Der Stand der Dinge bei BVB-Star Jadon Sancho: Kompliziert und einfach

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BVB-Star Jadon Sancho gehört in diesem Sommer zu den heißesten Aktien auf dem Transfermarkt. Was die Klubs wollen, was der Spieler möchte, wie es weitergehen könnte.

Dortmund

, 25.07.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Jadon Sancho ist ein wichtiger Bestandteil des BVB-Kaders. Der junge Engländer ist sportlich wichtig – und finanziell. Nicht umsonst gehört Sancho in diesem Sommer zu den heißesten Aktien auf dem Transfermarkt. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Poker um BVB-Star Jadon Sancho: Was will Borussia Dortmund?

Der BVB möchte Jadon Sancho am liebsten halten, für mindestens eine weitere Saison. Sportdirektor Michael Zorc sagte den Ruhr Nachrichten: „Wir können uns sehr gut vorstellen, mit Jadon ins nächste Jahr zu gehen, weil er einfach einen sportlichen Mehrwert liefert.“

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Den besten Scorer zu verlieren (38 Torbeteiligungen in 43 Spielen), das würde die Borussen schmerzen und sportlich hart treffen. Seit 2017, als der BVB Sancho für rund 8 Millionen Euro Ausbildungsentschädigung von Manchester City loseiste, hat der Klub den Spieler kontinuierlich aufgebaut. Dass Dortmund seine Topspieler in den seltensten Fällen halten kann, gehört zur leidvollen schwarzgelben Realität. Es gibt halt finanzielle Schmerzgrenzen.

Im Fall Sancho liegt diese Grenze bei 120 Millionen Euro. Klubchef Hans-Joachim Watzke hat bei dieser Summe für alle Interessenten vernehmbar „keinen Cent Corona-Rabatt“ in Aussicht gestellt. Der BVB ist trotz Coronakrise und 45-Millionen-Euro-Loch nicht genötigt, Spieler unter Wert zu verkaufen. Auch im Sommer 2021 oder sogar im Winter 2021/22 könnte der Klub seinen teuersten Spieler (Vertrag bis Sommer 2022) noch veräußern. An einen dauerhaften Formabfall und Einbruch des Marktwertes glaubt beim bärenstarken Sancho niemand.

Der Stand der Dinge bei BVB-Star Jadon Sancho: Kompliziert und einfach

© deltatre

Außerdem haben die BVB-Bosse aus den leidvollen Erfahrungen mit Ousmane Dembélé oder Pierre-Emerick Aubameyang gelernt. Sie wollen keinen Tag länger herumlavieren als intern festgelegt und klare Leitlinien einziehen. Watzkes Aussage von damals hat Bestand: „Der nächste Spieler, der versucht, uns unter Druck zu setzen, indem er Leistung zurückhält oder gar streikt, wird damit nicht durchkommen - und auf der Tribüne sitzen. Das ist eine öffentliche Aussage, an der ich mich messen lasse.“ Den Transfer mit Schmollen durchzusetzen oder so den Preis zu drücken, das dürfte Sancho nicht gelingen.

Außerdem will der Klub schnellstmöglich Planungssicherheit. Heißt: Wenn die Profis mit Trainer Lucien Favre am 10. August ins Trainingslager nach Bad Ragaz in der Schweiz aufbrechen, ist Sancho idealerweise dabei – und bleibt. Oder er ist nicht dabei – und der Verein hat eine neunstellige Summe eingenommen.

Für letzteren Fall hat Manager Zorc seit Monaten am Plan B gewerkelt. „Falls es einen Transfer geben würde, hätte dieser ja auch eine bestimmte wirtschaftliche Dimension“, erklärte er auf Anfrage. Will heißen: Einen guten Teil des Ertrags wird der Klub reinvestieren, vermutlich nicht in nur einen Spieler, sondern möglicherweise in zwei Kandidaten, von denen einer ein eher klassischer Flügelspieler und der andere eher im Sturmzentrum zuhause wäre. Das würde die Last des Sancho-Erbes auf mehrere Schultern verteilen und taktisch mehr Optionen bereithalten.

Was möchte BVB-Profi Jadon Sancho?

Jadon Sancho hat nie Zweifel daran gelassen, dass er eines Tages zurück auf die Insel möchte. Die Premier League ist international das Maß aller Dinge, England seine Heimat, da liegt die Sehnsucht nach einer Rückkehr nahe. Bei den fußballbegeisterten Sanchos zählt schlussendlich nur die englische Liga. Obendrein könnte er sein Gehalt bei Manchester United mindestens verdreifachen. Für einen 20-Jährigen, der den Verlockungen des luxuriösen Lebens nicht immer widerstehen kann, dürfte auch das ein Argument sein.

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Doch allein dem Geld hinterherzulaufen, dafür ist Sancho zu schlau und zu gut beraten. Bislang hat er in seiner Karriere stets goldrichtige Entscheidungen getroffen. Vom Straßenfußballer im Londoner Süden ins (Teil-)Internat beim FC Watford im Norden der Stadt, dann der Wechsel in die Akademie von Manchester City, so etwas wie „state of the art“ im Fußballgeschäft. Und als beispielsweise der FC Bayern München ihn lockte mit der Aussicht auf baldige Titelgewinne, entschied sich Sancho für Borussia Dortmund und damit für Spielpraxis und persönliche Weiterentwicklung. Dass der englische Nationalspieler reif wäre für die Insel, daran besteht bei seiner sportlichen Einschätzung überhaupt kein Zweifel. Gleichzeitig haben Sancho und sein Umfeld mehrfach bestätigt, dass er sich in Dortmund sehr wohl fühlt. Er weiß die Förderung und Unterstützung der vergangenen Jahre sehr zu schätzen und hat beispielsweise die nachträglichen Verstärkungen durch Emre Can und Erling Haaland im Winter ausdrücklich begrüßt. Ein weiteres Jahr in Dortmund würde bei ihm keine schlaflosen Nächte verursachen.

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Eine eindeutige Aussage lässt sich Sancho derweil nicht entlocken. „Man weiß nie, was passieren könnte, also werden wir abwarten und sehen“, sagte er dieser Tage einem englischen Magazin. Was alles und nichts bedeuten kann.

BVB-Star Jadon Sancho im Fokus: Was überlegt Manchester United?

Direkte Geschäftsbeziehungen haben der englische Traditionsverein und der BVB in den vergangenen Jahren wenig geführt. An Wechseln hat es nur den Tausch von Shinji Kagawa gegeben – einmal hin und zurück. Doch auf dem Transfermarkt sind die beiden Großklubs immer wieder aneinandergeraten. Zuletzt im vergangenen Winter: Auf Erling Haaland hatte auch United ein Auge geworfen und sich beste Chancen ausgerechnet, schließlich coachte Manchesters norwegischer Trainer Ole Gunnar Solskjaer Haaland bereits in der Heimat bei Molde FK. Doch der Stürmer entschied sich für den BVB, wie auch Emre Can: Als ehemaliger Spieler des FC Liverpool könne er unmöglich zu den Red Devils wechseln, erklärte er.

Seit dem Abgang von Sir Alex Ferguson 2013 haben die „Red Devils“ eine lange Misere durchgemacht und auch bei der Verpflichtung von Spielern oft danebengelegen. Liverpool ist enteilt, Manchester City stärker aufgestellt, Chelsea rüstet massiv auf (Ziyech, Werner, Havertz?). Wenn United nicht abgehängt bleiben will, müssen sie sich verstärken, obwohl die Offensive mit Marcus Rashford, Mason Greenwood und Jesse Lingard bereits gut aufgestellt ist.

Doch dafür braucht es Geld, und selbst in der Premier League, wo lange Milch und Honig flossen, müssen die Klubs wegen der Coronakrise haushalten. Sollte es Manchester nicht in die Champions League schaffen, wären die Finanzmittel wohl nicht ausreichend, und das Team ohne Königsklassen-Zulassung auch kein verlockender Ort für Sancho. Am Sonntag darf sich Solskjaers Team beim direkten Rivalen in Leicester keine Niederlage erlauben. Ohne Eintritt zur Gelddruckmaschine Champions League dürfte die Wahrscheinlichkeit auf eine Sancho-Verpflichtung rapide sinken.

Poker um BVB-Profi Jadon Sancho: Das Fazit

Jadon Sancho würde gerne in England spielen, muss aber nicht zwingend in diesem Sommer wechseln. Der BVB würde einen Wechsel hinnehmen, wenn der Preis stimmt. Alternative Pläne liegen bereit. Ob Manchester United aber 120 Millionen Euro zahlen kann und will, das werden die nächsten Tage erweisen. Für ein Angebot mit einer niedrigeren Summe können sich die Engländer das Faxpapier jedenfalls sparen, heißt es in Dortmund.

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