Der BVB hat gelernt, ohne Kapitän Marco Reus erfolgreich zu spielen

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Seit knapp vier Monaten muss der BVB auf Marco Reus verzichten. Borussia Dortmunds Kapitän hat es mal wieder schlimm erwischt. Das Team stellt sich rasend schnell auf die neue Situation ein.

Dortmund

, 21.05.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Home-Office-Workouts, Kleingruppen-Training, dann die Rückkehr zur eigentlichen Arbeit, schließlich Quarantäne und der Neu-Start der Liga. Die fünf Etappen nach dem Shutdown der Fußball-Bundesliga hat Marco Reus hautnah miterlebt - aber gleichzeitig doch auch nur als eine Person am Rande. Aus der Zuschauerperspektive. Zum Auftakt der Saisonfortsetzung wieder auf dem Platz zu stehen, erwies sich als zu ambitionierter Plan. Als die Kollegen vor der leeren Südtribüne den in allen Facetten merkwürdigsten Derby-Sieg der Vereinsgeschichte feierten, war Reus nicht dabei. Er schaute vom Fernseher aus wehmütig zu.

Und auch in dieser Woche fuhr Marco Reus meistens schon nach Hause, wenn die Mitspieler auf dem Platz ihren Spaß hatten. Noch vor dem Schalke-Spiel hatte Lucien Favre auf die Frage nach Marco Reus angedeutet, „dass es nicht mehr lange dauern wird“. Mannschaftstraining war aber auch in dieser Woche noch nicht drin. Das nährt Spekulationen, dass auch die restlichen sechs Wochen der Saison ohne Marco Reus über die Bühne gehen könnten. Zu lange schon ist er außen vor, als dass sich dieser Rückstand mit nur wenigen Einheiten Mannschaftstraining würde aufholen lassen, zu groß ist die Sorge vor einem Rückschlag. Es wäre eine nächste Tragik in der Karriere des gebürtigen Dortmunders, wenn das Team, das er seit fast zwei Jahren als Kapitän aufs Feld führt, womöglich ohne ihn die Meisterschaft erringen würde.

BVB hat eine Strategie entwickelt, auch ohne Reus erfolgreich zu sein

Die Zwangspause in der Liga nach dem Champions-League-Aus in Paris Mitte März schien wie bestellt für den bald den 31-Jährigen. Verschaffte sie ihm doch ein unerwartetes Zeitfenster auf dem Weg zurück nach einer Verletzung, die Rätsel aufgibt, seit der Zauberfuß beim Pokal-Aus in Bremen stechende Schmerzen verspürte und ausfiel. Was Reus genau plagt? Hat sein Klub bis heute nicht kommuniziert, was nur den Effekt hatte, dass die Spekulationen wild ins Kraut schossen. Je länger die Pause dauert, je deutlicher der eigentliche Zeitkorridor von vier Wochen bis zu einer Rückkehr auf den Platz gerissen wurde, desto klarer aber wurde: Es hat Marco Reus mal wieder schlimm erwischt.

Dreieinhalb Monate fehlt Reus nun schon. Eine kleine Ewigkeit im Sport. Und Borussia Dortmund hat eine Strategie entwickelt, auch ohne seinen Kapitän Fußballspiele erfolgreich zu gestalten.

So schnell kann es gehen. Aus den Augen, und auch aus dem Sinn? Wem am ungebrochenen Stellenwert und der Wichtigkeit von Reus für Borussia Dortmund Zweifel kommen und wer in dieser Richtung vorsichtig beim Verein nachfragt, erntet entschiedenes Kopfschütteln. Reus sei immer noch ein Ankerpunkt, Reus sei der Anführer, heißt es dann.

Statt der hängenden Spitze Reus gibt’s jetzt die echte Spitze Haaland

Das lässt sich durch die Zahlen der Hinrunde durchaus unterfüttern. Da erzielte Deutschlands Nationalspieler des Jahres 2018 neun seiner elf Saisontore in der Bundesliga und bereitete vier weitere Treffer vor. Und es galt auch weiterhin: Reus ebnet den Weg zu Siegen seiner Borussia. Das 1:0, oftmals Knoten lösend, wurde irgendwann zur Spezialität. Und er beherrscht sie immer noch zuverlässig.

Marco Reus konnte auch in dieser Woche nur indiviuell trainieren.

Marco Reus konnte auch in dieser Woche nur indiviuell trainieren. © Groeger

Doch das Geschäft kennt kein Pardon. Lucien Favre musste ein System ohne den Kapitän erdenken, statt der hängenden Spitze Reus gibt es jetzt die echte Spitze Erling Haaland. Mit zwei variablen Außenspielern versetzt dahinter, die alle Freiheiten haben, auch in der Mitte aufzutauchen und für Verwirrung zu sorgen.

Der BVB gewinnt regelmäßig - auch ohne Marco Reus

Auf höchstem Niveau in der Champions League klappte das gegen Paris im Hinspiel perfekt, im Rückspiel dann zwar nicht. Doch verloren hat der BVB nur diese Partie und die in Leverkusen, wenige Tage nach dem Verletzungs-Schock von Bremen. Ansonsten gab es nur Siege für eine Borussia, die sich rasend schnell auf die neue Situation ein-, und ihr System erfolgreich umstellte. Der BVB gewinnt regelmäßig - auch ohne Reus.

Womöglich muss Marco Reus die restliche Saison begraben und nach den Sommerferien einen neuen Anlauf nehmen. Mal wieder. Es macht es nicht einfacher, dass er sich damit auskennt, dass er es bislang immer eindrucksvoll auch geschafft hat und schnell wieder der Eindruck entstand, ohne Marco Reus könne diese Mannschaft nicht erfolgreich sein.

BVB hat Spieler wie Hazard und Brandt für die Zukunft verpflichtet

Doch die Zeit läuft erbarmungslos - und sie läuft auch gegen Reus. Mit seinen bald 31 Jahren blickt er dem Ende seiner Laufbahn entgegen, auch wenn sein Vertrag noch weitere drei Jahre läuft. Dann wird er 34 sein. Schon jetzt aber stehen jüngere, flinkere und mindestens so ambitionierte Fußballer Gewehr bei Fuß und melden Ansprüche an. Bei aller Wertschätzung für Reus hat der BVB Spieler wie Thorgan Hazard oder Julian Brandt auch mit Blick in eine Zukunft ohne den Kapitän verpflichtet. Kampflos werden sie ihren Platz nicht räumen, wenn Reus zurückkehrt.

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Reus‘ Kampf dreht sich vordergründig zunächst mal darum, den Körper nach ausgeheilter Verletzung wieder dauerhaft an große Belastungen zu gewöhnen. Doch es geht auch um seine Position ganz generell. Vernunftgesteuert zu denken und nicht zu früh zu viel zu wollen, gleichzeitig mit aller Macht auf den Platz zurückzuwollen, das ist ein Balanceakt.

Ex-BVB-Kapitän Schmelzer spielt kaum noch eine Rolle

Wie schnell man als verletzter Spieler den Anschluss verlieren kann, das hat nicht zuletzt Reus‘ Vorgänger als Kapitän der Borussia erkennen müssen. Marcel Schmelzer spielt heute sportlich kaum noch eine Rolle. So weit ist es bei Reus hoffentlich noch nicht. Der interne Druck wird aber sicher nicht geringer.

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