Borussia Dortmund vor der Saison 18/19. Ein Verein, der sich gerade neu erfindet. Die Hoffnung ist groß, dass der BVB seinen eigenen Ansprüchen wieder gerecht werden kann. Unsere Analyse.

Dortmund

, 26.08.2018, 07:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wenn ein Klub, der in gar nicht allzu weit entfernter Vergangenheit damit und auch dadurch punktete, dass er über acht Spielzeiten hinweg ein und demselben Trainer vertraute, den dritten Neuanfang nacheinander ausruft, dann schaut Fußball-Deutschland ganz genau hin. Wenn dieser Klub Borussia Dortmund heißt und im Strom der zunehmend resignierenden Konkurrenten des übermächtigen FC Bayern immer noch als die Mannschaft angesehen wird, die dieser Übermacht aus dem Süden am ehesten die Stirn bieten könnte, sind die Blicke noch wacher, noch schärfer.

Zermürbende Zusammenarbeit

Wieder ein Neuanfang also. Nach Ewig-Trainer Jürgen Klopp kam Thomas Tuchel, der den BVB aus eingefahrenen Strukturen riss, ihn aber mehr Nerven kostete als den Hamburger SV der jahrelange Existenzkampf. Zwei Jahre dauerte diese zermürbende Zusammenarbeit. Nach Tuchel kam Peter Bosz, dessen ebenso revolutionäre wie streckenweise naiven Ideen Verein und Mannschaft hoffnungslos überforderten. Und nach Bosz nun also Lucien Favre, wobei man Peter Stöger nicht unerwähnt lassen sollte. Denn obwohl sein Wirken von vornherein mit einem klaren Enddatum versehen und auf wenige Monate begrenzt war, schuf er doch mit der erfolgreichen „Rettungsmission“, die mit der Qualifikation für die Champions League endete, erst die Voraussetzungen für den jetzigen Neustart unter dem Schweizer Favre.

Der BVB muss sich in der Spielzeit 18/19 neu erfinden

Der Dortmunder Königstransfer dieses Sommers: Sebastian Kehl. © dpa

Borussia Dortmund vor der Saison 2018/19, das ist ein Verein, der sich auf vielen Ebenen gerade neu erfindet. Auf dem Rasen, wo Favre für eine klar erkennbare Statik, Systematik und Spielidee sorgen soll, wie sie Tuchel einst implementierte. Auf der Funktionärsebene, wo aus dem langjährigen Führungsduo Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc durch die Installation von Sebastian Kehl nun ein Dreigestirn geworden ist, weil man erkannt hat, wie vielfältig und komplex das Führen eines Profi-Fußballvereins heutzutage ist. Und wenn man den als externen Berater angeheuerten Matthias Sammer hinzuzählt, den Schattenmann mit enormem Wortgewicht, ist es gar ein Quartett, das den BVB nun in eine konstant erfolgreiche Zukunft steuern soll.

Schwachstellen konsequent beheben

Was nach dem völlig verkorksten letzten Klopp-Jahr nicht passierte, hat eine turbulente Saison, die mit Platz vier tabellarisch noch versöhnlich endete, nun ausgelöst: Bei Borussia Dortmund ist alles auf Null gestellt worden. Mit einem gesunden Bodensatz, wie man ehrlicherweise sagen muss. Denn, „alles auf Null“ zu stellen, hieß nicht, dass die Borussia nun auch bei Null beginnen muss. Es galt vielmehr, das vorhandene Potenzial neu zu wecken und die erkannten Schwächen konsequent zu beheben.

Der Umbau und Neuaufbau in diesem Sommer erfolgte nach dem Motto: keine halben Sachen. 47 Gegentore kassierte der BVB in der abgelaufenen Spielzeit, die Zufahrt zum eigenen Strafraum wirkte dabei oft wie eine gerade frisch geteerte Straße: bequem und leicht zu passieren. Also trieb Borussia Dortmund die Verjüngung der Innenverteidigung weiter voran und ersetzte den zum FC Arsenal gewechselten Sokratis durch den Mainzer Abdou Diallo. Vor allem aber bestückte der BVB die Schaltzentrale vor der Abwehr gleich doppelt mit neuem Personal: Thomas Delaney ist dabei der lange gesuchte „Aggressiv Leader“, der Belgier Axel Witsel eher der Stratege, der aber auch durch seine Präsenz auf dem Platz für Respekt sorgt.

Konsequente Veränderungen in der Defensive

In keinem anderen Mannschaftsteil lässt sich die Konsequenz, mit der die Borussia auf die Erkenntnisse der Vorsaison reagierte, so gut ablesen wie im Zentrum vor der Viererkette. Punktuell wurde an weiteren Schwachstellen gearbeitet: Achraf Hakimi soll rechts Lukasz Piszczek entlasten, der aus Madrid gekommene Außenverteidiger könnte zur Not auch links auflaufen - wie auch Diallo, der dies in Mainz gerade in den Partien gegen Dortmund und München eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Der BVB muss sich in der Spielzeit 18/19 neu erfinden

Für Abdou Diallo (r.) überwiese der BVB 28 Millionen Euro an den FSV Mainz 05. © dpa

Offensiv hingegen blieb es erstaunlich ruhig - zum einen, weil das vorhandene Personal genügend Phantasie bietet. Aber auch, weil sich die leidige Stürmersuche wie erwartet äußerst zäh gestaltet. So kam bislang lediglich Marius Wolf für die rechte offensive Außenbahn. Ein Spielertyp, der zwar filigrane Elemente in seinem Spiel anbieten kann, der aber auch, wenn es sein muss, mal „zulangt“, wo es die Situation erfordert. Es ist klar erkennbar, dass der BVB bei der Suche nach Verstärkungen in diesem Jahr vor allem Wert auf körperliche Präsenz und Mentalität auf dem Platz gelegt hat.

Mannschaft ist Teil der klaren Linie

Mentalität ist auch abseits des Rasens wieder verstärkt gefordert. Wenn Sportdirektor Zorc von einem „leichten Auseinanderdriften“ zwischen Mannschaft und Fanlager spricht, dann deutet das an, dass die Kluft zwischen kickendem Personal und denen, die es nach vorne peitschen, im vergangenen Jahr ziemlich groß geworden ist - freilich nur das Ende einer Entwicklung, die schleichend begann. Mehr Begeisterung für den Arbeitgeber und Identifikation mit den Werten des Klubs bei den hochbegabten Angestellten, parallel dazu wieder deutlich mehr Nähe zum anfeuernden Volk - die Formel, was im täglichen Miteinander von Spielern, Funktionären und Fans gefordert ist, war schnell gefunden. Ebenso wie der, der die Einhaltung von simplen Regeln überwachen soll und das Gespür für Strömungen und Befindlichkeiten mitbringt: Sebastian Kehl.

Dem neuen „Leiter der Lizenzspielerabteilung“ kommt eine verantwortungsvolle Aufgabe zu. Kehl ist das Bindeglied zwischen Mannschaft und Verein, auch zwischen Mannschaft und Fans. Als er der Öffentlichkeit offiziell präsentiert wird, fallen in seiner Rede nicht zufällig immer wieder Worte wie „Disziplin“. Kehl betont, wie wichtig auch ihm das „Einhalten von Werten“ sei. „Die Zügel wurden ein wenig angezogen“, sagt Stürmer Maximilian Philipp, und er lässt durchblicken, dass das bei der Mannschaft nicht als Gängelung ankommt. Das Gegenteil ist eher der Fall: Die Spieler verstehen es als Teil der klaren Linie, die nun vorgegeben wird.

„Für ihn ist alles wichtig“

Die verfolgt auch der neue Trainer. Favre eilt der Ruf des verbissenen Taktikers voraus, der des detailverliebten Nerds. „Für ihn ist alles wichtig“, sagt Diallo mit Staunen in der Stimme. „Wie ich zum Gegner stehe, wie ich meinen Fuß halte, wenn ich in den Zweikampf gehe.“ Auf solche Details zu achten, sei enorm wertvoll, findet Mario Götze. „Sie machen den Unterschied, wenn es darauf ankommt.“ Favres Art scheint anzukommen, weil erste Erfolge messbar und erkennbar sind.

Der BVB muss sich in der Spielzeit 18/19 neu erfinden

Michael Zorc sagt über Lucien Favre: „Er steht für akribische Arbeit. Das bewirkt bei der Mannschaft viel.“ © dpa

Spielzüge wie beim 2:1 im Test gegen Liverpool dienen als perfektes Beispiel, wie Trainingsinhalte schnell im Spiel umgesetzt werden können. Wieviel Arbeit darin steckt, den Gegnern künftig deutlich weniger Freiräume und Chancen einzuräumen, sieht man erst auf den zweiten Blick. Aber auch da kann Favre auf Fortschritte verweisen. Seine Detailverliebtheit, sagt Sportdirektor Zorc, sei „genau das, was die Spieler brauchen. Er steht für akribische Arbeit. Das bewirkt bei der Mannschaft viel.“

“Wir müssen üben, üben, üben“

Die Vorbereitung gibt allen Grund zu Optimismus. Doch sie ist natürlich nur eine Momentaufnahme - wie das glückliche Weiterkommen in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Fürth deutlich gemacht hat. Wie es aussieht, wenn es am Sonntag (18 Uhr) gegen Leipzig erstmals um Punkte geht, bleibt eine Unbekannte in der Gleichung. „Einige Dinge klappen schon ganz gut“, gibt Favre zu. Ihm ist es fast ein wenig peinlich, wenn Journalisten seine Arbeit loben. Aber er ist lange genug dabei, um zu wissen, dass auch das eine Momentaufnahme sein kann. „Wir haben noch viel zu tun“, sagt er deshalb, „wir müssen üben, üben, üben.“

Die Hoffnung ist allerdings groß, dass Borussia Dortmund seinem eigenen Anspruch wieder konstant gerecht werden kann: die klar zweitstärkste Kraft im deutschen Fußball zu sein - und vielleicht derjenige Verein, der zur Stelle ist, sollten die Bayern mal schwächeln. Das wünschen sie sich übrigens auch in der restlichen Liga.

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