BVB setzt die Bayern gehörig unter Druck - nicht nur wegen des Hummels-Wechsels

dzTransfersommer im Vergleich

Große Transfer-Taten hatte der FC Bayern vollmundig angekündigt. Krachen ließ es seitdem aber nur der Titel-Rivale Borussia Dortmund. Und der BVB hat dazu eine berüchtigte Bayern-Taktik genutzt.

Dortmund

, 22.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Im Frühjahr hatte Präsident Uli Hoeneß verbal eine Einkaufstour historischen Ausmaßes angestoßen, um den Kader in diesem Sommer extrem umzubauen.

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„Wenn Sie wüssten, was wir schon alles sicher haben für die nächste Saison.“ Mit diesen Worten hatte Hoeneß Ende Februar im TV die Lawine ins Rollen gebracht.

„Wenn Sie wüssten, was wir schon alles sicher haben für die nächste Saison.“
Uli Hoeneß

Damals stand der Wechsel von Stuttgarts Verteidiger Benjamin Pavard zu den Bayern schon fest, auch Atletico Madrids Lucas Hernandez als 80-Millionen-Euro-Rekordeinkauf und Sturmtalent Jann-Fiete Arp vom Hamburger SV standen kurz vor ihrer Zusage. Passiert ist seitdem bei den Münchnern aber nur noch eins: Spieler sind gegangen. Arjen Robben, Franck Ribéry, Rafinha, James Rodriguez – und jetzt auch noch Mats Hummels, den es zurückzieht zum BVB. Geballte Klasse und Routine sind also weg.

Nur noch 16 Feldspieler im Kader der Bayern

Stand heute stehen im Kader der Bayern nur noch 16 Feldspieler. Plus Jerome Boateng, dem Hoeneß jedoch schon mehrfach nahelegte, sich bitte nun einen neuen Klub zu suchen. 16 Feldspieler, das ist viel zu wenig für die Dreifachbelastung in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal. Viel zu wenig, um sich dem nun mutiger agierenden Kontrahenten Borussia Dortmund souverän zu erwehren. Keine Frage, die Münchner stehen unter dringendem Zugzwang.

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Der Druck auf die Bayern wächst, weil Rivale Dortmund aufrüstet - und dabei eine ebenso kluge wie weitsichtige Kaderplanung beweist. „Ich erwarte, dass wir noch einmal an Qualität zulegen“, sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc mit Blick auf sein bisheriges Sommerwerk. Zu Recht. Denn in Julian Brandt (Leverkusen), Thorgan Hazard (Gladbach), Nico Schulz (Hoffenheim) und Mats Hummels (München) holte die Borussia für zusammen rund 105 Millionen Euro vier international erprobte Hochkaräter neu an Bord.

Darum machen die BVB-Sommer-Transfers Sinn

Und alle machen Sinn. Brandt und Hazard erhöhen die offensive Durchschlagskraft weiter. Sie schließen die Lücke, die der Abgang von Christian Pulisic (für 64 Millionen Euro zum FC Chelsea) gerissen hat. Zudem ist der BVB so schon jetzt für einen möglichen Abgang des umworbenen englischen Jungstars Jadon Sancho im nächsten Sommer gewappnet.

BVB setzt die Bayern gehörig unter Druck - nicht nur wegen des Hummels-Wechsels

Bald in Schwarz und Gelb gemeinsam am Ball: Julian Brandt und Nico Schulz. © imago

Dazu schloss Dortmund dank Nationalspieler Schulz seine Baustelle auf der linken Abwehrseite. Und Mats Hummels bringt als Abwehrchef die Erfahrung, Zweikampfhärte und Nervenstärke mit, an der es der jungen Dortmunder Kette in der Vorsaison mangelte. „Wir fühlen uns mit dem Kader sehr wohl“, betonte Michael Zorc. Soll heißen: An große Einkäufe ist jetzt nicht mehr gedacht. Nur noch Abgänge stehen auf der Agenda, um den XXL-Kader zu verschlanken und die Kriegskasse wieder aufzufüllen.

Mateu Morey - ein Wechsel mit Weitsicht

Aber: Der BVB halte die Augen offen, falls es noch die Möglichkeit zum Optimieren gibt. Eine Möglichkeit wie Mateu Morey. Die Wahrscheinlichkeit, dass der 19-jährige Rechtsverteidiger vom FC Barcelona ablösefrei kommt, ist groß. Es wäre ein weiterer Wechsel mit Weitsicht: Holt Real Madrid Leihspieler Achraf Hakimi wie erwartet im Sommer 2020 aus Dortmund nach Spanien zurück, könnte Morey dessen Erbe rechts in der Abwehrkette antreten.

Der BVB hat sich in punkto Transfers offenbar die Bayern zum Vorbild genommen. Jahrelang mussten die sich anhören, die Liga kaputt zu kaufen, da sie bei der Konkurrenz die wichtigsten Spieler abgriffen und Rivalen so deutlich schwächten. Dortmund musste das leidvoll erfahren, zuletzt als Mario Götze (2013), Robert Lewandowski (2014) und Mats Hummels (2016) gen Süden wanderten. Borussias Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke schimpfte damals nicht. Zumindest nicht öffentlich. Für ihn war es „legitim, dass die Bayern auch diesen Faktor als Strategie einsetzen“.

Die alte Bayern-Strategie passt zum neuen, angriffslustigen BVB

Eine Strategie, die nun auch zum neuen, angriffslustigen BVB passt, denn ohne sie wäre ein ernsthafter Kampf um die Meisterschale nicht möglich. Dortmund holte Leistungsträger der Topklubs aus Gladbach (Hazard) und Leverkusen (Brandt). Und schwächt dank des Hummels-Transfers sogar als selbst erklärter Jäger die gejagten Bayern, da die Erfahrung und Qualität des 30-Jährigen, der zu den besten Feldspielern der gesamten Bundesliga in der Rückrunde zählte, den Münchnern in der neuen Saison fehlen wird.

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RN-Talk: Der BVB macht die Hummels-Rückkehr perfekt

„Ich mache mir über Bayern München wenig Gedanken“, sagte zwar Michael Zorc, als wir mit ihm über die Hummels-Rückkehr sprechen konnten. Doch bei seiner Kaderplanung dürfte der Dortmunder Sportdirektor genau analysiert haben, welche Spieler es braucht, um sportlich besser als die Bayern werden zu können. Und dass es auch der Faktor Erfahrung war, der die Münchner im Titel-Endspurt der Saison 2018/19 letztlich gegen den BVB hat triumphieren lassen.

Dieses Kader-Gerüst wird dem BVB helfen

Dortmund reagiert darauf mit einer neuen Mischung: Drei 30-Jährige, Mats Hummels, Axel Witsel und Marco Reus, bilden die erfahrene Achse auf dem Feld. Gestandene Profis und Nationalspieler wie Thomas Delaney (wird im September 28), Nico Schulz (26), Thorgan Hazard (26) und Torwart Roman Bürki (28) komplettieren das Gerüst, in dem sich die Jungen wie Julian Brandt (23) oder Jadon Sancho (19) austoben und weiter entwickeln sollen. Das klingt alles nach einem Plan. Nach einer Mannschaft, für die das Ziel Meisterschaft nicht unrealistisch klingen sollte.

BVB setzt die Bayern gehörig unter Druck - nicht nur wegen des Hummels-Wechsels

Hasan Salihamidzic hat noch eine Menge Arbeit vor sich in diesem Transfersommer. Ob Uli Hoeneß seine Aussage aus dem Frühjahr mittlerweile bereut? © imago

Und die Bayern? Die geben sich trotz der BVB-Offensive auf dem Transfermarkt und Rückschlägen beim Werben um Wunschspieler wie Leroy Sané (Manchester City), Rodrigo (Atletico Madrid) oder Callum Hodson-Odoi (Chelsesa) öffentlich gelassen. Die markigen Worte von Uli Hoeneß aus dem Februar sind aber einer moderaten Kommunikation gewichen.

Die Bayern tönen jetzt ein weniger moderater

„Wir wollen noch ein paar Dinge auf dem Transfermarkt tun“, und man habe dafür ja auch noch ein paar Wochen Zeit, ließ Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic wissen, als der Hummels-Abgang nach Dortmund klar war. Salihamidzic wünschte zudem „Mats und seiner Familie alles Gute für die Zukunft“. Ob das auch den Meisterkampf mit dem titelhungrigen BVB einschließt? Wenn ja, dann sollte der FC Bayern besser wirklich noch „was sicher haben“ auf dem Transfermarkt.

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