BVB-Ultragruppe löst sich auf - viele Gründe spielen eine Rolle für das Aus

dzBorussia Dortmund

„Unser ganzes Leben“ singen die BVB-Ultras über ihren Klub. Eine große Fangruppe hat diesen Lebensabschnitt jetzt beendet. Hier gibt es die Hintergründe.

Dortmund

, 28.10.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Man kennt sie mit lautem Gesang und plakativen Bannern in den Stadien, doch das Aus nach 15 intensiven schwarzgelben Jahren erfolgte still und ohne Getöse.

Viele Entwicklungen im „modernen Fußball“ schrecken BVB-Ultras ab

Nur in der Szene gaben die „Jubos“, eine der drei großen Dortmunder Ultra-Gruppen, im Frühsommer ihre Auflösung bekannt. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum sie einen Schlusspunkt setzten, wie die Ruhr Nachrichten aus gut informierten Fankreisen erfuhren. Vor allem seien die Hardcore-Fans von vielen Entwicklungen im „modernen Fußball“ abgeschreckt, abgetörnt und genervt gewesen. Als der Ball in der Bundesliga während der Zwangspause durch die erste Covid-19-Welle im Frühling erst nicht rollte und dann die Partien ohne Fans wieder angepfiffen werden sollten, zogen die „Jubos“ - gewohnt konsequent - ihren Schlussstrich.

Jetzt lesen

Zuletzt gehörte noch circa 60 Fans der Gruppe an, doch die Hauptarbeit bei der Organisation verteilte sich auf wenige Köpfe. Wie in diesen Kreisen der Jugendkultur üblich, veränderten Mitglieder im Laufe der Jahre ihre Prioritäten. Nicht der Fußball, sondern private Angelegenheiten rückten bei manchen in den Vordergrund - und der für ein Fortbestehen der Gruppierung so dringend notwendige Generationswechsel kam nicht zustande.

Scharfe Kritik der BVB-Ultras an Hoffenheim und Leipzig

Gehör verschafften sich die „Jubos“ mit einer eindeutigen und unnachgiebigen Haltung gegenüber vielen Entwicklungen im DFB und bei der DFL. Dass ihr eigener Klub sich bei Tendenzen zur Einschränkung von Fanrechten, neuen Anstoßzeiten, fortschreitender Kommerzialisierung und Internationalisierung nicht verweigerte, sich nicht stärker zu seinen Wurzeln bekannte, dürfte den Ultras missfallen haben. Im Wappen führen sie nicht ohne Grund die Figur des Dortmunder Stadtpatrons Reinoldi.

Die „Jubos“ gehörten auch zu den schärfsten Kritikern ihrer Ansicht nach fremdgesteuerter Fußballunternehmen wie der TSG Hoffenheim oder RB Leipzig. Bei 1899-Mäzen Dietmar Hopp machte die Szene keine Kompromisse mehr - was auch strafrechtlich relevante Folgen hatte und dem BVB eine dreijährige Blocksperre für Auswärtsspiele in Sinsheim einbrockte.

Überfall auf BVB-Fans: Polizei setzte Ermittlungskommission ein

Nach Informationen der Ruhr Nachrichten war zudem ausschlaggebend, was in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 2020 geschah: Vom DFB-Pokalspiel der Borussia bei Werder Bremen war ein gutes Dutzend der „Jubos“ gerade zurückgekehrt, als sie gegen 2:30 Uhr in der Dortmunder Johannesstraße attackiert wurden. Für den Angriff sollen 30 bis 40 Personen aus dem Fan-Umfeld des Erzrivalen FC Schalke 04 verantwortlich sein, er wurde als hinterhältig und brutal beschrieben. Die Polizei führte anschließend im Ruhrgebiet Razzien durch und setzte eine Ermittlungskommission ein. Infolge der Arbeit der „EK Johannes“ wurden 30 Beschuldigte der Staatsanwaltschaft Dortmund als Herrin des Verfahrens übermittelt.

Auf Anfrage der Ruhr Nachrichten teilte die dortige Pressestelle mit: „Gegen 23 Personen wurde in insgesamt acht Anklageschriften Anklage wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung und des Landfriedensbruchs erhoben, gegen zwei Beschuldigte laufen die Ermittlungen derzeit noch und gegen fünf Beschuldigte ist das Verfahren eingestellt worden.“ In der weit überwiegenden Mehrzahl handelt es sich bei den Angeklagten um Personen, die der Schalker Ultra-Szene zuzuordnen sind. Allerdings: Die „Jubos“ trieben keine Revanchegelüste mehr an, wie es vielleicht szenetypisch und dem Ultrakodex entsprechend denkbar gewesen wäre. „Sie“, sagte ein Gesprächspartner dieser Redaktion, „hatten einfach keinen Bock mehr.“

Fußballpolitische Entwicklungen sind der Hauptgrund für das Aus

Einige der „Jubos“ waren nach Informationen der Ruhr Nachrichten darüber hinaus gestresst und entnervt von diversen Einschüchterungsversuchen aus der rechtsextremen Szene. Dazu soll es in der Vergangenheit ab und an gekommen sein, wenn Mitglieder der „Northside“ und Überbleibsel der „Riots“, einige von ihnen kampferprobt, mit unmissverständlichen Drohungen oder nackter Gewalt ihr Unwesen trieben, wie zuletzt auch „Zeit online“ berichtete. Auch dies habe Teile der Gruppe zum Nachdenken gebracht, heißt es. Es sei jedoch nur ein Nebenaspekt und gewiss nicht ausschlaggebend gewesen für die final getroffene Entscheidung, das gebündelte Engagement in diesem Sommer aufzugeben.

Die „Jubos“ selbst legen Wert darauf, dass zuvorderst die fußballpolitischen Entwicklungen der Hauptgrund für ihr Aus waren. Sie positionierten sich zwar auch wiederkehrend gegen Rechts, vor allem aber kommerzkritisch, auch gegenüber dem eigenen Klub. Der „ach so authentische Slogan Echte Liebe“ stehe symbolisch für „den Authentizitätsverlust unseres Ballspielvereins“, monierten sie beispielsweise. Ihren Rückzug wollen die „Jubos“ als aktive und bewusste Entscheidung in ihrem Ultra-Sinn verstanden wissen. Demzufolge hatten die vielen Veränderungen der vergangenen Jahre nicht mehr viel gemein mit ihrem Grundverständnis vom Fußballsport. Das Aus erfolgte ohne Kommunikation nach außen. Auch das ein letztes Statement.

Zwei Ultra-Gruppen bleiben bei Borussia Dortmund bestehen

Bei Borussia Dortmund bleiben demnach nur noch zwei Ultra-Gruppen bestehen, nämlich „The Unity“ mit geschätzten 250 Mitgliedern und die „Desperados“ mit 50 bis 60 Aktiven. Auch bei ihnen schrumpft in der langjährigen Tendenz die Gruppengröße. Was an Szene noch übrigbleibt, wenn die Ultras nach der selbst auferlegten Zurückhaltung („Alle oder keiner“) während des Corona-Sonderspielbetriebs mit eingeschränktem Zutritt in die Stadien zurückkehren kann, bleibt abzuwarten.

Lesen Sie jetzt