BVB-Neuzugang Reinier im Interview: „Dortmund ist eine große Chance“

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BVB-Neuzugang Reinier fühlt sich wohl in Dortmund. Die Arbeiterstadt passe zu ihm. Doch auch das Wetter und der Fußball? Das verrät er im großen Exklusiv-Interview.

Dortmund

, 12.10.2020, 07:09 Uhr / Lesedauer: 4 min

Verrückte zehn Monate liegen hinter BVB-Neuzugang Reinier Jesus Carvalho. 18. Geburtstag am 19. Januar, einen Tag später der 30-Millionen-Euro-Wechsel von Flamengo zu Real Madrid, dann plötzlich ausgebremst durch Corona, monatelang kein Spiel, im Sommer die Leihe für zwei Saisons zum BVB – jetzt die ersten Einsätze für die Dortmunder Borussia. Und tausend Eindrücke und Herausforderungen in zwei fremden Ländern und neuen Klubs. Trotzdem zeigt sich Offensivspieler Reinier, dem in seiner Heimat Brasilien eine große Zukunft als Spielmacher prophezeit wird, im großen Interview mit den Ruhr Nachrichten geerdet – und er verrät, warum der BVB für ihn „bestimmt die richtige Wahl“ ist.


Keine Copacabana, auch keine Sonne in Spanien, stattdessen deutscher Herbst mit Regen und Sturm. Wie groß war für Sie die Umstellung?

Das Wetter ist eine Umstellung, das stimmt. Ansonsten habe ich mich gut eingelebt, mein Vater war in den ersten drei Wochen mit hier, ich hatte da in der ersten Zeit viel Unterstützung. Und was ich von Dortmund bislang gesehen habe, hat mir gefallen. Es ist nicht Rio und auch nicht Madrid, aber es ist eine Arbeiterstadt, das passt zu mir.


Haben Sie schon eine Wohnung gefunden, ist die Familie mit in Dortmund?

Ja, ich wohne mit einem guten Freund zusammen. Meine Eltern sind noch in Madrid mit meiner kleinen Schwester. Sie kümmern sich von dort aus, wir telefonieren natürlich regelmäßig.


Sie sind seit sieben Wochen beim BVB. Wie läuft der Eingewöhnungsprozess an die neue Umgebung, an die neuen Mitspieler?

Ich bin auf einem guten Weg. Die Einheiten sind anstrengend, mit einer hohen Intensität. Das Tempo ist sehr hoch und du hast nur wenig Zeit zu reagieren, weil immer sofort ein Gegenspieler an dir dran ist. Das gefällt mir gut, die Qualität ist sehr hoch.


Ihr Jugendtrainer hat über Sie gesagt, Sie seinen ein typischer Vertreter des „schönen Spiels.“ Ist die Umstellung auf das athletische und körperbetonte Spiel in Europa und Deutschland die größte Herausforderung?

Das Spiel in Europa ist sehr physisch, auch hier in Dortmund. Ich versuche mich so schnell wie möglich da anzupassen, das ist ein Prozess. Aber es wird von Tag zu Tag besser.


Können Sie beschreiben, wie es zur Kontaktaufnahme mit dem BVB kam?

Dortmund hatte schon Interesse, als ich noch in Brasilien war. Das hat mich damals sehr gefreut, weil der BVB in Brasilien von vielen sehr geschätzt wird. Damals hat es nicht geklappt, ich bin dann zu Real Madrid gewechselt. Doch als jetzt die Anfrage erneut kam, musste ich nicht zwei Mal überlegen. Dortmund ist für mich eine große Chance, es ist ein großes Projekt und bestimmt die richtige Wahl.

BVB-Neuzugang Reinier am Ball.

BVB-Neuzugang Reinier am Ball. © Ulmer/Pool


Hat sich herumgesprochen, dass Dortmund ein guter Ort für junge Spieler ist?

Der BVB genießt in Brasilien einen guten Ruf, was die Weiterentwicklung junger Spieler angeht. Wir haben Gio Reyna, Jadon Sancho, Erling Haaland, jetzt auch noch Jude Bellingham. Der Klub ist in meiner Heimat bekannt dafür, jungen Spielern gute Chancen zu bieten, die Menschen in Brasilien verfolgen das sehr genau, wie sich diese Spieler entwickeln.


Dortmund hat schon einige brasilianische Spieler unter Vertrag gehabt. Haben Sie sich Tipps geholt?

Ja, Marcio Amoroso hat mir eine Nachricht geschickt, als er von meinem Wechsel gehört hat. Wir haben darüber gesprochen, welche Chancen der Wechsel bietet. Und als ich in Dortmund angekommen war, habe ich mich mit Dede getroffen. Wir waren einen Nachmittag lang unterwegs, er hat da auch meinen Vater kennengelernt. Jetzt haben wir regelmäßig Kontakt. Er erklärt mir, wie der BVB funktioniert und erzählt mir viel über den Klub und die Menschen bei Borussia Dortmund.

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Wie würden Sie sich selbst als Spielertypen beschreiben? Auf welcher Position entfalten Sie ihre Qualitäten am besten?

Bei Flamengo habe ich auf der Neuneinhalb gespielt oder auf der Zehn, am liebsten also hinter der Spitze. Ich kann auch auf der linken Seite agieren, fühle mich aber in der Zentrale am wohlsten.


Einer Ihrer Jugendtrainer hat über Sie auch gesagt, es gebe für Reinier kein Limit. Wo sehen Sie selbst die Bereiche, in denen Sie noch besser werden können und müssen?

Ich bin sehr jung, also gibt es in allen Bereichen noch Potenzial für Verbesserung. Ich muss mich an das körperlichere Spiel anpassen, vor allem aber muss ich mich taktisch verbessern. Ich versuche viel von meinen Mitspielern abzuschauen, ich höre ihnen zu, auch wenn ich noch nicht so viel verstehe. Ich höre quasi mit den Augen zu (lacht).


Wie empfinden Sie das Niveau im Training?

Jede Einheit läuft mit einer hohen Qualität und Intensität ab, das war in Madrid aber genauso.


Welcher brasilianische Spieler würde Ihrer Spielweise am nächsten kommen?

Das wäre wohl Kaka. Ich habe ihn viel beobachtet, habe seine Spiele bei Weltmeisterschaften gesehen. Und als wir uns einmal in Brasilien getroffen haben, hat er mir sehr viele Ratschläge für mein Spiel und meine Karriere gegeben. Wir sind uns als Spielertypen ähnlich, er ist ähnlich groß wie ich und auch ein physischer Spieler. Er war immer ein Vorbild für mich. Aber ich will ihn nicht imitieren, ich will meinen eigenen Stil kreieren, will ein eigenständiger Spieler sein.

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Ein Vorbild von Ihnen im europäischen Fußball soll Marco Reus gewesen sein…

Das stimmt. Als ich noch kleiner war, habe ich in Brasilien viele Spiele der Borussia geschaut. Mir hat das schnelle Spiel imponiert, wie sie umgeschaltet haben. Mit Reus oder Aubameyang und Lewandowski ging es immer mit Power nach vorn. Deshalb freut es mich jetzt besonders, dass ich noch mit Reus gemeinsam auf dem Platz stehe. Das ist für mich etwas ganz Besonderes.

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Und wie war das erste Treffen in der Kabine?

Ich musste mich am ersten Tag immer vergewissern, ob er es wirklich ist, ob er wirklich da sitzt (lacht). Es war toll. Ich haben am Anfang ja in einer Dreiergruppe mit Marco und Mo Dahoud individuell trainiert, weil wir alle aus Verletzungen kamen. Das hat sehr viel Spaß gemacht.


Die Leihe von Real Madrid ist auf zwei Jahre ausgelegt. Welche Ziele möchten Sie in dieser Zeit erreichen?

Ich glaube, diese Mannschaft hat genügend Potenzial, um Pokale zu gewinnen und Titel zu holen. Ich möchte mit dieser Mannschaft erfolgreich sein, persönlich möchte ich mich auf dem Platz als Spieler und neben dem Platz als Mensch weiterentwickeln.


Achraf Hakimi ist den gleichen Weg gegangen, er war hier sehr erfolgreich. Ist er in dem Sinne ein Vorbild?

Natürlich habe ich verfolgt, welchen Weg er hier gegangen ist. Er hat mir gleich seine Hilfe angeboten und geschrieben, dass er bereitsteht und ich ihn immer anrufen kann, wenn ich Tipps brauche.

ZUR PERSON:
  • Reinier wurde geboren am 19. Januar 2002 in Brasilia.
  • Flamengo Rio de Janeiro bildete ihn fußballerisch ab 2014 aus, 2019 wurde er mit dem Klub brasilianischer Meister und gewann die Copa Libertadores. Im Januar 2020 wechselte er zu Real Madrid, im Sommer 2020 für zwei Jahre auf Leihbasis zum BVB.
  • Seit 2018 zählt der 1,85 Meter große Reinier zum Kader der brasilianischen U-Nationalteams und war Kapitän der U17.
  • Für den BVB kam der in der Offensive variabel einsetzbare Mittelfeldspieler bislang auf vier Kurzeinsätze (2x in der Bundesliga, 1x im DFB-Pokal und im DFL-Supercup in München).
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