BVB-Profi Tobias Raschl: „Habe quasi zwei Mal meinen Einstand gegeben“

dzExklusiv-Interview

BVB-Profi Tobias Raschl wartet noch auf seine ersten Pflichtspielminuten. Dabei hat der junge Borusse schon mehr als ein Aufnahmeritual erlebt, wie er uns im Interview verrät.

Dortmund

, 05.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ist es normal nach einem knappen Jahr, bei den Profis von Borussia Dortmund zum Kader zu gehören? „Irgendwie ja“, sagt Tobias Raschl, „man gewöhnt sich recht schnell daran.“ Immer wieder mal ruft er sich dann aber in Erinnerung, wer da in der Kabine neben ihm sitzt. „Und dann weiß ich natürlich, okay, das ist schon was Besonderes.“ Ein Gespräch über aufregende und lehrreiche Monate, in denen ihm eins zugutekam: Raschl sagt von sich, er sei „immer schon sehr geduldig“ gewesen.


Herr Raschl, wie gut sind Sie im Kniffeln?

(lacht) Ich spiele es nicht so oft und habe bei unserer Challenge nicht so gut abgeschnitten. Aber es war eine lustige Aktion und hat mal ein wenig Abwechslung gebracht. Ich habe tatsächlich vorher ein bisschen geübt, den Ehrgeiz hatte ich schon! Marco Reus hat am Ende gewonnen, der konnte es deutlich besser als ich.

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Mittlerweile stehen Sie ja auch wieder auf dem Trainingsplatz…

Ja, darauf haben sich natürlich alle gefreut, auch wenn die Kleingruppen-Arbeit natürlich noch kein richtiges Mannschaftstraining ist. Aber man hat wieder einen festen Termin am Tag, das mag ich. Ich bin aber auch mit dem Training zu Hause gut klar gekommen. Ich war während der Zeit meistens bei meinen Eltern in Düsseldorf, dort bin ich oft laufen gegangen.


Wie war das am 3. Juli 2019, als Sie erstmals als Profi und Mitglied des Kaders die BVB-Kabine betreten haben?

Mein allererstes Mal war ja schon weit vorher, irgendwann vor dem Winter. Da wurde ich zum ersten Mal zum Training eingeladen. Ich hatte… (Raschl zögert) … Angst ist das falsche Wort, aber da war ich schon sehr angespannt und aufgeregt. Da war vor allem Respekt vor der Aufgabe. Im vergangenen Sommer war es aber natürlich trotzdem noch einmal besonders, weil ich kein Trainingsgast und kein Jugendspieler mehr war. Ich gehörte nun richtig dazu.


Und?

Borussia Dortmund ist ein großer Klub, mit Spielern, die einen großen Namen haben, die viel gewonnen haben. Das war natürlich schon cool, ab da dazuzugehören.


Wie schnell wurde daraus Normalität?

Wenn man jeden Tag zusammen ist, teilweise zwei Mal Training hat, dann wird daraus ziemlich schnell Normalität. Die Jungs haben es mir aber auch sehr leicht gemacht, sie haben mir schnell das Gefühl gegeben, richtig dazuzugehören.


In Jacob Bruun Larsen stand bis zur Winterpause ein Mitspieler aus Jugendzeiten im Dortmunder Kader. War er der wichtigste Ankerpunkt in den ersten Monaten?

Ja, das kann man schon sagen. Er hat mir gerade am Anfang vieles erklärt, wie die Abläufe sind, solche Dinge. Man ist ja zunächst auch noch zurückhaltend, beobachtet vor allem und saugt auf. Mit der Zeit traut man sich dann aber auch mehr. Ich habe aber von allen viele Tipps bekommen, nicht nur von Jacob.


Wie haben Sie Trainer Lucien Favre in dieser ersten Phase erlebt?

Das war total spannend. Favre ist eine große Persönlichkeit, er hat unglaublich viel Erfahrung, und das strahlt er auch aus. Er hat mich gerade am Anfang sehr häufig angesprochen, hat mir erklärt, wie er sich die Trainingsformen vorstellt, was er da von mir erwartet. Er hat meine Positionen korrigiert, bis ich wusste, wie ich mich auf dem Platz zu verhalten hatte. Man weiß ja, dass er auch sehr viel Wert auf technische Dinge legt, das hat mir gefallen. Es war und ist sehr lehrreich.

BVB-Trainer Lucien Favre (l.) erkärt Tobias Raschl etwas.

BVB-Trainer Lucien Favre (l.) erkärt Tobias Raschl etwas. © Guido Kirchner


Sie haben dann Borussia Dortmunds erstes Tor der Saison erzielt. War Ihnen die Besonderheit dieser Situation bewusst?

Erst gar nicht. Es war ja in dem Spiel beim FC Schweinberg, ein Kreisligist, der diese Partie gegen uns bei einer Aktion gewonnen hatte. Da war mir schon klar, dass wir deutlich gewinnen werden. Aber dann sprachen mich Mitspieler darauf an, dass das erste Tor der Saison ja schon etwas Besonderes ist.


Für neue Spieler im Kader gibt es das Gesangs-Ritual. Wie lief das bei Ihnen ab?

(lacht) Das war kein Problem. Ich habe später, als Gio Reyna singen musste, ihn sogar unterstützt und nochmal gesungen. Ich habe quasi zwei Mal meinen Einstand gegeben.

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Während Reyna schnell eine regelmäßige Einwechsel-Option wurde, warten Sie bis heute auf ihre ersten Pflichtspiel-Minuten bei den Profis und haben regelmäßige Spielzeit nur im Regionalliga-Team bekommen. Wie fällt Ihr Fazit bis hierhin aus?

Jeder will spielen, ich natürlich auch. Aber ich komme damit gut klar, dass es noch nicht passiert ist. Wir hatten vor der Saison mit dem Verein besprochen, dass ich mir im ersten Jahr keinen Druck machen soll, dass ich es vor allem als Lehrjahr begreifen soll. Die Konkurrenz ist riesengroß in Dortmund, das war mir ja schon vorher bewusst. Ich bin ein geduldiger Mensch. Ich versuche dranzubleiben. Mal sehen, vielleicht klappt es ja, falls die Saison fortgesetzt wird.


Wie weit sehen Sie sich in dem Prozess, Fuß zu fassen im Erwachsenenfußball? Was fehlt vielleicht noch?

Verbessern kann ich mich in allen Bereichen. Wir haben zum Beispiel mit Kraftübungen begonnen, damit ich stabiler werde. Insgesamt ist mir die Umstellung gar nicht so schwer gefallen, aber natürlich hat es gedauert, bis ich mich angepasst hatte.

Tobias Raschl (l.) im Zweikampf mit Lukasz Piszczek. (Archiv)

Tobias Raschl (l.) im Zweikampf mit Lukasz Piszczek. (Archiv) © Kirchner-Media


In welchen Bereichen war der Unterschied zum U19-Bereich am deutlichsten zu spüren?

Der ist überall festzustellen. Es ist alles intensiver, vor allem mit mehr Tempo und Athletik. Man muss schneller reagieren, hat mit dem Ball am Fuß viel weniger Zeit.


Als Sie mit 16 zum BVB wechselten, haben Sie sehr schnell eine Führungsrolle übernommen, zuletzt haben Sie die U19 als Kapitän zur Deutschen Meisterschaft geführt. Wie groß war die Umstellung, nun wieder eine Nebenrolle einzunehmen?

Das war kein Problem. Ich spiele fast nur mit Nationalspielern zusammen, da war mir klar, dass ich mich ganz hinten anstellen muss.

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Sportdirektor Michael Zorc hat uns erklärt, er sei mit Ihrer Entwicklung sehr zufrieden. Welches Feedback bekommen Sie von ihm?

Es gibt einen regelmäßigen Austausch, vor allem auch mit Sebastian Kehl und Otto Addo, die ja bei jedem Training dabei sind. Da bekomme ich wichtige Rückmeldungen.


Sie sind 20, da sagt man immer, Spieler in dem Alter brauchen viel Spielpraxis. Ihr BVB-Vertrag läuft noch zwei Jahre. Machen Sie sich Gedanken darüber, ob im Sommer eine Ausleihe sinnvoll sein könnte?

Darüber haben wir bislang gar nicht gesprochen. Die Umstände sind ja auch jetzt sehr speziell, ich warte ab, wie sich das entwickelt.


Ihr Anspruch ist aber schon, höher zu spielen als Regionalliga?

Das stimmt, ja.


Ihr Vater hat Ihnen immer auch die Option offen gehalten, in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Wäre eine Lehre zum Beispiel als KFZ-Mechaniker eine Alternative gewesen, wenn es als Profi nicht geklappt hätte?

Da bin ich ehrlich gesagt nicht so gut aufgestellt (lacht). Meine Eltern haben darüber schon mit mir gesprochen, weil ja mit 16 oder 17 nicht klar ist, ob man den Sprung schafft. Mein Vater hätte mich gern im Betrieb gesehen. Aber ich habe von Zuhause viel Unterstützung für meinen Weg bekommen, darüber bin ich sehr froh.

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