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Christian Pulisic trägt seit fünf Jahren das BVB-Trikot. Am Samstag läuft er zum vorerst letzten Mal im Signal Iduna Park auf - ab dem Sommer spielt der 64-Millionen-Euro-Mann für den FC Chelsea. Das Abschieds-Interview.

Dortmund

, 09.05.2019 / Lesedauer: 6 min

Alles begann mit harten Erfahrungen im Training und mit großem Heimweh. Dann aber erntete Christian Pulisic den Erfolg, für den er als Teenager aus den USA nach Dortmund gekommen war. Bevor er seine Zelte am Ende der Saison beim BVB abbricht und seinen Traum in der englischen Premier League weiterlebt, erinnert sich der 20-Jährige an seinen Start bei der Borussia. Er verrät, wer der wichtigste Trainer für ihn war. Und er erklärt, warum Dortmund für ihn zur zweiten Heimat geworden ist.

Christian Pulisic, wir drehen jetzt die Zeit um fünf Jahre zurück.
Gern – los geht‘s!


Wie war das damals für Sie, mit 15 Jahren Ihre Heimat USA zu verlassen, um in Dortmund Fußball zu spielen?

Das war der schwierigste Moment meines Lebens. Ich musste meine Familie verlassen, meine Freunde. Ich kannte die Sprache überhaupt nicht. Alles, was ich mit nach Deutschland genommen habe, war ein Traum.


Der Traum, Profifußballer zu werden…

Dafür habe ich das auf mich genommen. Ich wusste, es würde hart werden, es würde auch generell schwer werden, es zum Profi zu schaffen. Aber das war immer das, was ich wollte. Ich habe immer dafür gekämpft, Profi zu werden.

Christian Pulisic im exklusiven Abschieds-Interview: Es war eine großartige Zeit beim BVB

Unsere BVB-Reporter Sascha Klaverkamp (l.) und Dirk Krampe (r.) trafen Christian Pulisic zum Interview in Brackel. © Inderlied/Kirchner

Seit Kindeszeiten, wie Sie mal erklärt haben. Gab es im Hause Pulisic nur Fußball?

Ich habe natürlich viel ausprobiert, auch Basketball und American Football. Ich bin aber immer wieder beim Fußball gelandet, das lag natürlich auch an meinen Eltern. Mein Vater war Profifußballer, meine Mutter hat auch gespielt.


Als damals das BVB-Angebot kam: Wie lange mussten Sie überlegen?

Eigentlich nicht lange, obwohl wir in Amerika damals noch nicht so viel Fußball aus Deutschland schauen konnten. Ich wusste, dass Borussia Dortmund ein großer Verein ist, dann habe ich mich natürlich erkundigt. Ich habe dabei erfahren, dass hier sowohl im Nachwuchs als auch bei der Profi-Mannschaft Trainer arbeiten, bei denen sich junge Spieler gut entwickeln können und dass hier den jungen Spielern alle Chancen gegeben werden.


War von vornherein klar, dass Sie nach Europa gehen müssen, um Ihren Traum zu verwirklichen?

Ja, das war es, und das wollte ich auch.


Mit 15 Jahren bespricht man so etwas ja mit der Familie. Wie war da der Tenor?

Mein Vater war sehr positiv, er hat auch sofort gesagt, dass er mitkommen wird. So ist es dann auch gekommen, und das hat mir in der Anfangszeit sehr geholfen. Meine Mutter ist vorsichtiger (lacht). Sie meinte, wenn ich das wirklich machen wolle, sollte ich es tun. Aber wenn es nicht klappen würde, hätte ich ja auch in Amerika ein schönes Leben. Das war auch wichtig für mich. Ich wusste aber, dass ich was riskieren muss, um diesen Traum zu verwirklichen.


Gab es denn so etwas wie einen Plan B, falls es mit der Profikarriere nichts wird?

Nein, den gab es nicht. Ich kann mich noch daran erinnern, wie eine Lehrerin mich gefragt hat, was ich mal machen möchte. Da war ich 13 oder 14. Ich habe ihr gesagt, ich möchte Fußballprofi werden. Sie meinte nur, ich müsse wissen, dass die Chancen dafür allgemein gering wären. Ich habe geantwortet, ich komme dann in sieben, acht Jahren zurück und wir reden dann nochmal. Darauf freue ich mich schon, das möchte ich auf jeden Fall noch machen (lacht).

Wie groß war das Heimweh am Anfang?

Das war sehr groß. Ich vermisse meine Mutter auch heute noch, habe ab und an immer noch Heimweh. Aber Dortmund fühlt sich mittlerweile wie zu Hause an.


Sie haben mal gesagt, Dortmund, das habe sich sehr schnell „richtig“ angefühlt. Woher kam dieses Gefühl?

Ich bekam hier immer große Unterstützung. Das fing bei den Trainern an. Zuerst Hannes Wolf, der mir immer geholfen hat. Dann Jürgen Klopp, der auch immer sehr fürsorglich war. Genau wie alle folgenden Trainer bei den Profis. Und auch die Mitspieler haben mich gut aufgenommen. Das hat mir immer ein gutes Gefühl gegeben.


Welcher Trainer hatte den meisten Einfluss auf Ihre Entwicklung?

Hannes Wolf. Er hat mir immer Hilfe angeboten, er konnte auch hart sein, was auch wichtig war. Und er war es, der mich oben empfohlen hat.


Welche Dinge bleiben aus den fünf Jahren in Dortmund besonders hängen? Vor allem die Meisterschaften im Juniorenbereich?

Die natürlich, aber auch der Pokalsieg 2017. Am meisten werden mir die Leute hier in Dortmund in Erinnerung bleiben. Da werde ich einige sehr vermissen.


Sie haben viele Altersrekorde gebrochen. Wie wichtig sind Ihnen diese Auszeichnungen?

Persönliche Rekorde sind cool, waren mir aber nie so wichtig. Vielleicht kann ich das meinen Kindern dann ja mal erzählen (lacht). Aber die Siege und die Erfolge der Mannschaft haben mir immer mehr bedeutet.


Sie wirken ruhig, entspannt. Was bringt Sie in Rage?

Das passiert nur, wenn ich an der Playstation sitze (lacht). Ich bin ansonsten ein ruhiger Typ. Wie meine Mutter, die ist auch so.


Ihr Vater hat mal gesagt, wer sich als Profi durchsetzen will, brauche viel Demut…

Ja, so wurde ich schon erzogen. Du musst aber natürlich auch selbstbewusst sein, du musst ausstrahlen, dass du ein vollwertiger Teil der Mannschaft bist.

War das leicht, als Sie zu den Profis kamen?

Nein (lacht). Ich kam ja in eine Mannschaft, die sehr erfolgreich war, in der sehr gute Spieler waren. Wie Aubameyang, Hummels, Mkhitaryan oder Gündogan. Das war schwer am Anfang. Das Spiel war so schnell, ich war eigentlich immer zu langsam (lacht). Ich musste sehr viel lernen.


Mittlerweile haben Sie sich durchgesetzt, und in den USA ist ein regelrechter Hype um Sie entstanden. Wie gehen Sie damit um?

Ganz ehrlich: Ich versuche, ganz normal mein Leben zu leben. Ich gucke nicht auf Twitter, lese wenig bis gar nichts. Dieser Rummel ist mir nicht wichtig, vielleicht sogar eher unangenehm. Deshalb war es auch perfekt für mich in Dortmund. Ich stand nicht so im Blickpunkt, von mir wurde nicht so viel erwartet. In den USA war das von Anfang an etwas anders.


Da hat sich sogar Basketball-Superstar LeBron James in einem Pulisic-Trikot fotografieren lassen…

Das Foto haben mir alle meine Freunde geschickt. Okay, so was ist natürlich schon ziemlich cool… (lacht)


Inwieweit haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt, die Sie hatten, als Sie nach Dortmund kamen?

Es ist perfekt gelaufen. Ich könnte nicht glücklicher sein damit, wie alles gekommen ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit 20 schon so weit sein werde. Die Meisterschaft wäre jetzt natürlich der perfekte Schlusspunkt, doch allgemein war es eine großartige Zeit. Jetzt gehe ich weiter nach England – auch das konnte ich so nicht erwarten, als ich nach Dortmund kam.


Wie hat sich das mit dem Wechsel zum FC Chelsea entwickelt? Sie fühlen sich wohl in Dortmund, sie hätten ja auch hier bleiben können…

Es fühlte sich jetzt richtig an. Es gab für mich früher nur die Premier League, ich habe sie am Fernseher verfolgt, habe die Spiele von Chelsea mit Frank Lampard gesehen. Die fünf Jahre hier waren die besten meines Lebens, aber es ist trotzdem jetzt der richtige Schritt.


Die laufende Saison war nicht einfach für Sie, auch nicht, nachdem Sie im Winter Ihre Zukunft geklärt haben. Was war der Grund dafür?

Ich hatte ein paar Verletzungen. Es ging immer zwischen ein bisschen spielen und wieder verletzt sein. Dadurch kam ich nur schwer in einen Rhythmus. Und als ich fehlte, haben die anderen es auch sehr gut gemacht. Ich war aber immer dabei, von daher war es vielleicht kein perfektes, aber auch kein schlechtes Jahr. Und ich versuche jetzt am Ende noch einmal richtig Gas zu geben. Ich fühle mich gut und will mir und uns ein richtig gutes Ende der Saison bereiten.

Christian Pulisic im exklusiven Abschieds-Interview: Es war eine großartige Zeit beim BVB

Nach fünf Jahren beim BVB wechselt Pulisic zur neuen Saison zum FC Chelsea. © Inderlied/Kirchner

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in Ihr Abschieds-Heimspiel gegen Düsseldorf im Signal Iduna Park?

Im Augenblick ist es noch ganz normal. Aber das wird sich spätestens ändern, wenn wir im Stadion ankommen. Ich denke, da werden dann ganz viele Emotionen dabei sein. Das wird bestimmt nicht einfach, es ist das beste Stadion, in dem ich bislang gespielt habe. Die Atmosphäre dort werde ich vermissen.


Wie sollen die BVB-Fans Sie in Erinnerung behalten?

Hoffentlich als guten amerikanischen Spieler, der in der Jugend gestartet ist und es dann zu den Profis geschafft hat. Und dazu als jemanden, der immer alles gegeben hat für den BVB.


Und wie werden Sie die BVB-Fans in Erinnerung behalten?

Das ist für mich immer noch schwer zu erklären. Die Fans sind immer da, sie unterstützen uns immer. Auch wenn ich die Südtribüne sehe, denke ich heute noch, „wie verrückt ist das!“ Sie sind einfach super!


Wie präsent ist Ihre Erinnerung an Ihr erstes Spiel im Signal Iduna Park?

Am Anfang, als ich noch in der Jugend gespielt habe, war ich ja selbst auf der Süd und habe die Spieler unten angefeuert. Dann stand ich plötzlich selbst dort unten und habe nur gedacht: Wow!


Mit welchen Erwartungen packen Sie im Sommer Ihre Koffer?

Jetzt lassen Sie uns erst noch die beiden letzten Spiele spielen. Aber klar, danach möchte ich mich auch in England durchsetzen und hoffe, dass ich mit meinen Fähigkeiten auch meiner neuen Mannschaft helfen kann.


In London werden Sie Ihren früheren BVB-Kollegen Sokratis wiedersehen…

Ja, und Aubameyang. Klopp trainiert in Liverpool. Wir hatten schon Kontakt und werden uns bestimmt mal treffen. Darauf freue ich mich.

Christian Pulisic in Zahlen. Der US-Amerikaner ist...
  • ... der achtjüngste Bundesliga-Debütant.
  • ... der viertjüngste Bundesliga-Torschütze.
  • ... der jüngste Bundesliga-Spieler mit zwei Toren.
  • ... der jüngste US-Nationalspieler in der Startelf.
  • ... der jüngste US-Nationalspieler in der WM-Qualifikation.
  • ... der jüngste US-Kapitän.
  • ... US-Fußballer des Jahres 2017.
  • ... DFB-Pokalsieger 2017.
  • ... Deutscher A-Jugend-Meister 2016.
  • ... Deutscher B-Jugend-Meister 2015.
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