Bei der Polizei hat jeder Fußball-Fan einen Sitzplatz

Endstation Markgrafenstraße

Es riecht nach Mensch. Und Desinfektionsmittel. Wer den Gefangenentransporter verlässt und durch die Schleuse ins Polizeigewahrsam schreitet, gehört zu den Verlierern. Hier landet, wer die Liga in ein Schlachtfeld verwandeln will.

DORTMUND

von Von Peter Bandermann

, 20.01.2011, 07:58 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ekkehard Gogolla in der Sammelzelle. »No way out« - dafür sorgen die Stangen aus Stahl.

Ekkehard Gogolla in der Sammelzelle. »No way out« - dafür sorgen die Stangen aus Stahl.

Willkommen an der Markgrafenstraße 102. Willkommen im „Hotel Vier Jahreszeiten“. Tristes Estrich-Grau statt sattes Rasen-Grün. Die Damen und Herren an der Rezeption tragen Uniformen, sind freundlich, aber auch nicht zimperlich und verteilen sogar gelbe und rote Karten. Die sind für die Putzfrauen. Gelb an der Zellentür steht für einfache Reinigung. Rot für Sonderreinigung. Wenn es nach Mensch riecht. Wer auf der Straße im Kampf gegen die Fans von der anderen Seite ein Harter sein will, darf drinnen kein Weichei sein: Die Toilette in der Sammelzelle für 50 Gefangene hat keine Tür und ist von einer kleinen Mauer umgeben. Mann ist unter sich. Mit allen Sinnen.

Fans, die in der Sammelzelle friedlich auf das Ende des Fußballspiels warten dürfen, haben es gut. Die Anderen fahren mit dem Aufzug in die zweite Etage. Dort sind die Einzelzellen. Hinter den elf Türen rechts auf dem Flur sind die Beobachtungszellen mit Ösen auf dem Boden. An Händen und Füßen gefesselte Randalierer müssen alle Viere von sich strecken und können, falls der Nachbar nicht rumschreit, den Torjubel im Stadion hören. „Wenn sie drin sind, werden sie meist ruhig“, verrät Gewahrsamsleiter und „Hotelchef“ Ekkehard Gogolla (58). In den Zeiten im Streifendienst hat der Polizeihauptkommissar die „Gäste“ an der Rezeption abgegeben. Jetzt steht er mit seinen Kollegen auf der anderen Seite der Theke. Schwarzweißbilder flackern auf den Monitoren, schwere Eisenfesseln hängen an der Wand und das Personal fragt sich, warum es im Extremfall rund 100 unter den 80 720 Fußball-Fans auf dem Weg zum Stadion immer nur bis zur Markgrafenstraße schaffen.

„Auch wenn wir die Gefangenen wie Gäste behandeln: Das hier ist nicht angenehm“, warnt Gogolla. Denn eine Nacht im Gewahrsam kann sehr lehrreich sein und gibt gewalttätigen Fans einen Vorgeschmack auf das, was noch droht, wenn sie weiter das Stadion-Grün mit dem Gewahrsams-Grau wechseln wollen: Sogar Tee und Käsestulle kommen aus dem Knast.

Lesen Sie jetzt