Ähnliche Stärken, ähnliche Schwächen: So kann der BVB das Starensemble aus Paris knacken

dzTaktikanalyse

Paris und Dortmund schossen zuletzt Tore am Fließband - offenbarten aber große Defensivschwächen. Lucien Favre und Thomas Tuchel sind gefordert. Die Taktikanalyse.

von Tobias Escher

Dortmund

, 18.02.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Borussia Dortmund und Paris St. Germain so weitermachen wie zuletzt, wird das Champions-League-Achtelfinale ein Spektakel. Offensiv hui, defensiv pfui: So lässt sich die Rückrunde der beiden Teams zusammenfassen. Dortmunds erzielte im Jahr 2020 pro Partie durchschnittlich vier Tore und kassierte zwei. PSG wiederum kam in den vergangenen drei Pflichtspielen auf 14 Tore und sieben Gegentore.

Bringt Thomas Tuchel die „Fab Four“ auch gegen Dortmund?

PSG-Trainer Thomas Tuchel hadert - ähnlich wie BVB-Trainer Lucien Favre - mit der Balance seines Teams. In der Hinrunde sah dies noch anders aus. Tuchel setzte zumeist auf ein 4-3-3-System. Es bot gerade im Mittelfeld-Zentrum defensive Stabilität.

Das Problem dieser Drei-Stürmer-Formation: Es bot nicht genug Platz für die Pariser „Fab Four“. So taufte die französische Presse das Angriffsquartett aus Neymar, Kylian Mbappe, Mauro Icardi und Angel Di Maria. Lange sperrte sich Tuchel gegen die Idee, seine vier Stars zusammen aufzustellen. Zu anfällig sei dieses System, zumal die Stars nie alle gleichzeitig fit waren. In 2020 sind sie fit - und Tuchel gab seine Blockadehaltung auf.

Paris verfügt über eine enorme Spielstärke im Zentrum

Er bastelte eine 4-2-2-2-Formation, in der alle vier Spieler Platz finden. Das Spielsystem ist extrem offensiv ausgerichtet: Die beiden Außenstürmer Neymar und Di Maria ziehen durchgehend in die Mitte. Für Breite sorgen die Außenverteidiger, die bis an die gegnerische Abwehrkette vorrücken. Icardi und Mbappe lauern wiederum an der Grenze zum Abseits auf Zuspiele. Gerade Mbappe beherrscht dieses Spiel: Er weicht häufig nach links aus, um in die Schnittstelle zwischen gegnerischem Außen- und Innenverteidiger zu sprinten. Meist agiert er weiter außen als der nominelle Linksaußen Neymar.

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BVB gegen Paris: So lief der Tag vor dem Spiel

Dieses System bietet enorme Spielstärke im Zentrum. Kaum ein Spitzenteam im europäischen Fußball versucht derart häufig, sich durch die eng gestaffelte Mitte zu kombinieren. Zieht sich der Gegner zusammen, sucht PSG die aufgerückten Außenverteidiger.

Die BVB-Abwehr hat gegen Paris klare Schnelligkeitsdefizite

Wird Tuchel seine „Fab Four“ auch gegen den BVB von der Leine lassen? Das ist fraglich. Zum einen fehlte Neymar zuletzt angeschlagen. Zum anderen ist PSG in diesem System defensiv anfällig: Keiner der vier Angreifer ist bekannt für seine Bereitschaft, defensiv mitzuarbeiten. Die hohen Außenverteidiger wiederum könnten dem BVB die Chance eröffnen, über Jadon Sancho zu kontern.

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Tuchel könnte also zu einem defensiveren 4-3-3 zurückkehren - und den BVB damit vor ein Dilemma stellen. PSG hat einen klaren Geschwindigkeitsvorteil gegenüber der Dortmunder Abwehr, nicht nur aufgrund von Mbappe. Sie könnten dies für schnellen Konterfußball nutzen. Ballgewinne im kompakt agierenden Zentrum, direkte Bälle in die Schnittstellen von Dortmunds Verteidigung - so könnte der Pariser Plan aussehen.

BVB-Trainer Favre dürfte das Risiko gegen Paris minimieren

Lucien Favre dürfte ebenfalls kein Risiko eingehen gegen die Pariser Angriffsmaschinerie. Eine Fünferkette erscheint wahrscheinlich, die Außenverteidiger dürften sich hier stärker zurückhalten als zuletzt. Auch ein 4-5-1 ist möglich. Diese Variante wählte Favre in der Vergangenheit häufig gegen individuell starke Teams. Sie bietet die optimale Absicherung vor der Abwehr.

Die PSG-Außenstürmer Neymar (l.) und Di Maria ziehen durchgehend in die Mitte.

Die PSG-Außenstürmer Neymar (l.) und Di Maria ziehen durchgehend in die Mitte. © imago / PanoramiC

Auch für Dortmund bietet sich die Chance, die defensiven Schwächen des Gegners auszunutzen. So ist die Pariser Verteidigung zwar individuell überragend besetzt. Häufig hapert es jedoch am Zusammenspiel. Die einzelnen Verteidiger lassen sich zu leicht aus der Kette locken.

Haaland als verkappter Flügelstürmer gegen Paris?

Der BVB könnte dies über das Zurückfallen eines Stürmers ausnutzen. Wenn ein Stürmer zurückfällt und einen Verteidiger aus der Kette zieht, müsste ein Angreifer in diese Lücke starten. Vielleicht kommt Erling Haaland sogar als verkappter Flügelstürmer zum Einsatz, wie Favre dies bereits beim 5:1 gegen Köln testete. In dieser Rolle könnte er gezielt in die Lücken der Abwehr sprinten.

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Ob es heute Abend tatsächlich zum erwarteten Torfestival kommt, hängt letztlich von einer einzigen Frage ab: Wollen die Trainer die defensiven Schwächen ihrer Teams kaschieren - oder die offensive Wucht ihrer Stürmer nutzen? Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, ob die Fans ein dröges 0:0 sehen - oder ein atemberaubendes Spektakel.

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