Der BVB vor dem Saisonstart: Unser Selbstverständnis muss sein, überall gewinnen zu wollen

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Am Sonntag startet der BVB in die neue Saison. Das Ziel ist klar: Die Schwarzgelben sollen sich für das internationale Geschäft qualifizieren. Das große Interview mit Vorstand und Trainer.

Dortmund

, 07.09.2019, 08:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Sieben neue Spielerinnen, neuer Trainer, neue Ziele – Die Bundesliga-Handballerinnen von Borussia Dortmund starten nach einem enttäuschenden siebten Platz und viel Unruhe in der Vorsaison am Sonntag mit internationalen Ambitionen in die neue Spielzeit. Vorher schauten Trainer André Fuhr und der Abteilungsvorstand mit Andreas Heiermann und Andreas Bartels in der Redaktion vorbei.

André Fuhr, neue Stadt, neuer Verein. Wie groß ist die Vorfreude, dass es am Wochenende endlich losgeht?

Fuhr: Wir alle haben hohe Ziele und freuen uns darauf, dass die Saison jetzt endlich beginnt. Die Spielerinnen mögen die Vorbereitung eigentlich nicht so gerne, weil es eine harte Zeit ist. Man arbeitet auf den Start hin, das haben wir gemacht und nun freuen wir uns, dass es wieder losgeht.

Fünfeinhalb Wochen Vorbereitung sind relativ knapp. Wie zufrieden sind Sie mit dem Stand, gerade auch, was die körperlichen Voraussetzungen betrifft?

Fuhr: Ich habe immer gesagt, dass ich es gerne anders gemacht hätte. Aber wir haben den Termin so übernommen, da es sich auch leider nicht mehr hat ändern lassen. Mit dem, was wir in dieser Zeit geschafft haben, bin ich zufrieden. Wir haben sowohl in der Abwehr als auch im Angriff einen Plan, und wir haben unser Spieltempo deutlich erhöht. Aber unser Prozess ist ja mit dem ersten Spiel nicht abgeschlossen.

Wenn der Prozess irgendwann einmal abgeschlossen ist: Wie soll das Spiel des BVB am Ende aussehen?

Fuhr: Gut und erfolgreich hoffentlich. (lacht) Ich selbst stehe ja ein Stück weit für dieses Tempo-Handballspiel. Das haben wir zum Teil bereits eingesetzt, aber es fehlt logischerweise noch an Automatismen, die nicht in wenigen Trainingseinheiten zu erlangen sind. Es braucht sicher ein halbes Jahr, bis diese Automatismen greifen.

Nun ist auch der Kader zu großen Teilen neu zusammengestellt worden. Inwieweit wäre es für Ihre Arbeit einfacher, wenn die Spielerinnen bereits länger zusammenspielen würden?

Fuhr: Wenn sie eingespielt wären, wäre das sicherlich von Vorteil. Auf der anderen Seite haben wir jetzt einen Kader zur Verfügung, der über eine so hohe Qualität verfügt, dass ich ähnliche Trainingsziele auch schneller erreiche. Einfach, weil die technisch-taktische Ausbildung sehr gut ist.

„Ich denke, wir tun gut daran, jetzt erst mal einen Schritt nach dem anderen zu machen.“
André Fuhr

Bietigheims Trainer Martin Albertsen hat den BVB gleich mal zu den Titelkandidaten gezählt. Übertriebenes Lob oder realistisches Ziel?

Heiermann: So vermessen sind wir nicht, dass wir uns dort schon sehen. Da bleiben wir lieber etwas bodenständiger. Natürlich haben wir klare Ziele, aber so weit sind wir noch nicht.

Fuhr: Das sehe ich genauso. Ich denke, wir tun gut daran, jetzt erst mal einen Schritt nach dem anderen zu machen. Wir waren zuletzt Siebter, das war unbefriedigend, ganz klar. Aber unser Ziel ist es zunächst einmal, uns für das internationale Geschäft zu qualifizieren.

Wie wichtig ist eine Qualifikation für die Mannschaft?

Fuhr: Extrem wichtig. Sowohl auf sportlicher Ebene, weil die Spiele auf diesem Niveau die Spielerinnen weiterbringen. Aber auch auf dem Transfermarkt, weil es Verhandlungen natürlich einfacher macht, wenn man mit dem internationalen Geschäft argumentieren kann.

Bartels: Ich denke auch, dass es dem vorhandenen Kader nur schwer vermittelbar wäre, wenn wir im kommenden Jahr nur national unterwegs wären.

Herr Fuhr, Sie haben die Mannschaft jetzt ein paar Wochen kennenlernen dürfen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Kader?

Fuhr: Wir haben einen wirklich guten Kader mit einer guten Mischung aus Jung und Alt. Auch das macht die Aufgabe ja so interessant, dass wir die Talente weiter heranführen, dass wir in der Breite wirklich gute Nachwuchsspielerinnen dahinter haben.

Der Kader ist auf fast allen Positionen qualitativ und auch quantitativ hochwertig aufgestellt. Wird es da zwangsläufig Unzufriedenheit in der Mannschaft geben, wenn Spielerinnen weniger Einsatzzeit erhalten?

Fuhr: Am Anfang hat jede die Chance, sich zu präsentieren. Das haben wir auch so gehandhabt, indem wir die Spielanteile sehr mathematisch aufgeteilt haben. Jetzt fängt man an, eine Mannschaft einzuspielen. Aber natürlich: Das gehört zum Trainerleben dazu, dass es auch mal unzufriedene Spielerinnen geben wird. Nehmen wir als einfaches Beispiel die Torhüter-Position …

Dort verfügen Sie in Isabell Roch, Rinka Duijndam und Yara ten Holte über drei Spielerinnen, die alles auf der Platte stehen wollen…

Fuhr: Ich schätze alle drei sehr. Es sind drei qualitativ hervorragende Torhüterinnen mit außergewöhnlich gutem Charakter, alle noch relativ jung. Das ist fast ein Luxusproblem.

Wie handhabt man das?

Fuhr: Ich habe anfangs gesagt, dass ich immer nur zwei Torhüterinnen mit zu den Spielen nehmen werde. Ich bin davon mittlerweile ein wenig abgerückt und werde vielleicht doch mal drei mitnehmen. Aber ich möchte auch, dass diejenige, die wenig Einsatzzeit erhält, Spielpraxis in der dritten Liga sammelt.

„André Fuhr ist der Trainer, er ist Vorgesetzter im Tagesgeschäft. Wenn es von Spielerinnenseite etwas zu besprechen gilt, dann mit ihm.“
Andreas Bartels

Befürchten Sie im Abteilungsvorstand, dass vielleicht die ein oder andere unzufriedene Spielerin sich an Sie wenden könnte?

Bartels: Das wird es nicht geben. Wir haben dieses Thema in der vergangenen Woche auch noch mal mit der Mannschaft besprochen. André Fuhr ist der Trainer, er ist Vorgesetzter im Tagesgeschäft. Wenn es von Spielerinnenseite etwas zu besprechen gilt, dann mit ihm. Andreas Heiermann und ich nehmen uns da komplett zurück.

Heiermann: Außerdem ist Unzufriedenheit ja grundsätzlich auch ein gutes Zeichen. Denn wenn die ein oder andere mal weniger spielt, kann man davon ausgehen, dass man in der Vorwoche gewonnen und gut gespielt hat.

Nun definiert sich der BVB auch über seine gute Nachwuchsarbeit und wünscht den Einbau der jungen Talente. Lässt sich das bei diesem Kader so einfach umsetzen?

Fuhr: Ich denke, es ist schwierig, gleich sechs Talente aus zwei Jahrgängen zu integrieren. Das muss man offen zugeben. Dana Bleckmann ist schon einen Schritt weiter. Leonie Kockel kommt dicht dahinter. Die anderen sind noch ein Jahr jünger und haben sogar noch das Spielrecht für die A-Juniorinnen. Aber natürlich kümmern wir uns sehr um sie. Ich stehe in engem Austausch mit Tobias Fenske. Und dann geht’s darum, für jeden individuell eine Lösung zu finden, vielleicht auch mal über einen Umweg.

Was bedeutet in diesem Fall Umweg?

Fuhr: Der Sprung von der dritten Liga oder von den A-Juniorinnen in die Bundesliga ist groß. Und wir reden hier ja von der Bundesliga-Spitze. Vielleicht ist da der Umweg über die zweite Liga auch mal der bessere.

Heiermann: In diesem Zusammenhang muss man auch mal erwähnen, dass wir derzeit in der komfortablen Situation sind, keine Verletzten zu haben. In der vergangenen Saison haben die jungen Spielerinnen eben auch davon profitiert, dass wir viele Ausfälle zu verzeichnen hatten. Aber der Trainer hat gerade Dana Bleckmann genannt: Ich denke schon, dass solche Talente auch das Zeug dazu haben, oben mitzuspielen.

„Die Qualität im aktuellen Kader stimmt mich sehr zuversichtlich, dass wir unser Saisonziel, den dritten Platz, erreichen werden.“
Andreas Heiermann

Als wir vor einem Jahr hier saßen, wollten alle Beteiligten endlich mal wieder eine Saison mit Ruhe. Erfüllt worden ist er nicht. Warum ändert sich das in diesem Jahr?

Heiermann: Weil wir aus unseren Fehlern gelernt haben und endlich den Wunschkandidaten als Trainer haben, den wir schon länger haben wollten. Vieles ist in der vergangenen Saison dumm gelaufen, dazu kam die Verletzungsmisere. Die Qualität im aktuellen Kader stimmt mich sehr zuversichtlich, dass wir unser Saisonziel, den dritten Platz, erreichen werden. Und irgendwann wollen wir mehr erreichen als Rang drei.

Fuhr: Thüringen und Bietigheim mal außen vorgelassen– ich gehe davon aus, dass unsere größten Konkurrenten im Kampf ums internationale Geschäft Leverkusen und Metzingen sein werden. Und dann kann immer noch einer da mit reinrutschen. Aber unser Anspruch und Selbstverständnis muss sein, dass wir überall hinfahren, um zu gewinnen. Gegen Thüringen und Bietigheim muss man schauen, was möglich ist.

Sie haben André Fuhr einen Vertrag über drei Jahre gegeben. Ein großer Vertrauensvorschuss…

Bartels: Die Art von Handball, die er spielen lässt, gefällt uns, seine Philosophie deckt sich mit unserer, da geht es auch um Disziplin und Teamgeist. Und den Tempo-Handball wollen auch die Fans gerne sehen, da bin ich sicher.

Apropos Fans, die renovierte Halle Wellinghofen ist wieder Ihre feste Spiel-Halle….

Heiermann: Es ist gut, dass wir wieder eine feste Heimat haben, auch wenn die Halle noch nicht in wünschenswertem Zustand ist. Unser Ziel ist es, dauerhaft über 1200 Zuschauer nach Wellinghofen zu locken. Wir müssen die Hütte vollkriegen.

Wenn wir uns heute in einem Jahr hier wiedertreffen, worüber sprechen wir?

Fuhr: Ich hoffe, wir treffen uns überhaupt (lacht).

Heiermann: Auch wenn der Trainer es locker meint: Wenn er hier in einem Jahr nicht mehr sitzt, dann bin ich auch nicht mehr da. Und das meine ich ernst.

Am Sonntag (16.30 Uhr) starten die BVB-Handballerinnen beim VfL Oldenburg in die neue Bundesliga-Saison. Insgesamt 660 Spiel- und 2250 Trainingsminuten absolvierte der neue Kader unter dem neuen Trainer André Fuhr in den vergangenen Wochen.
„Oldenburg hat einen großen Umbruch hinter sich und mit Angie Geschke eine spieldominante Person verloren“, sagt Trainer André Fuhr, der ebenfalls sieben neue Spielerinnen in Dortmund integrieren musste.
„Es muss unser Anspruch sein, dass wir in Oldenburg die zwei Punkte holen und somit einen guten Saisonstart hinlegen“, so Fuhr, der personell aus dem Vollen schöpfen kann. Auch Spielführerin Alina Grijseels ist im Training wieder zu 100 Prozent belastbar, es fehle nur noch etwas Spielpraxis.
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