Der BVB und die TV-Gelder: Große Stücke vom kleinen Kuchen

dzBorussia Dortmund

Erst wird gefeilscht, dann ausgezahlt: Um die Verteilung der TV-Gelder wird in der Bundesliga heftig gestritten. Worum es geht, und wo Borussia Dortmund steht.

Dortmund

, 18.11.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es steht Geld auf dem Spiel, viel Geld. Mit 4,4 Milliarden Euro Fernsehgeldern nimmt die Deutsche Fußball Liga (DFL) für die Klubs in der 1. und 2. Bundesliga für den Vierjahreszyklus von 2021 bis 2025 zwar knapp weniger ein als zuvor. Doch der Kuchen kommt mit mehr als einer Milliarde pro Saison immer noch üppig daher. Und jeder Verein will ein möglichst großes Stück davon für sich.

Aus der internationalen TV-Vermarktung fehlen gut 50 Millionen Euro

Für manche Vereine geht es dabei womöglich um die Existenz, anderen zumindest an die Substanz. Verschärft durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise auf die Fußball-Bundesligisten entbrennt in der DFL ein Streit um die Verteilung der Einnahmen aus der TV-Vermarktung. „Wer gut gewirtschaftet hat, sollte nicht für die Misswirtschaft anderer herangezogen werden“, sagt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.

Doch bevor es um zukünftige Millionen geht, müssen erst einmal die aktuellen Einbußen bewerkstelligt werden. Aus der internationalen TV-Vermarktung fehlen mehr als 50 Millionen Euro, weil Rechteinhaber seit der Liga-Unterbrechung im Frühjahr 2020 nur auf Druck und nur teilweise (China) oder gleich gar nicht (Naher Osten) für ihre Lizenzen gezahlt haben. Auch für die kommende Spielzeit steht noch weniger Geld aus dem Ausland in Aussicht. Und auch in der Inlandsvermarktung sind es statt 1,38 Milliarden Euro aus dem laufenden Paket dann nur noch 1,2 Milliarden Euro, die zur Auszahlung kommen.

Verteilung der TV-Gelder: Möglichst geringe Mindereinnahmen

Das trifft alle DFL-Klubs gleichermaßen. „Wir haben ab der Saison 21/22 zwei Probleme auf dem Tisch: Wir werden national geschätzt wohl etwa 200 Millionen Euro weniger TV-Einnahmen und auch etwa knapp 100 Millionen weniger internationale TV-Einnahmen haben“, sagte Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge. „Alleine durch diesen Ausfall haben alle 36 Klubs schon mal brutto weniger, egal, ob sie Bayern München oder Jahn Regensburg heißen.“ Es geht also bei der Debatte um die Verteilung der TV-Milliarden nicht um mehr Geld, sondern um möglichst geringe Mindereinnahmen.


? Worüber wird diskutiert?

Die Debatte um die Verteilung der 4,4 Milliarden Euro spitzt sich zu. Mit einem Positionspapier plädieren vier Erstligisten (Augsburg, Mainz, Bielefeld, Stuttgart) und zehn Zweitligisten für eine nach ihrer Ansicht gerechtere Verteilung der Fernsehgelder. Vorige Woche setzten die „G15“ - die 14 weiteren Bundesligisten und der Hamburger SV - mit einem gemeinsamen Treffen einen Kontrapunkt entgegen. Alles solle im Wesentlichen so bleiben wie es ist, wer ausschert, sei halt draußen. Ob öffentliches Feilschen um die Verteilung von Unsummen der in Misskredit geratenen Branche hilft, sei dahingestellt.

Dass jeder Klub um sein Wohl bemüht ist, sollte selbstverständlich sein. Schließlich machen die Einnahmen aus der TV-Vermarktung - vor allem bei den finanzschwächeren Klubs - oft ein Drittel und mehr vom Umsatz aus, getrieben durch die fast inflationäre Entwicklung der Fernsehgelder in den vergangenen zehn Jahren. Der zu erwartende Rückgang träfe „jene kleineren Klubs härter, die, wie wir, im Verhältnis mehr von den Medienerlösen abhängig sind als von anderen Einnahmen“, erklärte Jan Lehmann, kaufmännischer Vorstand des FSV Mainz 05. „Ich bin der Meinung, dass der Status quo richtig ist“, hält Watzke entgegen. Wer versuche, die Zugpferde der Liga zu schwächen, der schwäche die gesamte Liga. Die Frage lautet, wie viel Spreizung dem Fußball gut tut - und wie viel nicht mehr.


? Wie sieht der aktuelle Verteilungsschlüssel aus?

Ein auf vier Säulen fußendes Modell honoriert vor allem sportlichen Erfolg in der jüngeren Vergangenheit. 70 Prozent des Volumens werden durch die Fünfjahreswertung mit absteigender Gewichtung der Spielzeiten (5:4:3:2:1) ausgeschüttet. An den bestplatzierten Klub gehen davon 5,8 Prozent, an die Nummer 18 noch 2,9 Prozent.

Zweite Säule: Traditionsklubs der Bundesliga profitieren

In der zweiten Säule wird das sportliche Abschneiden in den vergangenen 20 Jahren berücksichtigt, ohne unterschiedliche Gewichtung der Spielzeiten. Davon profitieren unter anderem Traditionsklubs. Fünf Prozent der Gelder werden hier vergeben. Mit gerade einmal zwei Prozent werden eingesetzte Spieler aus dem eigenen Nachwuchsbereich gefördert.

„Wer gut gewirtschaftet hat, sollte nicht für die Misswirtschaft anderer herangezogen werden.“
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke

Säule vier (23 Prozent) honoriert ebenfalls den sportlichen Erfolg wie unter Säule eins, allerdings mit anderen Prozentsätzen, und die Klubs auf den Rängen eins bis sechs erhalten denselben Betrag. Grundsätzlich werden Berechnungen zufolge rund 50 Prozent paritätisch und 50 Prozent nach Leistung vergeben.

FCB und BVB führen Erlös-Tabelle an

Von den internationalen Erlösen werden 25 Prozent auf die 18 Bundesligisten verteilt, der mit 50 Prozent größte Posten wird anhand einer Fünfjahreswertung beim internationalen Abschneiden ausgeschüttet, das restliche Viertel auf Grundlage der Teilnahmen an Champions League und Europa League in den vergangenen zehn Jahren. Als Fixum gehen fünf Millionen Euro jährlich an die Zweitligisten.

Drei Beispiele: Der FC Bayern München (71 Millionen Euro) und Borussia Dortmund (69 Millionen Euro) führen die aktuelle Erlös-Tabelle an, Erstliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld kommt auf weniger als die Hälfte (30 Millionen Euro), Zweitliga-Schlusslicht Würzburger Kickers auf 7,5 Millionen Euro. Der FSV Mainz 05 liegt übrigens bei 46 Millionen Euro.



? Was spricht für eine Gleichmacherei?

Neben den Eigeninteressen von finanziell klammen Klubs wird vor allem eine Verbesserung des Wettbewerbs als Argument angeführt. „Der Fußball muss sich entscheiden, ob er wieder ein sportlicher Wettbewerb werden will oder einfach nur noch Unterhaltungsindustrie sein möchte. Für Ersteres müssen die Parameter geändert werden“, forderte Augsburgs Präsident Klaus Hofmann. Als einen großen Reiz der Bundesliga verbuchte die DFL jahrelang die vermeintliche Ausgeglichenheit in der sportlichen Leistungsfähigkeit. Doch ähnlich wie in Italien, Frankreich oder Spanien kommen nur ganz wenige Klubs für eine Meisterschaft in Frage. Die Top-Sechs in Deutschland sind seit Jahren dieselben, der Deutsche Meister heißt immer FC Bayern München. Diese „zementierten Verhältnisse“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) machen die Bundesliga nicht unbedingt attraktiver.

Die wirtschaftlichen Vorteile der Platzhirsche würde eine sozialistische Verteilung der TV-Gelder aber wohl nur begrenzt reduzieren, die Schere zwischen Groß und Klein bliebe offen. FCB und BVB haben als „Duopol im deutschen Fußball“ (Süddeutsche Zeitung) aufgrund ihrer Erfolge und langjähriger Vormachtstellung auch die größten Werbeeinnahmen und die hohen Gewinne durch die Teilnahme an der Champions League auf dem Konto. Ob höhere Einnahmen bei den kleineren Klubs automatisch zu einem verlässlicheren Wirtschaften, weniger Geldnöten und sportlichem Erfolg führen würden, erscheint zumindest fraglich.


? Was spricht gegen einen neuen Verteilungsschlüssel?

Man darf ungeniert erörtern, ob Bayern Münchens Wert und Bedeutung für die Bundesliga - in Deutschland und weltweit - tatsächlich nur viermal so groß ist wie der des jeweiligen Tabellenletzten. Und ob Mainz 05 zwei Drittel des Bayern-Betrages zustehen. Von der internationalen Strahlkraft eines Duells zwischen dem SC Paderborn und dem FC Augsburg mal ganz abgesehen. Die TV-Quoten von Bayer Leverkusen, 1899 Hoffenheim oder dem VfL Wolfsburg sind mitunter nicht einmal messbar.

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Sportlicher Aufstieg ist gleichzeitig möglich: Borussia Mönchengladbach oder Eintracht Frankfurt gelten als Beispiele für gutes Management und sportlichen Erfolg. Andere Klubs haben trotz horrender Ausgaben nur Misserfolge eingefahren. Es gebe eine „glasklare Korrelation zwischen finanziellem Aufwand und sportlichem Erfolg - wenn man nicht doof ist“, meint Watzke.


? Wie wird entschieden?

Entscheiden wird das DFL-Präsidium um Präsident Christian Seifert noch in diesem Jahr. Da das neunköpfige Gremium mittlerweile von Vertretern der mittelgroßen und kleinen Vereine dominiert wird, ist eine Umverteilung nicht unbedingt wahrscheinlicher, aber auch nicht ausgeschlossen.

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