Nach 14 Jahren kehren die Handballerinnen des BVB auf die internationale Bühne zurück. Samstag trifft das Team im EHF-Pokal auf den rumänischen Vertreter HC Zalau. Erinnerungen werden wach.

Dortmund

, 12.10.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer es mit Borussia Dortmund hält, braucht schon ein gewisses Geschichtsbewusstsein, um sich an den letzten Auftritt einer schwarzgelben Handball-Mannschaft im Europapokal erinnern zu können. Damals, am 20. März 2004, unterlag der BVB im Challenge Cup beim rumänischen Klub Universitatea Remin Deva vor 1200 fanatischen Fans mit 29:33.

BVB-Aus bedeutet Abschied für lange Zeit

Nach dem 29:27-Erfolg im Hinspiel bedeutete es das Aus für den Titelverteidiger aus Dortmund und den Abschied von Europa für lange Zeit. Dass die Rückkehr auf die internationale Bühne am Samstag (18 Uhr Ortszeit), genau 5321 Tage nach der Partie im „Sala Sporturilor Deva“, den BVB-Tross im EHF-Pokal nun erneut nach Rumänien führt, birgt durchaus einen gewissen Charme.

„Wir freuen uns riesig, endlich wieder international spielen zu dürfen. Das war immer unser Ziel“, sagt der stellvertretende Abteilungsvorstand Andreas Bartels, der den Rückenwind aus dem 37:31-Erfolg des BVB gegen Bad Wildungen gerne mitnehmen würde auf den strapaziösen Weg in den Osten Europas.

Zalau ist „alles andere als ein Traumlos“

Der HC Zalau, immerhin Viertelfinalist des Vorjahres und aktuell auf Platz sieben in der rumänischen Liga, ist für den BVB „alles andere als ein Traumlos“, sagt Bartels. Trainer Gino Smits erwartet nach eingehender Videoanalyse „eine sehr schwierige Aufgabe. Sie spielen sehr körperbetont, sehr energisch im Eins-gegen-eins. Da müssen wir auch kämpferisch dagegenhalten.“

Um 8.45 Uhr hebt am Freitagmorgen Flug W6 3366 ab Köln-Bonn in Richtung Cluj ab, mit an Bord werden dann auch die Handballerinnen von Borussia Dortmund sein. Und mit ihnen eine Menge Respekt vor dem Gegner - und wohl auch ein wenig die Ungewissheit, auf welche Art von Atmosphäre sie denn da in der Sporthalle „Gheorghe Tadici“ wohl treffen werden. 950 Zuschauer fasst die Arena in der der 56.000-Einwohner-Stadt. „Wir erwarten ein stimmgewaltiges Publikum“, sagt Bartels.

Erinnerungen an den letzten Auftritt sind verblasst

Einer, der weiß, wie enthusiastisch Handball-Fans in Rumänien sein können, ist Thomas Happe. Happe, heute 60 Jahre alt, war von 2002 bis 2008 Trainer von Borussia Dortmund. Was ihn in gewisser Weise zu so etwas wie einen Zeitzeugen macht. Denn Happe saß auch am 20. März 2004, eben jenem letzten Europapokalspiel des BVB vor 14 Jahren, auf der Bank der Schwarzgelben. Die Erinnerungen an dieses Spiel, sagt der Dortmunder heute, seien nach und nach verblasst.

BVB-Frauen kehren nach 14 Jahren auf die europäische Handballbühne zurück

Torhüterin Clara Woltering war schon 2004 dabei und hütet auch am Samstag wieder das BVB-Tor. © Stephan Schütze

Was in Erinnerung bleibt, sind meist die Erfolge. Wie der Titelgewinn im Challenge Cup ein Jahr zuvor. Aber ein Abschied von Europa, und dann auch noch für so lange Zeit? „Nein“, erklärt Happe, einzelne Spielsituationen habe er keine mehr vor Augen. Auch nicht die acht Treffer von Ilka Held. Oder die zahlreichen Paraden einer erst 21 Jahre alten Torhüterin namens Clara Woltering.

Die hitzige Atmosphäre hat sich eingeprägt

Das, was sich eingeprägt hat, das waren die Fans. Die Atmosphäre. Diese unglaubliche Stimmung. „Es war sehr, sehr hitzig. Wir sind beleidigt und ausgepfiffen worden. Wir sind auch mit Münzen beworfen worden“, erzählt Woltering. „Das ist etwas ganz anderes als bei uns in Deutschland“, sagt Happe und meint sich zu erinnern, dass Dortmunder Fans sogar „unter Polizeischutz aus der Halle gebracht“ werden mussten. „Diese Atmosphäre damals war extrem schwierig. Für uns. Für die Schiedsrichter... Das kann man kaum beschreiben“, sagt Happe und findet dann doch einen ganz eigenen Vergleich. „Stellen Sie sich vor, sie mögen keinen Free Jazz. Und dann fahren sie mit dem Auto, haben nur ein Radio und es läuft Free Jazz - und zwar in ordentlicher Lautstärke. Da werden sie verrückt. Aber an diese besondere Atmosphäre muss man sich dann gewöhnen.“

Auch wenn am 20. März 2004 kein Free Jazz im „Sala Sporturilor Deva“ lief, schon gar nicht in ohrenbetäubender Lautstärke - „bei solchen Spielen ist es nahezu unmöglich, auf dem Feld zu kommunizieren“, betont Happe. Um seine Mannschaft vor Partien gerade im osteuropäischen Raum, wo der Handball ohnehin einen ganz anderen Stellenwert besitzt, auf diese Extremsituation vorzubereiten, hat er damals vor den Reisen extra große Boxen in der Trainingshalle aufgestellt.

Man habe versucht, eine Atmosphäre zu simulieren, dass selbst eine Kommunikation zwischen Rückraum Mitte und Rückraum rechts nicht mehr möglich war, sagt Happe. Geholfen hat es zumindest an diesem Abend gegen Deva nicht, und es ist auch nicht zu erwarten, dass der aktuelle Trainer Gino Smits in diesen Tagen auf ähnlich ungewöhnliche Maßnahmen zurückgreift („Wir haben die Möglichkeit, über Zeichen zu kommunizieren“). Aber es zeigt auf gewisse Weise doch, dass der Europapokal immer noch etwas Besonderes sein kann. Und das nicht nur auf dem Feld, sondern auch abseits.

Nächtliche Kontrolle überrascht Woltering & Co.

Sie könne sich noch sehr gut an die damalige Partie erinnern, sagt Torhüterin Clara Woltering heute, 14 Jahre später. Und das vor allem wegen der strapaziösen Reise. Von Düsseldorf aus ging es nach Budapest, von dort aus weiter mit dem Bus ins rund 400 Kilomter entfernte Deva und nach dem Spiel den gleichen Weg wieder zurück. „Ich kann mich deshalb so gut erinnern, weil wir auf dem Rückweg nachts gefilzt worden sind“, berichtet Woltering. „Alle haben geschlafen, als wir plötzlich rausmussten.“

Die Spielerinnen seien von den Einsatzkräften aufgefordert worden, ihre Taschen aus dem Kofferraum zu holen. „Und dann haben sie erstmal darin rumgewühlt, ob wir nicht irgendetwas geschmuggelt hätten“, sagt Woltering, die den Hergang heute durchaus amüsiert erzählen kann. Ohnenhin sei die Reise „ein riesengroßes Ereignis“ gewesen. Auch wenn sie sportlich weniger erfolgreich verlaufen ist. „Aber es macht immer Spaß, in so einer Halle zu spielen. Und ich denke, so etwas wird uns diesmal auch erwarten. Begeisterte Fans, die richtig Gas geben werden“, glaubt Woltering. „Aber wir werden natürlich alles in die Waagschale werfen, um diesem Gegner Paroli bieten zu können.“