In seiner zweiten BVB-Saison spielt sich Mahmoud Dahoud ins Rampenlicht. Dass er es liebt, laut zu sein, verrät der Mittelfeldspieler in einem seiner seltenen Interviews.

Dortmund

, 12.09.2018, 19:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

22 Jahre, 86 Bundesliga-Spiele und als Typ noch immer ein eher unbeschriebenes Blatt: Mahmoud Dahoud ist ein besonderer Charakter und ein besonderer Fußballer. Wo er herkommt und wo er hin will, verrät er im Exklusiv-Interview mit Jürgen Koers und Sascha Klaverkamp.


Wann keimte bei Ihnen der Wunsch, Profifußballer zu werden?

Als Kind hast du davon ja keine Vorstellung. Als ich acht oder neun Jahre alt war, da habe ich einfach gespielt, weil ich Bock auf Fußball hatte. Ich hatte immer einen Ball bei mir in der Freizeit. Als es ernst wurde, so mit 13, 14 oder 15 Jahren, da hat sich das erst entwickelt. Aber dann schon intensiv (lacht).


Nach den Anfängen beim SC Germania Reusrath ging es über Fortuna Düsseldorf schnell weiter zu Borussia Mönchengladbach …

Ich habe gespürt, dass die Leute in Gladbach mich fördern wollten. Sie haben auf mich gesetzt. Das hat mir Kraft gegeben. Im Internat haben wir damals ständig Extraschichten eingelegt.


Mussten Sie auf etwas verzichten, was Gleichaltrige gemacht haben?

Mir hat nichts gefehlt. Was ich nicht kenne, weil ich es auch nicht durfte, das ist dieses Abhängen in der Stadt oder das Chillen mit Freunden auf der Straße bis abends um 22 Uhr. Meine Eltern haben gut auf mich und meine vier Geschwister aufgepasst.

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Mahmoud Dahoud kommentiert die wichtigsten Stationen seiner Karriere

12.09.2018
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Der Anfang in Reusrath: "Das war mit die schönste Zeit in meinem Leben, damals zuhause in Langenfeld und bei meinem ersten Verein, Germania Reusrath. Zuletzt habe ich da vor (überlegt) … neun Jahren gespielt. Immer nach der Schule und in den Ferien habe ich da meine Zeit verbracht. Auch mein Vater hat uns viel trainiert. Auf dem Platz, auf der Straße, manchmal extra auf einer holprigen Wiese, um es schwieriger zu machen."© Verein
Der Aufschwung in Gladbach: "Diese Szene muss direkt nach meinem ersten Bundesliga-Tor entstanden sein. Das habe ich mir 1000 Mal angeguckt. Ein unbeschreibliches Gefühl! Danach wirst du hungrig. Du willst dieses Gefühl immer wieder haben. Da habe ich noch die Nummer 8 getragen, das ist meine Zahl seit der Jugend. Beim BVB ist sie nach Nuri Sahins Wechsel frei. Weil ich aber vorher einmal mit der 19 aufgelaufen bin, muss ich ein Jahr warten."© imago
Der Durchbruch in Dortmund: "Das Stadion hier ist auch mein Zuhause geworden. Wenn ich dort mal nicht mehr spielen darf, würde ich es jeden Tag vermissen, dieses Trikot zu tragen und vor 80.000 Zuschauern zu spielen. Es macht mich stolz, dieses BVB-Trikot tragen zu dürfen. Für viele Fans hier ist der BVB ihr Leben. Wenn wir gewinnen, gehen sie am nächsten Tag fröhlich zur Arbeit - das bedeutet mir unheimlich viel!"© Kirchner
Schlagworte BVB, Mahmoud Dahoud

Stattdessen saßen Sie mit 15 auf dem Zimmer im Internat. Alleine. Gab es da auch schwierige Momente?

Wenn ich ehrlich bin: ja! Es gab auch Zeiten, in denen ich nicht so viel gespielt habe, wo mir die Glücksmomente gefehlt haben. Wo es ganz lange nicht gut lief für mich. Das war ein ekliges Gefühl. Dann macht das ganze Leben keinen Spaß mehr. Im Gegensatz zu den guten Zeiten: Da nimmst du alles locker und freudig mit, alles geht wie von selbst.


Haben Sie am Traum vom Profifußball gezweifelt?

Nein, nein, nein. Es gab keinen Plan B, nichts anderes.


Einer, der große Pläne mit Ihnen hatte, war Lucien Favre. Er hat Sie gefördert und Ihnen zum Bundesliga-Debüt verholfen. Wie ist er als Typ?

Er ist ein ruhiger Typ. Sehr sachlich. Manche Trainer schreien rum, Favre wird höchstens mal etwas lauter. Aber er brüllt nie, er verunsichert die Spieler nicht. Er schenkt den Spielern Zeit, weil er selbst weiß, dass die Dinge im Fußball mitunter Zeit brauchen. Er wird nur lauter, wenn jemand einschläft oder nicht aktiv ist, sich nicht bewegt.


Sind Sie im Frühjahr jubelnd durch die Wohnung gelaufen, als Sie gehört haben, dass Favre Trainer beim BVB wird?

Nein. Das bedeutet nichts, dass wir uns kannten. Ich hatte in Gladbach unter ihm eine gute Zeit. Aber er stellt strikt nach Trainingseindrücken und Leistung auf, das war schon immer so.


Es läuft ja gut für Sie!

Ich hoffe, das bleibt so! Lucien Favre vertraut mir, das tut mir gut. Ich bin, obwohl ich ja auch auf der Straße Fußball gespielt habe, vom Temperament her eher einer, der Vertrauen spüren muss.

Mahmoud Dahoud will beim BVB mehr Verantwortung übernehmen

Lucien Favre (l.) verhalf Mahmoud Dahoud bei Borussia Mönchengladbach zum Durchbruch. © imago

Wer im Mittelfeld spielt, steht automatisch in einer zentralen Position. Sind Sie bereit für den nächsten Entwicklungsschritt?

In Gladbach hatte ich große Verantwortung, da habe ich viel geredet und dirigiert. Hier in Dortmund bin ich noch immer etwas ruhiger. Aber ich will mich wieder dahin entwickeln und stärker vorangehen.


Als Charakter sind Sie eher ein ruhiger Typ und kein klassischer Führungsspieler, oder?

Da täuschen Sie sich! Ich liebe es, laut zu sein auf dem Platz. Mich zu pushen, die anderen mitzureißen, das mag ich gerne. Ich bin kein anderer Mensch auf dem Platz. Aber auf dem Platz musst du laut sein. Wenn du leise bist, dann gewinnst du nichts.


Wie erleben Sie diese Urgewalt der Fans im Stadion?

Ich liebe das. Zum Beispiel das Spiel gegen Leipzig: Als wir 0:1 zurücklagen, haben die Zuschauer uns nach vorne gepeitscht. Das gibt dir Motivation, Kraft. Das ist eine Energie, die man gar nicht selber produzieren kann. Es kribbelt am ganzen Körper. Als dann das 1:1 fiel, war alles wieder gut. Aber bis zu diesem Moment brauchten wir dringend die Unterstützung der Fans.


Ihr erstes Tor für den BVB. Und dann auch noch mit dem Kopf, gegen die Laufrichtung. Wie haben Sie das gemacht?

Das ging intuitiv, ich hatte gar keine Zeit, nachzudenken. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich das gemacht habe. Obwohl ich es mir öfter angeguckt habe. Nach diesem Tor und dem Jubel im Stadion freue ich mich umso mehr auf das nächste Heimspiel.


Gierig auf Tore zu sein ist das eine. Wie groß ist der Hunger auf Titel?

Das wäre schön, Titel sind ein Traum von jedem Fußballer. Doch davor kommt harte Arbeit.

Mahmoud Dahoud will beim BVB mehr Verantwortung übernehmen

Gegen Leipzig (4:1) erzielte der 22-Jährige sein erstes Pflichtspieltor im BVB-Trikot. © imago

Kann man mit dem BVB Titel gewinnen?

Selbstverständlich. Alles ist möglich. Dazu gehört neben der entsprechenden Qualität der einzelnen Spieler aber als Allererstes ein großer Zusammenhalt in der Mannschaft. Wir haben bislang nicht über Titel gesprochen in der Kabine. Da stehen andere Dinge auf dem Programm nach der vergangenen Saison.


Bevor Sie zum BVB wechselten, hatten Sie auch andere lukrative Angebote, unter anderem aus Turin und aus England. Warum Dortmund?

Weil der BVB auf mich gesetzt hat. Die Leute hier haben mir das Vertrauen gegeben. Es gab gute Angebote, auch aus dem Ausland, aber ich wollte auch in der Nähe meines Zuhauses bleiben. Wir haben in der Familie eine Plus-und-Minus-Liste gemacht. Und dann ist die Entscheidung klar für Dortmund ausgefallen. Mein Vater ist übrigens auch schon lange BVB-Fan (lacht).


Sie auch, oder?

Ja! In Deutschland ist Borussia Dortmund mein absoluter Favorit. International mag ich noch Juventus Turin und Real Madrid.


Zwei Klubs, für die Zinedine Zidane gespielt hat?

Ganz genau. Der ist mein größtes Vorbild im Fußball.


In Dortmund lief die erste Saison dann aber gar nicht nach Wunsch.

Dieses erste Jahr war nicht leicht, ganz ehrlich. Es hat mir oft Kopfschmerzen bereitet. Es lief für alle nicht rund, und als Neuzugang war das besonders schwer. Die Neuen, die jetzt in diesem Sommer nach Dortmund gekommen sind, haben es deutlich einfacher als die im Jahr zuvor. Es herrschte eine große Unruhe in der Mannschaft. Wir haben nicht zueinandergefunden.


Haben Sie etwas daraus gelernt?

Wir möchten das Jahr gerne alle vergessen machen und damit abschließen. Gelernt? Geduld vielleicht. Und ruhig zu bleiben, wenn es mit dem Trainer nicht so klappt.

Mahmoud Dahoud will beim BVB mehr Verantwortung übernehmen

Jürgen Koers (l.) und Sascha Klaverkamp (r.) trafen Mahmoud Dahoud in Brackel zum Exklusiv-Interview. © Groeger

Wie steht es um Ihre Ziele mit der Nationalmannschaft?

Ich darf in dieser Saison noch in der U21 spielen und hoffe, dass wir uns für die EM nächstes Jahr qualifizieren. Der Titelgewinn bei der EM 2017 war großartig. Natürlich würde ich mich auch gerne bei der A-Elf sehen, das muss ein Ziel sein. Aber ich mag keine Werbung in eigener Sache betreiben - und bin so realistisch zu sagen: Da oben gibt es viele sehr gute Spieler im Mittelfeld.


War für Sie immer klar, dass Sie für Deutschland und nicht für Syrien spielen?

Ja, gar kein Zweifel. Ich kenne Syrien ja kaum. Ich bin hier aufgewachsen, seit ich im Alter von neun Monaten mit meiner Familie hierher gekommen bin. Deutschland ist mein Zuhause, ich habe für alle U-Mannschaften des DFB gespielt. Hier ist meine Heimat.


Was interessiert Sie außer Fußball?

Mode. Ich schwärme für gute Kleidung. Und ich mag es, mein Zuhause schön einzurichten. Ich schaue auch gerne Filme. Thriller. Danach kann ich gut schlafen.

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