Dortmunder Sportmediziner: „Es wird mehr Verletzungen geben“

dzInterview

Dem BVB bleibt wie allen anderen Bundesligisten kaum Zeit für volles Training, bis die Liga wieder startet. Sportmediziner wie Dr. Bartosz Wojanowski rechnen mit vielen Verletzungen.

Dortmund

, 12.05.2020, 18:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Samstag rollt in der Bundesliga wieder der Ball. Die Fußballer haben dann weniger als zwei Wochen Mannschaftstraining absolviert. Worin die Gefahr der plötzlich hohen Belastung liegt und warum er mit vielen Verletzungen rechnet, erklärt Sportmediziner Dr. Bartosz Wojanwoski im Interview. Er hat jahrelange Erfahrungen gesammelt mit Profi- und Amateursportlern, darunter vier Jahre lang beim FC Schalke 04.


Erwarten Sie ein erhöhtes Verletzungsrisiko nach der achtwöchigen Wettkampfpause wegen der Corona-Pandemie? Und warum?

Ja, wir erwarten durchaus ein pauschal erhöhtes Verletzungsrisiko. Die Ursache ist hierfür hauptsächlich in der fehlenden Spielpraxis wie auch den hohen Belastungsspitzen zu suchen, die ein solches Spiel mit sich bringt. Gerade in einem hart umkämpften Match, wie es besonders gegen Ende der Saison üblich ist, wird den Spielern eine alternierende und zusätzliche Belastung durch Sprints und Zweikämpfe abverlangt. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass sich die Saison im übertragenen Sinn auf der Zielgeraden befindet.


Es gab doch lange „Pause“?

Interessant wird hierbei ebenfalls die Beobachtung werden, welche Spieler den hohen Trainingsumfang bestmöglich fortgesetzt haben. Hier werden sich sicher Unterschiede zwischen den Spielern ergeben, denn jeder wird im „Home Office“ individuell an seiner Fitness gearbeitet haben. Wer da nachlässig war, schleppt eine Hypothek mit sich herum. Allerdings wird zunächst allen Spielern die Spielpraxis fehlen. Unabhängig davon gibt es aber auch Spieler, die durch eine Verletzung geschwächt in die Zwangspause gegangen sind, oder durch leichte Blessuren nicht die volle Leistung abrufen konnten. Gerade für diese Spieler kann die „Corona-Pause“ auch eine positive Entwicklung hervorbringen, denn so hatten die Profis genug Zeit, um sich zu regenerieren und die individuellen Schwächen aufzuarbeiten. Sie konnten von der Spielpause profitieren und nun fit in die finalen Partien gehen.

Der Dortmunder Sportmediziner Dr. Bartosz Wojanowski rechnet mit vielen Verletzungen.

Der Dortmunder Sportmediziner Dr. Bartosz Wojanowski rechnet mit vielen Verletzungen. © Dr. Wojanowski


Was können Spieler tun, um sich zu schützen? Und sind zwei Wochen Mannschaftstraining ausreichend als Vorbereitungszeit?

Es wird hier eine essenzielle Rolle spielen, wie die einzelnen Spieler die Pause genutzt und trainiert haben. Hier wird der individuellen Betreuung der Vereine eine tragende Rolle zugeschrieben. Jetzt kommt es darauf an, mit den Athleten die Spielbelastung zu simulieren und die Intensität auch in einer entsprechenden Trainingseinheit, mit und ohne Ball, widerzuspiegeln. Damit kann man den Rhythmus der Spiele auch in intensiven Einheiten wieder in Erinnerung rufen. Trainingsformen wie die intensive Intervallmethode kommen der Belastung eines Fußballspiels hier sehr nahe und können adäquate Alternativen darstellen.


Und die Prävention?

Wichtiger denn je wird zur Verletzungsprophylaxe das Aufwärmprogramm sein, ebenso die aktive Regeneration nach Einheiten und Spielen. Hier ist es wichtig, jedem Spieler die individuell nötige Zeit sowie die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen, um auf seinen Körper einzugehen. Die Trainerteams müssen hier ein feines Gespür dafür beweisen, aus vielen einzelnen Niveaus der Spieler wieder eine Mannschaft zu formen. Dafür können, meiner Meinung nach, zwei Wochen Mannschaftstraining durchaus ausreichend sein, wenn im Vorfeld die Zeit entsprechend gut genutzt worden ist. Das Augenmerk sollte dabei klar auf einer Kombination aus Technik, Taktik, Spielpraxis wie auch allgemeinen koordinativen und konditionellen Grundlagen liegen. Trainingsspiele und Spielformen mit hoher Belastungsintensität fordern die Spieler konditionell, verhelfen aber auch gleichzeitig zur nötigen Spielpraxis sowie Sicherheit am Ball und in den Zweikämpfen.


Welche Auswirkungen wird die geballte Belastung in den nächsten Wochen haben?

Wir gehen stark davon aus, dass es zu einer gehäuften Zahl an Verletzungen kommen wird. Besonders die spontanen Verletzungen wie Zerrungen, Muskelfaserrisse etc. werden im Vordergrund stehen.


Müssen Profis das nicht „können“?

Den Spielern wird spontan eine sehr hohe physische Belastung abverlangt, worauf sich der einzelne Athlet zunächst einstellen muss. Auch werden die Trainingsinhalte hierauf abgestimmt werden müssen. In Anbetracht der Tatsache, dass aktuell über Englische Wochen mit zwei Pflichtspielen pro Woche anstehen, muss in den Trainingseinheiten viel mehr regenerativ gearbeitet werden. Den aktuell laufenden zwei Wochen Mannschaftstraining kommt also eine noch höhere Bedeutung zu.

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