BVB-Trainer Tullberg: „Moukoko verkörpert das, was ich von den Jungs fordere“

dzExklusiv-Interview

Mit der U19 von Borussia Dortmund verfolgt Mike Tullberg ambitionierte Ziele. Im Exklusiv-Interview spricht der 34-Jährige über BVB-Konzepte, Corona, Vorbild Moukoko und Neuzugang Gittens.

Dortmund

, 25.09.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ja kürzlich erneut Vater geworden. Ist da ein weiteres Fußball-Talent für Borussia Dortmund in Sicht?
Mal schauen, die Hauptsache ist erst einmal, dass er gesund ist. Ich habe zwei Jungs, wenn man selbst Fußballer war und jetzt Trainer, muss das nicht unbedingt sein. Wenn die beiden wollen, alles gut. Wenn nicht, habe ich damit auch kein Problem.


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Wir sprechen dann in 15 Jahren nochmal …
(lacht) Ja, das geht sehr schnell. Die sind ja heute viel früher soweit als wir damals.


Als Trainer haben Sie nach Ihrem Wechsel von der U23 zur U19 nun auch wieder mit noch jüngeren Spielern zu tun. War das eine Umstellung?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe zuletzt in Dänemark ein Jahr im Herrenbereich gearbeitet, dann das erste Jahr beim BVB mit der U23, da war der Kader gemischt und zum Teil Herrenbereich. Jetzt die U19. Wenn man sich da unser Durchschnittsalter anschaut … Wir haben drei U17-Spieler dabei, mit Youssoufa Moukoko eigentlich sogar vier. Die sind 15, 16. Dazu die vielen Jungjahrgänge, da bist Du nicht nur als Trainer gefragt, sondern manchmal auch als großer Bruder oder zweiter Vater. Das ist schon eine andere Aufgabe, die ich aber immer sehr gerne gemacht habe, damals ja auch in Oberhausen. Ich bin glücklich, wo ich jetzt bin.

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Ändert sich auch trainingstaktisch etwas, zum Beispiel die Intensität?

Man muss sich schon anpassen, man muss gucken, wo kommen die Spieler her, welche Belastung waren sie gewohnt. Aber wir sind gut durch die beiden Teile der Vorbereitung durchgekommen, obwohl wir sehr hart trainiert haben.


Die Saison der U19 und U17 wurde früh während der Corona-Pause abgebrochen. Welche Rolle spielte das in der Belastungssteuerung?

Das war schon ein Thema. Nicht alle kamen in der Verfassung zurück, die ich mir gewünscht hätte. Das hatte aber mehrere Gründe, viele gehen noch zur Schule. Mittlerweile sind wir in einer guten Verfassung, die Jungs sind alle sehr fleißig.


In Moukoko und Ansgar Knauff haben Sie zwei Spieler während der Vorbereitung kaum gesehen. Welche Rolle spielt das?

Das war auch im vergangenen Jahr so, wo dann zu den Spielern öfter Profis zu uns gekommen sind, die nicht mit uns im taktischen Training waren. Das ist also normal, Youssoufa wird zunächst bei uns spielen, Ansgar kann auch in der U23 spielen. Insgesamt ist genau das auch das Ziel, die Spieler taktisch nicht nur für den nächsten Gegner, sondern so zu schulen, dass sie so schnell wie möglich an den Profibereich heranrücken können.

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Der Saisonstart ist mit dem 5:0 in Münster geglückt. Wie sehen Sie den aktuellen Leistungsstand?

Wir sind da, wo wir aktuell sein können. Ich habe die Steigerung vor allem bei den Jungjahrgangsspielern praktisch von Woche zu Woche sehen können, das soll so weitergehen. Sie sind alle noch nicht fertig mit ihrer fußballerischen Ausbildung, da muss noch viel dazukommen, wenn man die Hoffnung hat, dass sie mal oben anklopfen und spielen können. Das weiß auch jeder, alle ziehen super mit. Das ist sehr positiv.


Wie holt man so eine lange Pause auf, das letzte Pflichtspiel vor dem Start jetzt war im März …

Wir haben allen Spielern ganz früh individuelle Pläne gegeben, da ist auch viel Eigenverantwortung dabei, neben dem normalen Training zusätzlich etwas zu machen. Das haben alle sehr schnell verstanden, da kommen schnell noch etliche Stunden im Kraftraum oder bei der Videoschulung zusammen. Das war sehr herausfordernd auch für mein Trainerteam, das Angebote ausarbeiten musste. Aber die Jungs ziehen super mit.


Corona ist ja noch nicht vorbei, wie sehr ist das Thema bei Ihnen?

Es bleibt Thema, auch von uns mussten einige in Quarantäne, weil nach Testspielen oder beim Länderspiel beim Gegner positive Fälle aufgetreten sind. Das ist schon ein bisschen Lotterie, wenn du manchmal gar nicht weißt, wer trainieren darf. Wir versuchen, von Tag zu Tag und von Woche zu Woche zu schauen. Wir thematisieren das nicht groß, wir nehmen es quasi wie ein Fehlen durch eine Verletzung, wenn dann mal Spieler nicht dabei sein können. Wir kommen damit klar, wir sind froh, dass wir überhaupt trainieren und spielen dürfen.

Welche Verhaltensregeln geben Sie Ihren Spielern mit auf den Weg?

Wir reden schon über Verantwortung, das ist klar. Das sind junge Menschen, das darf man nicht außer Acht lassen. Natürlich kriegen sie aber mit, was um sie herum passiert. Wenn da ein Mitspieler zwei Wochen in Quarantäne muss, dann macht das ja keinen Spaß, zu Hause zu sitzen und nicht trainieren zu dürfen. Das wirft sie dann ja nicht nur zwei Wochen zurück. Also: Die Spieler sind schon aus eigenem Antrieb sehr vorsichtig, trotzdem kann natürlich etwas passieren. Wir haben zwölf Spieler, die noch zur Schule gehen.


Wie schwer ist es nach der langen Liga-Pause, die Stärke der Gegner einzuschätzen?

Ich habe den ein oder anderen Gegner natürlich schon gesehen. Münster zum Beispiel hatte gegen Hannover gewonnen, das Spiel habe ich gesehen, da waren wir darauf vorbereitet, dass es unangenehm werden kann. Wir müssen uns vor allem auf uns konzentrieren, es wird viele Spiele geben, in denen es vor allem darauf ankommt, dass wir unsere Qualität auf den Platz bringen.


Sie haben Moukoko schon angesprochen. Bis zu seinem 18. Geburtstag könnte er regelmäßig bei Ihnen spielen. Wie ist der Plan?

Wenn er spielt, hilft er uns natürlich sehr. Für ihn ist das überhaupt kein Problem, er will ja spielen, er will unbedingt den Wettkampf.


Auch ein Giovanni Reyna könnte eigentlich noch U19 spielen. Sind Sie nicht ein bisschen wehmütig?

Überhaupt nicht. Natürlich helfen Spieler wie Moukoko uns sehr. Wir freuen uns, wenn er da ist, wir werden uns aber auch freuen, wenn er dann ab November nicht mehr da sein sollte, weil das ja bedeutet, dass ein Jugendspieler gut genug ist, um oben den Profis zu helfen. Und das ist am Ende das, wofür wir arbeiten im Nachwuchs-Leistungszentrum. Schaffen diese Spieler den Sprung, werden Plätze frei für andere. Wie für einen Nnamdi Collins, wie für Samuel Bamba, der sogar Jahrgang 2004 ist, oder Faroukou Cisse. Es geht darum, sie so schnell wie möglich zu fordern, damit sie nicht unterfordert sind. Der ein oder andere packt es früh, der andere braucht mehr Zeit. Mein Ziel ist, dass wir eine deutlich größere „Übernahme“ in die U23 hinbekommen bei den Spielern, die es nicht sofort ganz oben packen.

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Der Umbruch im Team ist sehr groß. Ist es ein Problem, dass sich neue Hierarchien ausbilden müssen?

Nein, das ist ein normaler Vorgang. Wir haben brutal viel individuelle Qualität verloren, das steht außer Frage. Aber es gilt, was ich auch bei der U23 gesagt habe: Die Mannschaft muss es richten, das scheinen alle begriffen zu haben bislang. Daraus kann dann auch der ein oder andere individuell glänzen. Ich finde, wir haben sehr viele spannende Spieler dabei, die überraschen können. Moukoko oder Ansgar Knauff, die können wir nicht Eins-zu-Eins ersetzen. Aber wir haben viele, die kurz dahinter stehen.


Wenn wir über Ziele reden …

… dann gilt, dass wir auf dem Platz den maximalen Erfolg haben wollen. Wir arbeiten doch auf zwei Ebenen: Wir wollen gute Ergebnisse erzielen, in allen Wettbewerben. Aber so lange vor meiner Funktion ein „U“ steht, wollen wir auch ausbilden, so gut wie möglich. Klar ist: Man kann auch ausbilden und gute Ergebnisse erzielen. Das ist das Ziel. Das wollte ich auch im vergangenen Jahr, hat aber aus verschiedenen Gründen nicht ganz so funktioniert (lacht).


Die Verzahnung zur U23 ist ein weiteres Thema …

Ich war ja lange in die Saisonplanung der U23 eingebunden, von daher war ich in viele Gespräche noch involviert. Klar ist: Wir wollen mehr Dortmunder Jungs in die U23 bekommen. Wenn du eine Achse hast wie jetzt in der U23, kannst du die jungen Spieler drumherum packen. Das hat uns vergangenes Jahr gefehlt, denn du brauchst eine gewisse Reife auf dem Platz, um die herum sich die Jüngeren entwickeln können. Wenn ich daran denke, wie viele Punkte wir in den letzten fünf Minuten verloren haben …


Wenn Sie sagen, die Ausbildung ist ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit: Orientieren Sie sich zum Beispiel taktisch an den Profis?

Ja, aber nicht nur. Man muss junge Spieler breit ausbilden. Wir sind in manchen Spielen ja auch mal unterfordert, da kann man Dinge ausprobieren. Da kann ich sagen, wir verteidigen Eins-gegen-Eins über den ganzen Platz. Wir können uns nicht nur an der taktischen Ausrichtung oben orientieren, die kann sich ja auch mal ändern im Verlauf einer Saison. Wir müssen versuchen, die Spieler in vielen Facetten zu schulen.


Welchen Stellenwert hat für Sie die Youth League?

Ich bin ganz ehrlich: Auch dieser Aspekt, international zu spielen, hat mich natürlich sehr gereizt an dieser Aufgabe. Ich habe mit guten Spielern trainiert in Dänemark, aber nicht mit solchen Top-Spielern wie hier. Sie täglich zu begleiten auf dem Weg vielleicht zum Profi, das ist schon sehr reizvoll. Wir müssen abwarten, wie der Wettbewerb jetzt ablaufen wird, aber wir wollen uns natürlich auch auf dieser Ebene gut präsentieren.

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Wie eng ist Ihr Austausch mit der Profiabteilung, läuft der vor allem über Otto Addo?

Ich spreche tagtäglich mit Otto, wir sind in permanentem Gespräch. Er hat ja eine ähnliche Vergangenheit wie ich und wir verstehen uns top. Dazu gibt es auch regelmäßigen Austausch mit Edin Terzic. Insgesamt pflegen wir auch intern im Nachwuchs-Leistungszentrum einen regelmäßigen Kontakt, da sitzt man quasi täglich zusammen und bespricht Dinge. Das tut mir sehr gut, ich bin ein Mensch, der den Kontakt braucht, der sich gerne die Ideen anderer anhört. Wenn man in so einem Verein arbeitet, muss man die große Kompetenz auch der anderen für sich nutzen.


Youssoufa Moukoko bleibt Ihr Kapitän. Warum?

Ich habe mit den Jungs darüber gesprochen, ich nehme alle Spieler gerne mit bei meinen Überlegungen. Wir haben einen großen Mannschaftsrat, und wir haben uns entschieden, dass er Kapitän bleibt und Lloyd Kuffour die Binde trägt, wenn er nicht da ist. Für mich war es eine klare Geschichte, weil Youssoufa genau das verkörpert, was ich von den Jungs fordere. Er ist vorbildlich, er trainiert mehr als andere, er verhält sich professionell, obwohl er fast noch ein Kind ist. Wir haben aber flache Hierarchien, wir haben im Trainingslager die Werte, auf die wir setzen, auch gemeinsam herausgearbeitet.


In Jamie Bynoe-Gittens hat der BVB in dieser Woche noch einen sehr talentierten Spieler verpflichtet. Wie sieht der Plan mit ihm aus?

Jamie ist ein hervorragender Junge, sehr bodenständig. Und ein sehr, sehr toller Fußballer. Durch Corona und eine Schulterverletzung hat er aber sechs, sieben Monate kaum trainiert. Daher werden wir ihn langsam aufbauen. Da ist Geduld gefragt. Derzeit macht er nur Teile des Trainings mit.

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