BVB oder Bayern, wer macht das Titel-Rennen? Im Fernduell sind starke Nerven gefragt. Und noch weitere Faktoren könnten eine Rolle spielen. Wir analysieren den Ist-Zustand beider Klubs.

Dortmund

, 15.05.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für die Fans der Bundesliga werde es extrem spannend, sagt Sebastian Kehl, Leiter der Dortmunder Lizenzspielerabteilung. „Schön, dass es in so einer Konstellation mal wieder in den 34. Spieltag geht.“ Borussen oder Bayern, wer hinterlässt den stabileren Eindruck, bei wem stimmt die Form eher? Wie gefestigt sind die Trainer, und wie steht es um das Personal? Ein direkter Vergleich der Duellanten.


Die Form:

Dortmund schlingert, trifft oft, kassiert aber auch (zu) viele Gegentore. Regelmäßig enden die Schlussphasen der Partien mit purer Panik. „Man sieht, dass die letzten Wochen Spuren hinterlassen haben, weil wir mehrfach einen Vorsprung verspielt haben“, analysierte Michael Zorc. Der BVB-Sportdirektor gibt zu: „Wir haben nicht mehr die Sicherheit im eigenen Spiel.“

„Wir haben nicht mehr die Sicherheit im eigenen Spiel.“
Michael Zorc

Selbst gegen den klaren Außenseiter Fortuna Düsseldorf und mit einer stärkenden 3:1-Führung stolperte der BVB durch die Nachspielzeit. Seine Mannschaft müsse „die Ruhe bewahren“, fordert Trainer Lucien Favre, der für mehr Sicherheit im Zweifel mehr Defensivspieler einwechselt. Eine Rechnung, die nicht immer aufgeht.

Auch München überzeugte zuletzt nicht

An der Favoritenrolle der Bayern gibt es aufgrund der Tabellenkonstellation keine Zweifel. Wohl aber an der Vormachtstellung des Sterns des Südens, wie Sebastian Kehl, Dortmunds Leiter der Lizenzspielerabteilung, zu Protokoll gibt: „Ich glaube nicht“, sagt Kehl, „dass die Überzeugung bei den Bayern im Moment so groß ist, dass sie sagen: ,Das ist eigentlich geklärt.‘ Wenn es dort ein kleines Wanken gibt, dann wollen wir es nutzen.“

Auch bei den Münchnern ist das letzte überzeugende Fußballspiel schon eine Weile her, Mitte April gab es ein 4:1 in Düsseldorf. Seitdem: Knappe Resultate, Leistungen mit Licht und Schatten. Kehl: „Die Bayern sind zuletzt auch nicht so souverän aufgetreten.“ Am letzten Spieltag unbedingt punkten zu müssen, „diese Situation wird für sie jetzt noch einmal eine Herausforderung sein“.


Die Trainer:

Lucien Favre wird für seine erfolgreiche Arbeit in Dortmund nach Saisonschluss mit einer Vertragsverlängerung belohnt. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke spricht unabhängig vom Ausgang am Samstag von „einer tollen Saison. Wir haben schon jetzt 18 Punkte mehr als im vergangenen Jahr, insofern kann man allen Beteiligten nur gratulieren.“

„Eine tolle Saison - man kann allen Beteiligten nur gratulieren.“
Hans-Joachim Watzke

Unabhängig davon soll, so ist zu hören, Favres extrem vorsichtige Herangehensweise auch gegen Gegner aus dem unteren Tabellensegment im Team nicht immer auf Gegenliebe gestoßen sein. Favre predigt Geduld, was zu einem deutlichen Tempo-Verlust geführt hat. Etliche Spiele der vergangenen Wochen waren von seiner Maxime der Fehlervermeidung geprägt. Risikobereitschaft ließ der Schweizer selten erkennen, diskutabel ist auch sein Coaching während des Spiels.

Kovacs Zukunft alles andere als gesichert

Dennoch darf sich der 61-Jährige des bedingungslosen Rückhalts der Vereinsführung sicher sein – ein Zustand, den Nico Kovac in München seit dem Sommer nicht mehr kennt. Die Führungsspitze des Rekordmeisters ließ auch nach dem 33. Spieltag keine Gelegenheit aus, die Zukunft des Kroaten offen zu lassen – und das vor dem bedeutendsten Saisonfinale der vergangenen Jahre.

Dass Kovac aus Fehlern der Hinrunde (zu starke Rotation) gelernt hat und die Bayern nach einem zwischenzeitlichen Neun-Zähler-Rückstand wieder in die Pole Position um die Meisterschaft geführt hat, reicht offenbar nicht. Das sang- und klanglose Ausscheiden aus der Champions League hängt Kovac nach. Selbst beim immer noch möglichen Double-Gewinn soll seine Zukunft nicht gesichert sein.


Das Personal:

Beide Kontrahenten bangen um ihre Nummer eins: Manuel Neuer verpasste nach seinem Muskelfaserriss in der Wade das angepeilte Comeback in Leipzig, startet aber in dieser Woche wie Dortmunds Roman Bürki einen ernsthaften Trainingsversuch. Bürki verzichtete auf einen Einsatz gegen Düsseldorf, nachdem ihn muskuläre Probleme im Training ausgebremst hatten. Rückkehr wahrscheinlich.

Reus und Sancho rücken wieder in die Startelf

Der BVB kann auch wieder mit Kapitän Marco Reus planen, dessen Rot-Sperre aus dem Derby abgelaufen ist. Auch Jadon Sancho wird am Samstag in Gladbach in der Startelf zurückerwartet.

Bayerns Mittelfeld-Stratege Thiago hat nach seiner Auswechslung in Leipzig Entwarnung gegeben, die Prellung ist nicht so schlimm wie erwartet. Javier Martinez, beim 0:0 am Samstag geschont, wird Trainer Niko Kovac zur Verfügung stehen. Sogar der langzeitverletzte Corentin Tolisso (Kreuzbandriss) drängt wieder in den Kader. Für die Bayern-Altstars Franck Ribéry und Arjen Robben ist es das letzte Ligaspiel.


Die Psyche:

Ihren ersten Matchball haben die Bayern vergeben, angesichts der anspruchsvollen Aufgabe in Leipzig kam das weniger überraschend. Die Nullnummer bei den Sachsen beschert die komfortable Situation, dass ein Unentschieden gegen Frankfurt reicht. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, sagte Niko Kovac kämpferisch nach der verpassten Krönung am Wochenende in Leipzig.

„Das Momentum ist auf unserer Seite.“
Thomas Müller

„So eng war es noch nie. Wir wollen das Ding unbedingt holen“, erklärte Thomas Müller. Er wies mit Nachdruck darauf hin, dass er vor wenigen Monaten glücklich gewesen wäre über die Chance, es am letzten Spieltag selber zu richten mit dem siebten Titel in Serie. Das Momentum, glaubt Müller, „ist auf unserer Seite“.

Klar umrissen ist die Aufgabe für den BVB: „Wir müssen den Druck besser beherrschen“, sagt Trainer Favre beschwörend. Seit Wochen läuft es eher umgekehrt, da beherrscht der Druck den BVB, Nervenflattern war ein ständiger Begleiter. Zu einfache Gegentore haben zuletzt die Statik sofort ins Wanken gebracht. Mental stabil auf dem Rasen zu stehen, das wird am Samstag die große Herausforderung sein.

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