert! Sancho bewegt sich beim BVB auf einem schmalen Grat

© Deltatre

Die Liste der Verfehlungen des jungen Engländers wächst. Als Problemfall sieht man ihn bei Borussia Dortmund nicht. Als Sorgenkind schon. „Ich kann nicht alles kontrollieren“, sagte Trainer Lucien Favre schulterzuckend. „Er ist jung, wir waren alle mal jung, 18, 19 oder 20 Jahre alt. Aber er sollte das nicht machen, das ist klar.“

Jadon Sancho bewegt sich beim BVB auf einem schmalen Grat

Mal kam Sancho einen Tag zu spät von einer Länderspielreise zurück, weil er eine Terminänderung nicht beachtet hatte, und wurde für ein Spiel suspendiert. Im vergangenen Herbst musste er beim Champions-League-Spiel in Barcelona zunächst auf der Bank Platz nehmen, weil er wohl die Teamsitzung verpasst hatte. Während der Partie wurde er eingewechselt - und traf sehenswert zum 1:3. Auch das zeigt den schmalen Grat: Sancho ist besser als die meisten anderen. Das bedeutet aber nicht, dass die Regeln für ihn außer Kraft gesetzt werden. Hier ist der BVB nach den Vorfällen um Ousmane Dembele oder Pierre-Emerick Aubameyang ein gebranntes Kind.

„Es ist nicht nur Aufgabe des Trainers und des Trainerteams, auf die Disziplin zu achten“, sagt Michael Zorc. Für den Sportdirektor steht fest: „Da ist der ganze Klub gefragt, auch wir als Klubführung. Wir haben in der Vergangenheit mit den Spielern gesprochen. Auch mit Jadon persönlich. Wie gesagt, wir dürfen nicht vergessen, dass er ein sehr junger Spieler ist, dass er Grenzen austestet.“ Er, betonte Zorc, stehe nicht im Verdacht, Sancho permanent in Schutz zu nehmen. „Ich habe ihn ich auch schon das eine oder andere Mal sanktioniert.“

Sancho zeichnet auf dem Fußballplatz das Unvorhersehbare aus

Doch Sancho, den auf dem Fußballplatz das Unvorhersehbare auszeichnet, beweist in Sachen Disziplin weniger Lernfähigkeit als in Sachen Taktik auf dem Rasen. Keine Frage, als 20-Jähriger während des Corona-Lockdowns alleine in einer Wohnung im Ausland zu sitzen und sich zu langweilen, darüber schreiben Rapper keine coolen Songs.

Im vergangenen Herbst musste Jadon Sancho beim Champions-League-Spiel in Barcelona zunächst auf der Bank Platz nehmen, weil er wohl die Teamsitzung verpasst hatte.

Im vergangenen Herbst musste Jadon Sancho beim Champions-League-Spiel in Barcelona zunächst auf der Bank Platz nehmen, weil er wohl die Teamsitzung verpasst hatte. © imago / Kirchner-Media

Sich mal eben eigenständig auf den Weg nach London zu machen, sich über allgemeingültige und teaminterne Vorschriften hinwegzusetzen, das ist allerdings kein Kavaliersdelikt mehr. Dass der BVB für Sancho nach einem Ausflug auf die Insel Quarantäne angeordnet habe, dementierte Zorc am Donnerstag auf der Spieltags-Pressekonferenz vor der Partie gegen Hertha BSC (Samstag, 18.30 Uhr). „Unseres Wissens ist Jadon seit Wochen hier in Dortmund. Ich habe auch gelesen, dass wir ihn in eine 14-tägige Quarantäne gesteckt und eine Verletzung vorgetäuscht hätten. Das ist komplett falsch und inhaltlich nicht richtig.“

Neueste Sancho-Episode wirft ein schlechtes Licht auf den BVB

Sancho habe in der Tat im Frühjahr wochenlang im Training gefehlt - aber wegen der bekannten Wadenverletzung. Nach Informationen der Ruhr Nachrichten hat sich der Spieler vor zwei Monaten auch kurzzeitig aus dem Staub gemacht und womöglich nach seiner Rückkehr Quarantäne-Bestimmungen umgangen. Doch behördlich verfolgt wurde das offensichtlich nicht.

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Die Sancho-Episode wirft zusammen mit den Fotos von einem privaten Friseurtermin einiger Fußballprofis ohne Schutzmasken ein schlechtes Licht auf den BVB. Der Manager reagiert verstimmt: „Wir haben noch einmal mit den Spielern ganz deutlich darüber gesprochen und ihnen ganz klar erklärt, wie sie sich zu verhalten haben. Mit dem Friseur haben wir auch gesprochen. Warum man davon auch noch Fotos machen muss, verstehe ich überhaupt nicht“, sagte Zorc.

Problematischer Friseur-Besuch bei den BVB-Profis

Mehrere BVB-Profis hatten sich vorige Woche zu Hause die Haare schneiden lassen. Öffentlich wurde das, als in den sozialen Medien Fotos auftauchten, die den Friseur und einzelne Spieler zeigten - ohne die vorgeschriebenen Schutzmasken. Neben Axel Witsel, Thorgan Hazard, Raphael Guerreiro und Manuel Akanji vorne dabei: Jadon Sancho.

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Weil mindestens bei den „Beweisfotos“ keine Masken oder Gesichtsvisiere getragen wurden und allein der Besuch problematisch ist, haben die Spieler unweigerlich gegen die Hygienevorschriften der DFL verstoßen. Der BVB stehe deswegen „im Dialog“ mit der DFL, bestätigte Zorc. Ob das Kleingedruckte die Spieler kümmert, wenn sie Gangster-Rappern lauschen?

Im Taskforce-Papier der DFL heißt es in der Rubrik „Vorgaben für die häusliche private Hygiene im Alltag“ unter anderem: „Keine Kontakte zur Nachbarschaft oder zur Öffentlichkeit. Im Haus/in der Wohnung bleiben. Keine Besuche empfangen“. Diese Regeln hatte die Liga gemacht, um von der Politik die Genehmigung zu erlangen, den Spielbetrieb wieder aufnehmen zu dürfen.
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