BVB-Stürmer spricht über Halt in schweren Zeiten

dzMaximilian Philipp im Exklusiv-Interview

Drei Monate muss Maximilian Philipp wegen einer Knieverletzung pausieren. Jetzt ist der Sommer-Neuzugang wieder fit und spricht im großen Exklusiv-Interview über die schwere Zeit und seine Ziele mit dem BVB.

DORTMUND

, 26.03.2018 / Lesedauer: 6 min

Philipp erscheint pünktlich zum vereinbarten Gesprächstermin in der Pause zwischen zwei Trainingseinheiten. "War hart heute morgen", sagt er. Für uns nahm er sich dennoch 45 Minuten lang Zeit.


Sie haben eine bewegte Zeit hinter sich. U21-Europameister, der Wechsel nach Dortmund, der Super-Start, später die schwere Krise. Und dann auch noch die schwere Verletzung. Waren das auch für Sie neun Monate wie im Zeitraffer?

Da ist schon eine Menge passiert. Auch in der Zeit davor: Als ich nach Freiburg kam, sind wir abgestiegen, danach aber direkt wieder hoch. Auch für mich ging es eigentlich nur noch bergauf. Du denkst, es läuft, bist glücklich. Und dann geht es plötzlich steil bergab. Zu guter Letzt die Verletzung, die ja keine einfache Geschichte war. Ich dachte mir aber sehr schnell, 2018 wird dann ein neues Jahr, neues Glück.


Als Sie aus dem Krankenhaus in Leverkusen ins Stadion zurückkamen, sprach Ihr Gesichtsausdruck Bände. Wussten Sie da, wie schlimm es war?

Die Ärzte dort sind von einem Kreuzbandriss ausgegangen. Da war ich mir aber sicher, dass es das nicht ist. Ich hatte schnell das Gefühl, dass ich die Verletzung kenne. Eine Patella-Luxation hatte ich mit 16 Jahren schon mal. Am anderen Knie.


Sind Sie ein Typ, der schnell wieder nach vorne schaut?

Eigentlich schon. Ich kannte die Verletzung, ich wusste, wie ich damit umgehen muss. Aber im ersten Moment war es trotzdem ein Schock.


Diese Einstellung passt zu Ihrem Naturell, oder? Sie sind ja nie den geraden Weg nach oben gegangen…

Leicht hatte ich es nie. Das zeichnet mich schon aus, dass ich durchsetzungsstark bin. Ich war nie das Riesentalent, das auf allen Zetteln stand. Ich war mir aber immer sicher, ich war auch gewillt, mich durchzubeißen.

Woher kommt dieser Ehrgeiz. Wer gibt Ihnen diese Stabilität und den Halt?

Meine Familie natürlich. Und meine engsten Freunde, die immer gesagt haben, dass ich es schaffen kann. Das waren damals wichtige Stützen, vor allem meine Mutter, die immer alles für mich gemacht hat. Ihr bin ich sehr dankbar.


Dabei schien mit 14 der Traum zu platzen. Ihr Trainer in der U15 bei Hertha hat Sie aussortiert ...

Es hatte sich angedeutet in dem Jahr. Wir hatten viele Spieler, die waren größer und kräftiger als ich mit meinen damals 1,55 Metern. Das Talent war schon da, aber der Trainer wollte bevorzugt solche Spielertypen.


Haben Sie alles auf die Karte Fußball gesetzt?

Als ich bei Hertha rausgeflogen bin, stand die Frage im Raum, ob es für den Profifußball reicht. Ich bin zu Energie Cottbus gewechselt, da war Pele Wollitz Trainer und der hat auf junge Spieler gesetzt wie Leo Bittencourt, Martin Kobylanski. Diesen Weg wollte ich auch gehen. Leider ist Wollitz dann gegangen, es kam Rudi Bommer, der eher nicht auf die Jugend gesetzt hat. Da kam das Angebot aus Freiburg sehr recht.


Wie lief der erste Kontakt mit Christian Streich?

(lacht). Als ich es mir dort angeschaut habe, konnte ich mit ihm sprechen. Es war schwer, ihn zu verstehen. Aber man gewöhnt sich daran.


Er ist schon ein guter Typ, oder?

Ja, total.


Sie siezen ihn bis heute, stimmt das?

Ich dürfte ihn duzen. Aber ich sieze ihn aus Respekt.


Freiburg ist anders als Berlin, der Ruhrpott wieder anders als Berlin und Freiburg. Fühlen Sie sich wohl?

Na klar. Ich fühle mich superwohl, bin hier von den anderen Jungs auch super aufgenommen worden.


Können Sie noch unerkannt durch Dortmund laufen?

Ich bin eher selten in der Stadt unterwegs, höchstens mal bei einem Spaziergang am Phoenix-See.


Sie haben vor Ihrem Wechsel gesagt: "Dortmund ist der geilste Klub der Welt." Hat sich das bewahrheitet?

Ja, auf jeden Fall. Es ist ein großer Klub, mit fantastischen Fans, mit einer atemberaubenden Stimmung und Unterstützung. Besonders beeindruckt war ich beim Spiel in Mainz. Da standen wir ja nicht gut da als Tabellenachter, es war ein Wochenspieltag. Trotzdem waren so viele Fans da.


Wie kamen Sie in dieser Phase mit dem großen medialen Echo klar? Beim BVB steht man deutlich mehr im Fokus als in Freiburg…

Das stimmt, aber ich war darauf eingestellt. Manchmal ist es trotzdem nicht leicht, aber ich habe es geschafft, das von mir fernzuhalten.


Wer hier spielt, wird beobachtet wie unterm Brennglas. Macht Ihnen das Druck?

Überhaupt nicht. Man kann sich nicht davonstehlen, das stimmt. Ich stehe eher nicht so gern in der Öffentlichkeit, das ist nicht so meins. Ich bin relativ selten im Fokus, das finde ich auch ganz gut.


Und vor über 80.000 zu spielen, die lieber ein 4:0 statt ein 3:0, und schon gar nicht nur ein 2:0 sehen wollen? War das eine Belastung?

Es war ungewohnt. In Freiburg haben wir vor 25.000 Zuschauern gespielt, die stehen hier auf der Süd. Aber es war schön zu fühlen, dass die alle für dich sind statt gegen dich.

BVB-Stürmer spricht über Halt in schweren Zeiten

Maximilan Philipp (M.) mit den BVB-Reportern Dirk Krampe (r.) und Jürgen Koers. © Groeger



Was ist nach dem guten Start aus Ihrer Sicht im Herbst passiert? Gab es einen Auslöser?

Wir können uns das nicht erklären. Es lief wie am Schnürchen, wir hatten auch mal Spielglück, wie in Augsburg. Gegen Leipzig hatten wir es nicht, obwohl wir gut gespielt haben. Und es fehlte dann auch in den Wochen danach.


Sie haben im Herbst Ihr Debüt in der Champions League gefeiert, direkt gegen Real Madrid. Wie war das?

In den ersten Minuten war das irgendwie krass, was da gerade ablief. Wenn man sich die anschaut, deren Selbstvertrauen, deren Erfahrung – da haben die Gegner international kaum eine Chance. Für mich hat sich ein Traum erfüllt. Wenn man da diese Hymne hört, kribbelt es. Da will ich wieder hin.


Unter Peter Stöger ist das vermisste Spielglück zurückgekehrt, die Ergebnisse stimmen. Trotzdem gab es auch Kritik an der Spielweise. Fanden Sie das überzogen?

Peter Stöger hat es geschafft, den Hebel umzulegen. Wir stehen defensiv stabil, und vorne machen wir meistens genug Tore, um die Spiele zu gewinnen. Aber natürlich sind durch die Erfolge des vergangenen Jahrzehnts die Erwartungen gestiegen.


Der neue Trainer kam in einer Phase, in der Sie noch in der Reha waren. War das ein Problem?

Ich dachte anfangs, ich sei komplett raus, und die Saison schien mit der Verletzung auch nicht mehr lang genug. Wichtig war für mich, dass der Trainer auch da schon mit mir gesprochen hat, mir aufgezeigt hat, was er von mir hält und wo er mich im Team sieht. Ich habe mich nach der Reha direkt wohlgefühlt.


Was sich seitdem verändert hat, ist die Konkurrenzsituation. Andre Schürrle und Marco Reus sind zurückgekehrt. Ist das ausschließlich schön?

Du kommst nicht nach Dortmund und hast eine Stammplatz-Garantie. Für „Schü“ freue ich mich, weil er es extrem schwer hatte und auch bei den Fans kein gutes Standing hatte. Die Qualität in unserem Kader ist in der Offensive hoch, aber der Konkurrenzkampf belebt und stärkt auch. Ich brauche mich nicht zu verstecken.

Matthias Sammer hat zu Beginn der Saison gesagt, wenn Sie auf Ihrem besten Leistungsniveau Konstanz reinbekommen, dann werden Sie früher oder später Nationalspieler. Ist das ein Ziel?

An die Nationalmannschaft denke ich gar nicht. Es ehrt mich, wenn jemand wie Matthias Sammer das sagt. Aber davon bin ich weit entfernt. Das erste Ziel muss sein, wieder auf mein bestes Level zu kommen, und dann möglichst konstant. Solange ich dort nicht bin, muss ich darüber auch nicht nachdenken.


Für Ihre guten Aktionen hat der BVB rund 20 Millionen Euro Ablöse bezahlt. Ist Ihnen das unangenehm?

Ja, natürlich. Wenn man sieht, was für Summen im Umlauf sind, geht das meiner Meinung nach viel zu weit. Nur können wir Spieler selber das nicht beeinflussen. Der Markt gibt diese Zahlen her. Es werden ja Transfers mit irren Summen getätigt. Das ist verrückt. (lacht)


Erdet Sie Ihr christlicher Glaube?

Mein Glaube gibt mir viel Kraft und Bodenhaftung und sorgt dafür, dass ich noch weiß, wo ich herkomme. Es gibt Fußballer, die scheinen das vergessen zu haben, wenn man manche Interviews liest.


Sie haben ein Tattoo mit dem Spruch: „Hoffnung ist kein Traum, aber eine Möglichkeit, Träume wahrwerden zu lassen.“ Rührt das daher?

Nein, der Spruch ist mir bei einem Film begegnet, South Paw hieß der, und der hat mich inspiriert.


Was ist denn Ihre nächste Hoffnung?

Das primäre Ziel ist, dass wir die Champions-League-Plätze erreichen. Und für mich, dass ich gesund bleibe.


Wir haben über neun Monate im Zeitraffer gesprochen. Wie könnte ein Zwischenfazit aus Ihrer Sicht lauten?

Neun Monate mit viel Auf und Ab. Jetzt haben wir Stabilität erreicht. Für mich persönlich: Es ist geil, in Dortmund zu sein! Hoffentlich bleibe ich ein bisschen länger.

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