Dieter Gewers (50) zwischen 30 Jahren Firmengeschichte: Das Bild in der Hand zeigt ihn in den Anfangsjahren zusammen mit seinem Vater. An der Wand das Bild mit der aktuellen Belegschaft vor demselben Schaufenster. © Stephan Rape
Fahrradboom

Zweirad Gewers macht den Nordkreis seit 30 Jahren mobil

Vom Ein-Mann-Betrieb zum mittelständischen Unternehmen: In 30 Jahren ist Zweirad Gewers stetig gewachsen. Eine Erfolgsgeschichte auf zwei Rädern, inzwischen meist mit E-Motor.

Als Dieter Gewers vor 30 Jahren Zweirad Gewers gegründet hat, war die (Fahrrad-)Welt noch eine andere. „Meine erste Bestellung waren sechs Fahrräder von Gazelle“, erinnert sich der 50-Jährige heute lachend. Eines verkaufte er an einen Bekannte aus dem Kegelverein. Und zwar aus dem ehemaligen Sozialraum des Futtemittelhandels seines Vaters.

Heute, 30 Jahre später, hat er 1600 fertig montierte Fahrräder am Lager, zieht Kunden aus dem ganzen nördlichen Kreis Borken an, hat 26 Angestellte und freut sich über die weiter boomende Fahrradbranche.

Das Ende des „Fietsenflickers“

Mit dem Geschäft aus den Anfangsjahren habe das aber nicht mehr viel zu tun: „Den Fietsenflicker mit öligen Fingern von damals gibt es nicht mehr“, sagt er. An dessen Stelle sei der Zweiradmechatroniker gerückt. Hochqualifizierte Fachkräfte mit dreieinhalb Jahren Ausbildung, die sich mit der immer komplizierteren Fahrrad- und Pedelectechnik auskennen.

Dieter Gewers führt den Betrieb zusammen mit seiner Frau Christa (47). Ein familiäres Umfeld im Unternehmen und die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist beiden wichtig.
Dieter Gewers führt den Betrieb zusammen mit seiner Frau Christa (47). Ein familiäres Umfeld im Unternehmen und die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist beiden wichtig. © Stephan Rape © Stephan Rape

Doch die Werkstatt ist längst nicht mehr das Hauptstandbein: „Früher waren es 80 Prozent Handwerk und 20 Prozent kaufmännische Arbeit. Heute macht das Handwerk gerade noch 30 Prozent aus.“

Über eine Mobilitätsgarantie für Radfahrer hätte er sich mit seinen Kollegen früher kaputtgelacht. „Heute ist das ein großes Thema“, erklärt er. Egal ob auf Touren oder dem täglichen Weg zur Arbeit: Wer eine Panne hat, wird abgeholt und bekommt so lange ein Ersatzrad, bis die eigene Fietse repariert ist.

Fahrräder haben in der Gesellschaft einen anderen Stellenwert

„Das Fahrrad hat in der Gesellschaft einen ganz anderen Stellenwert bekommen“, erklärt er. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie. „Wir vereinen Umweltschutz, Sport, Freizeit und Nahverkehr“, sagt er. Auch Diensträder oder das Thema Firmenleasing werde immer größer. Dafür reiche ja schon ein Blick in die Innenstadt: „Es wird immer enger“, sagt er.

Auf einem Parkplatz für einen Pkw könnten locker zwölf Fahrräder untergebracht werden. „Und auf den ersten zehn Kilometern bin ich mit dem Fahrrad sowieso schneller als mit dem Auto“, fügt er hinzu. Mit E-Motor sei das natürlich noch einfacher.

Aber mit der komplizierteren (und teureren) Technik steigt auch der Bedarf nach Service: „Am ehesten merkt man das beim Ersatzteilhandel“, sagt der Zweiradmechaniker-Meister. Gingen früher noch täglich einzelne Teile über den Ladentisch – Schläuche, Decken, Bremsbeläge – kämen die Räder heute komplett in die Werkstatt. „Die Technik ist so hochwertig geworden, daran wollen die Leute selbst nicht mehr arbeiten“, sagt Dieter Gewers.

Werkstatt ist seit Januar TÜV-zertifiziert

Inzwischen ist seine Werkstatt sogar TÜV-zertifiziert. „Als Erste im Kreis Borken“, wie er sagt. Laufwege, Arbeitsanweisungen, Standards – alles kam auf den Prüfstand. Durch die genaue Untersuchung der Prüfer konnten Abläufe in der Werkstatt verbessert werden. „Das klappt besser, wenn das ein externer Prüfer vorgibt, als wenn der Chef das sagt“, so Dieter Gewers. Auch mit diesen Verbesserungen will er zukünftig bei seinen Kunden punkten.

Die verlangen fast ausschließlich Fahrräder mit E-Motor: „Wir verkaufen auch noch ‚normale‘ Fahrräder“, sagt er. Er sehe sich als Vollsortimenter: Vom Jugendrad über Mountainbikes bis hin zu Tourenrädern und eben Pedelecs habe er alles auf Vorrat. Nur aus dem Rennrad-Geschäft hält er sich heraus. Die würden vor Ort nicht stark genug nachgefragt. Um die 70 Prozent seien aber inzwischen E-Bikes. Tendenz steigend.

E-Bikes brachten den Boom in die Branche

Seit gut 14 Jahren verfolgt er den Boom um die Fahrräder mit Elektromotor. Und dieser Boom wurde auch zur Triebfeder für das Unternehmen. Klar, der erste größere Schritt sei der erste Geselle gewesen, den er vor 22 Jahren eingestellt habe. Auch danach sei das Geschäft langsam immer größer geworden. Doch erst vor einigen Jahren wurde Zweirad Gewers auch räumlich größer: Erst durch Anbauten, dann durch den Zukauf einer Halle in der Nachbarschaft und zuletzt 2020 durch eine neue Halle.

Auf vier Etagen lagern bei Zweirad Gewers rund 1600 fertig montierte Räder und warten auf Kunden. Das rund 2500 Quadratmeter große Lager sei besonders in der aktuellen Situation mit den schwierigen Lieferbedingungen Gold wert.
Auf vier Etagen lagern bei Zweirad Gewers rund 1600 fertig montierte Räder und warten auf Kunden. Das rund 2500 Quadratmeter große Lager sei besonders in der aktuellen Situation mit den schwierigen Lieferbedingungen Gold wert. © Stephan Rape © Stephan Rape

Auf vier Etagen ist darin das Lager für neue Räder untergebracht. „Weil wir die Räume hatten, konnten wir wachsen“, erklärt Dieter Gewers. Und auch ganz anders planen: In diesem Winter habe das Unternehmen beispielsweise keine Kurzarbeit angemeldet. „Wir haben Fahrräder montiert“, sagt er. So will er sich auf die Saison und den Ansturm vorbereiten: „Wenn ein Fahrrad angeliefert wird, brauchen wir ungefähr eine Stunde, um es fahrbereit zu machen“, sagt er. Diese Zeit sollen die Angestellten in der Saison besser beim Kunden verbringen. „Wir haben uns praktisch Zeit mit dem Kunden gekauft“, erklärt er.

Und auch bei den Teilen setzt er auf großzügige Lagerhaltung. Durch die Coronakrise herrscht Nachschubmangel. Sei es bei kompletten Rädern oder nur bei Komponenten. Lieferungen aus Fernost brauchen länger oder werden unzuverlässiger. Dieter Gewers sieht es gelassen: Was er am Lager hat, reiche auf jeden Fall für diese Saison.

Zweirad Gewers bleibt eigenständig aber offline

Kein Thema ist für ihn der Onlinehandel. „Den bespielen wir nicht. Das können und wollen wir nicht“, erklärt er. Zweirad Gewers sei Full-Service vor Ort. Und das gehe mit dem Erlebnis Einkauf los. „Die Leute wollen sich ihr neues Fahrrad vor Ort angucken, anfassen und es Probe fahren“, sagt er. Das sei auch in der Pandemie so.

Der Blick von oben in den Verkaufsraum. Auch die Präsentation spiele eine große Rolle.
Der Blick von oben in den Verkaufsraum. Auch die Präsentation spiele eine große Rolle. © Stephan Rape © Stephan Rape

Und noch etwas ist kein Thema für Dieter Gewers: Verkaufen oder sich einer Kette anschließen. „Wir bleiben eigenständig“, sagt er.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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