Bedarf ja, Geld nein: Reicht ein Erling Haaland für ganz vorne?

dzBVB-Analyse

Borussia Dortmund wird sich in diesem Sommer auf dem Transfermarkt zurückhalten. Corona hat viel verändert, eine Frage aber ist noch da: Braucht der BVB noch einen zweiten richtigen Stürmer?

Dortmund

, 12.07.2020, 17:57 Uhr / Lesedauer: 4 min

Hans-Joachim Watzke konterte die Frage mit einer Gegenfrage. „Noch einen?“, sagte der BVB-Boss, als es darum ging, ob Borussia Dortmund für die neue Saison noch einen weiteren Stürmer verpflichten wolle. Er habe das Gefühl, meinte Watkze, „dass wir einen gelernten Mittelstürmer haben – und damit haben wir genauso viele gelernte Mittelstürmer wie Bayern München, nämlich einen.“

BVB hat nur noch Haaland – und Hazard

Am 21. Juli 2019 war das, kurz bevor Borussia Dortmunds Tross in Chicago nach einer erfolgreichen Werbetour durch die USA am O’Hare International Airport den Flieger in Richtung Heimat bestieg. Watzke, das wollte er noch loswerden, verstehe „die ganze Diskussion“ nicht. Paco Alcacer sei „deutlich straffer, weil er die gesamte Vorbereitung mitmachen kann“. Niemand müsse also so tun, als ob der BVB keine Stürmer habe. „Denn wir haben ja auch noch Mario Götze, Thorgan Hazard und Jacob Bruun Larsen, die diese Position spielen können. Deswegen ist die Stürmer-Diskussion eine Diskussion, die überwiegend von den Medien geführt wird und nicht von uns.“

Ein knappes Jahr später sind Paco Alcacer, Mario Götze und Jacob Bruun Larsen nicht mehr da, nur Thorgan Hazard ist aus Watzkes Aufzählung übrig geblieben – und natürlich ist Erling Haaland dazugekommen, der in seinem ersten halben Jahr bei Borussia Dortmund getroffen hat, wie er wollte. 16 Tore in bislang 18 Pflichtspielen hat der 19-jährige Norweger für den BVB erzielt, das hat nicht einmal Alcacer geschafft. Der Spanier traf in seinen ersten 18 Einsätzen im schwarzgelben Trikot 13-mal.

Watzke wolllte zweite Neun für den BVB – hat aber wieder nur eine

Im vergangenen November, das ist hinlänglich bekannt, räumte Watzke auf der Mitgliederversammlung ein, dass der BVB vor der Saison „einen Fehler“ begangen habe. „Wir hätten definitiv eine zweite Nummer Neun verpflichten müssen, wohlwissend, dass es auch Argumente dagegen gibt.“ Unter dem Strich aber habe man die Situation „falsch bewertet“. Ob der Vorsitzende der Dortmunder Geschäftsführung all das sagte, weil er es wirklich so meinte, oder eher deshalb, weil er von anderen Problemen wie der Trainerdiskussion ablenken wollte und die aufgebrachte Fanseele nach einem 3:3 gegen den SC Paderborn nach Schuldeingeständnissen dürstete, bleibt vermutlich für ewig Watzkes Geheimnis.

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Seit Haalands Verpflichtung im vergangenen Winter jedenfalls scheint der von Watzke analysierte Fehler behoben zu sein, obwohl sich zumindest rein numerisch überhaupt nichts verändert hat bei Borussia Dortmund. Alcacer ging, Haaland kam: Der BVB bestritt auch die Rückrunde mit nur einem gelernten Stürmer im Kader, aber er spielte deutlich erfolgreicher – und schoss am Ende so viele Tore wie noch nie in einer Bundesliga-Saison, nämlich 84.

BVB-Sturm: Reus und Hazard als Ersatz für Haaland

Dabei spielte Haaland längst nicht immer von Beginn an. 13-mal stand er in der Startelf, fünfmal wurde er eingewechselt, zweimal musste er verletzt zuschauen. Seine Vertreter hießen entweder Marco Reus oder ab Februar, als der BVB-Kapitän verletzt ausfiel, Thorgan Hazard.

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Watzke und die Ritter der Elefantenrunde müssen nun bewerten, ob sich die Situation im Vergleich zum Vorjahr maßgeblich verändert und entscheidend verbessert hat. Verbessert hat sie sich insofern, dass Haaland als Spieler grundsätzlich einen anderen Typ Stürmer verkörpert als Alcacer. Verbessert hat sie sich außerdem, weil Haaland eine ganz andere Identifikation und Begeisterung für seine Aufgabe bei Borussia Dortmund mitbringt, als es bei Alcacer der Fall war, der nach nur anderthalb Jahren in Dortmund unglücklich und voller Heimweh seine Koffer packte und zurück in die spanische Heimat aufbrach. Insgesamt wirkt Haaland deutlich robuster, entwicklungsfähiger und wahrscheinlich einfach besser als Alcacer.

Viel Verantwortung für BVB-Stürmer Erling Haaland

Doch Fragen bleiben trotzdem: Wie riskant ist es, mit nur einem echten Stürmer in die neue Saison zu gehen, der dann gerade einmal 20 Jahre alt ist? Wie viel Verantwortung kann Haaland, der unlängst mit einem Video für Furore sorgte, in seiner zweiten Saison beim BVB schon tragen? Wie gut wird Haaland die hohe Belastung des noch einmal strafferen Spielplans in der neuen Saison verkraften? Und begeht man vielleicht noch einmal denselben Fehler wie vor einem Jahr, wenn man keinen weiteren Stürmer verpflichtet?

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Aus der eigenen Jugend rückt im Sommer Youssoufa Moukoko zu den Profis auf, spielberechtigt ist der 15-jährige Stürmer mit der Fabel-Torquote im Nachwuchsbereich allerdings erst ab dem 20. November, wenn er seinen 16. Geburtstag feiert. Eigentlich kann und darf niemand Wunderdinge von Moukoko erwarten, auch wenn er in der U17 und U19 regelmäßig Wunderdinge vollbracht hat. Der Rucksack voller Erwartungshaltung und der Hype sind auch so schon mehr als (zu) groß genug, ihn bereits in diesem Sommer als Alternative zu Haaland hinzustellen, wäre wohl weder gerecht für den Spieler noch besonders clever vom Verein.

BVB hat Sturm-Alternativen im eigenen Kader – reichen die?

Bleiben noch die Alternativen im eigenen Kader. Thorgan Hazard hat einige Male einen guten Eindruck als Sturmspitze hinterlassen, aber ein vollwertiger Ersatz für Haaland ist er nicht. Julian Brandt und Marco Reus sind woanders auf dem Spielfeld besser aufgehoben. Auch Jadon Sancho, wenn er denn bleibt, und Giovanni Reyna fühlen sich auf dem Flügel oder als hängende Spitze deutlich wohler als ganz vorne.

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Unter dem Strich, um bei Hans-Joachim Watzkes Wortwahl aus dem vergangenen November zu bleiben, scheint der Bedarf für einen weiteren Stürmer im Dortmunder Kader, unabhängig von Sanchos Verbleib, durchaus vorhanden zu sein – wohlwissend, dass es freilich auch Argumente dagegen gibt.

BVB fehlt das Geld für große Transfers

Zum einen hat der BVB in der vergangenen Saison schlussendlich kein Offensivproblem gehabt, zum anderen, und das fällt wohl entschieden schwerer ins Gewicht, hat Borussia Dortmund durch die Corona-Krise große finanzielle Verluste zu verkraften. „Wir werden“, sagte Watzke Ende Juni im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten, „aufgrund der Tatsache, dass uns in allen Bereichen Einnahmen dramatisch weggebrochen sind und auch im kommenden Jahr weiter wegbrechen werden, keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt machen. Auf der aufnehmenden Seite werden wir nicht viele Transfers tätigen.“

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Bislang sind zwei Verpflichtungen fest eingeplant. Thomas Meunier (ablösefrei von Paris Saint-Germain) ist schon da, Jude Bellingham (für rund 23 Millionen Euro von Birmingham City) soll und wird bald dazukommen. Darüber hinaus sei auf der Zugangsseite, falls Sancho bleiben sollte, nichts weiter geplant, heißt es in schöner Regelmäßigkeit. BVB-Sportdirektor Michael Zorc erklärte jüngst im Interview mit dieser Redaktion: „Klar hat die Corona-Situation immensen Einfluss auf unser Geschäft und auch auf die Transfers. Bei den Vereinen, die ihr Geld selbst verdienen müssen, ist einfach weniger in der Kasse.“

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Die spannende Frage ist, wie viel bei Borussia Dortmund noch reinkommt – und ob sich auf dem Transfermarkt nicht doch noch ein Schnäppchen ergattern lässt, um für die nächste Mitgliederversammlung besser gewappnet zu sein.

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