Bedrohliche Entwicklung: Die Identifikation der BVB-Fans mit dem Klub bröckelt

dzKommentar

Borussia Dortmund hat nicht nur sportliche Probleme zu lösen. Auch der Zusammenhalt zwischen Fans und Mannschaft muss wieder stärker werden - und die Spieler stehen in der Bringschuld.

Dortmund

, 15.11.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die, die überhaupt noch da waren und nicht frühzeitig die Flucht ergriffen hatten, waren nur geblieben, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen. Als die BVB-Profis in die Kurve schlichen nach dieser erneuten Schmach von München, hagelte es Pfiffe, Frustbekundungen und Beschimpfungen. Die Gesten der Fans waren eindeutig, die Mannschaft wurde weggeschickt wie ungebetene Gäste - und vielleicht war der eine oder andere Spieler in Schwarzgelb in diesem Moment nicht sonderlich böse drum, dass die Gästefans in der Allianz Arena im Mittel- und im Oberrang Platz nehmen müssen. Der direkte Dialog am Zaun mit dem aufgebrachten Anhang entfiel schon allein aufgrund der baulichen Gegebenheiten in der Heimspielstätte des FC Bayern München.

Die Sache mit der Identifikation ist beim BVB kein neues Problem

Es wäre kein angenehmes Gespräch für die BVB-Spieler mit den Fans geworden, wahrscheinlich noch unangenehmer als die 90 Minuten Fußball zuvor auf dem Rasen. Dabei hätte es viel zu besprechen gegeben. Und es gibt auch jetzt, wo sich der erste Frust gelegt hat, immer noch einiges zu besprechen. Zum Beispiel steht die Frage im Raum, ob wirklich jeder in dieser Mannschaft alles investiert für maximalen sportlichen Erfolg? Und ob sich wirklich jeder in dieser Mannschaft zu 100 Prozent mit seiner Aufgabe im Verein und seinem Arbeitgeber identifiziert?

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Vor allem die Sache mit der Identifikation ist kein ganz neues Problem bei Borussia Dortmund. Pierre-Emerick Aubameyang und vor allem Ousmane Dembele trieben es mit ihren provozierten Abgängen in der jüngeren Vergangenheit auf die Spitze. In der Sommerpause stellte die Debatte um eine mögliche Vertragsverlängerung Mario Götzes und mögliche finanzielle Einschnitte des ehemaligen Nationalspielers jeden Fußballromantiker auf eine harte Probe. Nach der vergangenen Länderspielpause dann sah sich der BVB gezwungen, Jadon Sancho für das wichtige Bundesliga-Spiel gegen Borussia Mönchengladbach aus dem Kader zu streichen, weil der junge Engländer verspätet von seiner Nationalmannschaftsreise nach Dortmund zurückgekehrt war.

Ex-BVB-Torhüter Roman Weidenfeller findet klare Worte

Nach dem 3:0-Sieg gegen den VfL Wolfsburg verweigerte Paco Alcacer den Gang vor die Südtribüne, weil ihn der mannschaftliche Erfolg nicht so sehr freute, wie ihn seine späte Einwechslung in der 89. Minute ärgerte. Und schließlich, als nach der furiosen Aufholjagd beim 3:2 gegen Inter Mailand viele Fans die Hoffnung hatten, der BVB habe nach dem holprigen Saisonstart inklusive eines weiteren enttäuschenden Derbys gegen den FC Schalke 04 endlich in die Spur gefunden, folgte die „Nicht-Leistung“ in München, wie Sportdirektor Michael Zorc es betitelte.

Bedrohliche Entwicklung: Die Identifikation der BVB-Fans mit dem Klub bröckelt

Die BVB-Fans in der Allianz Arena wurden bitter enttäuscht. © Kirchner/Christopher Neundorf

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke erklärte danach, dass „jede Kritik, die jetzt auf uns einprasselt“, berechtigt sei. Und Roman Weidenfeller, mittlerweile Markenbotschafter des BVB, der seine besten sportlichen Jahre bei Borussia Dortmund erlebte, als die Identifikation der Fans mit der Mannschaft noch eine ganz andere war, echauffierte sich: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass man sich über die Niederlage aufgeregt hat, dass einer sauer war, dass man sich vielleicht auch gegenseitig mal angeschrien hat. Das kenne ich so nicht.“

Die „Echte Liebe“ beim BVB hat erkennbare Risse bekommen

Es sind auch bittere Erkenntnisse wie diese, die dazu führen, dass die Identifikation der Fans mit der Mannschaft und dem Klub bröckelt. Und es ist die Tatsache, dass die Identifikation vieler Spieler mit den Fans und dem Klub schon seit Längerem zu bröckeln scheint. Das besondere BVB-Gefühl, das den Verein, man kommt um den Namen Jürgen Klopp nicht herum, bis 2015 umgab, ist nicht mehr dauerhaft in Dortmund anzutreffen, sondern blitzt nur noch ab und zu auf. Die „Echte Liebe“, die lange ein so genialer wie passender Begleiter war, hat klar erkennbare Risse bekommen.

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Dieses Besondere jedenfalls, dass Vereine immer dann umgibt, wenn der Eindruck vorherrscht, dass gerade etwas Denkwürdiges entsteht, das man vielleicht am besten mit Euphorie erklären kann, es ist in diesen Tagen nicht mehr in Dortmund zu Gast. Es ist weitergezogen, nach Liverpool natürlich, vielleicht aber auch zu Borussia Mönchengladbach, zu Union Berlin oder zu Eintracht Frankfurt.

Nur ehrlicher Fußball kann diese Entwicklung stoppen

Es ist freilich nicht ausgeschlossen, dass diese Euphorie, dieses besondere BVB-Gefühl nach Dortmund zurückkehrt, dass die Stimmung im Signal Iduna Park wieder nachhaltig besser wird, es kann sogar ganz schnell gehen, wie die zweite Hälfte gegen Inter Mailand gezeigt hat, aber am Ende werden keine Flugzettel der Ultras und keine Blockwechsel auf der Südtribüne dabei helfen, sondern die Spieler auf dem Platz in Vorleistung treten müssen. Blutleere Auftritte, wie sie in dieser Saison zu häufig stattgefunden haben, bewirken das Gegenteil. Gepaart mit dem Gefühl, dass nicht jeder der hochbezahlten Profis voll bei der Sache ist, wird es zu purem Gift für das Zusammenspiel zwischen Fans und Mannschaft.

Bedrohliche Entwicklung: Die Identifikation der BVB-Fans mit dem Klub bröckelt

Mats Hummels sagte nach dem 0:4 in München: „Wir müssen ein bisschen härter zu uns selbst sein.“ © Kirchner/Christopher Neundorf

Und so kommt der BVB im Jahr 2019, wenn man es auf die Spitze treiben will, ein bisschen wie ein zweiter, ein kleinerer FC Bayern München daher. Viel Geld, viele Stars, wenig Emotionen - und weniger Erfolg. Das Einzige, das gegen diese bedrohliche Entwicklung wirken kann, ist ehrlicher Fußball. Die Fans müssen wieder stolz auf den BVB sein dürfen, auch wenn das Ergebnis mal nicht das erhoffte ist. Borussia Dortmund muss zu seinen Wurzeln zurückfinden.

Jürgen Klopp: „Der Verein ist größer als wir alle“

Die Mannschaft müsse „ein bisschen härter zu sich selbst sein“, hat Mats Hummels nach dem Debakel von München gesagt. Es wird offenbar höchste Zeit. Und Jürgen Klopp hat mal gesagt: „Der Verein ist größer als wir alle.“ Entschieden zu wenige Spieler von Borussia Dortmund scheinen sich derzeit noch an diesen Satz zu erinnern, dabei könnte man ihn sich eigentlich ganz leicht merken - und er ist auch noch gar nicht so alt.

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