Anna Miedecke (29) führt den Familienbetrieb seit 2017. Ihr Elternhaus ist gleich auf zwei Ebenen unterkellert. Dort lagern Weine und Sekt. Rund 80 Prozent ihres Umsatzes macht sie normalerweise in der Gastronomie und Industrie. Die Vermarktung an Endverbraucher wird aber immer wichtiger. © Stephan Rape
Tiefer Keller

Zwei Etagen unter Straßenniveau lagert Anna Miedecke gute Tropfen

Ein Keller ist vielen Bauherren heute zu teuer. Die Ahauser Winzerin Anna Miedecke kann darüber nur lächeln. Ihr Weinkeller liegt zwei Stockwerke tief. Aus gutem Grund, wie schon ihr Opa wusste.

Zu Silvester werden in und um Ahaus wieder ungezählte Sektkorken knallen – Pandemie hin oder her. Aber was steckt da eigentlich in den Flaschen? Dazu macht Winzerin und Weinhändlerin Anna Miedecke aus Ahaus zwei Rechnungen auf:

Einerseits der Preis: „Für jede Flasche Sekt werden 1,02 Euro Sektsteuer fällig“, erklärt sie. Eine Steuer, die noch zu Zeiten des Kaiserreichs eingeführt wurde, um die damalige Flotte zu finanzieren. Kaiserreich und Flotte verschwanden, die Steuer blieb.

Zur Steuer kommen dann noch Kosten für Transport, Flasche und Etikett. „Für den Inhalt bleiben dann bei einem Flaschenpreis von drei oder vier Euro noch ein paar Cent übrig“, rechnet Anna Miedecke vor. „Ob man das dann noch möchte, ist natürlich jedem selbst überlassen“, erklärt sie.

Einige Erbstücke aus der Anfangszeit des Unternehmens, wie diese etwas angestaubte Flasche von 1966, lagern ebenfalls noch im Keller. Sie stehen aber nicht mehr zum Verkauf.
Einige Erbstücke aus der Anfangszeit des Unternehmens, wie diese etwas angestaubte Flasche von 1966, lagern ebenfalls noch im Keller. Sie stehen aber nicht mehr zum Verkauf. © Stephan Rape © Stephan Rape

Andererseits die Mengen: „Soviel Sekt, wie in Supermarkt oder Discounter verkauft wird, kann ja kein Winzer allein liefern“, sagt sie. Die großen Markensekte seien daher Mischungen aus vielen Ländern und Regionen. Etwas, das bei ihr nicht in die Flasche kommt: Ihre Hausmarke beispielsweise ist zwar teurer als die Alternativen aus dem Supermarkt, „stammt aber ausschließlich von deutschen Grundweinen.“

Jemand, der mit einem Wein aus dem Tetrapak oder einem Sekt vom Discounter zufrieden sei, könne sie mit ihrem Angebot natürlich nur schwer locken. Auch sie teste sich zwischendurch durch die Regale im Supermarkt. „Da gibt es interessante Sachen“, gibt sie zu. Am Ende sei es eben auch eine Geschmacksfrage. Und die würden sich immer mehr Verbraucher stellen.

Zwei Kelleretagen verstecken sich an der Kampstraße

In ihrem Keller kann sie diese Fragen oft beantworten. Eigentlich ist „Keller“ aber für das Gewölbe unter dem Haus an der Kampstraße schon eine leichte Untertreibung. Schließlich ist Anna Miedeckes Elternhaus gleich doppelt unterkellert. Auf zwei Ebenen unter Straßenniveau lagern im Weinhandel ihrer Familie die edlen Tropfen. Ihr Großvater hat das Haus 1960 gebaut. „Das war damals schon ein riesiger Aufwand“, sagt die 29-jährige ausgebildete Winzerin und Oenologin, die das Unternehmen seit 2017 in dritter Generationen führt.

Ein Blick in den kleinen Verkaufs- und Verkostungsraum auf der ersten Kellerebene. Im Frühjahr 2021 möchte Anna Miedecke auch im Erdgeschoss des Gebäudes an der Kampstraße einen kleinen Verkaufsraum einrichten.
Ein Blick in den kleinen Verkaufs- und Verkostungsraum auf der ersten Kellerebene. Im Frühjahr 2021 möchte Anna Miedecke auch im Erdgeschoss des Gebäudes an der Kampstraße einen kleinen Verkaufsraum einrichten. © Stephan Rape © Stephan Rape

Besonders dicke Grundmauern und zusätzliche Isolierungen gegen Grundwasser sind da nur zwei der massiven Standbeine. „Ich kenne es ja nur aus Erzählungen, aber was alleine an Asche und Splitt rund um das Gebäude eingebaut wurde, hätte für mehrere Einfamiliengrundstücke gereicht“, sagt sie. Kein Wunder, schließlich liegt die unterste Kellerebene ja auch mitten im Grundwasser. Feucht geworden seien die Keller trotzdem noch nicht. Der aufwendige Bau hat sich also gelohnt.

Lagerung im Keller hat ganz klare Vorteile

Jede Flasche Wein oder Sekt bringt sie über die schmale Kellerstiege in eins der Lagerabteile. Per Sackkarre. „Da passen bis zu acht Kisten drauf. Das ist dann auch ein gutes Workout“, sagt Anna Miedecke lachend. Früher habe es auch mal ein Förderband gegeben, das bis in die unterste Kellerebene reichte. Doch das ließ sich irgendwann nicht mehr reparieren und wurde dann ganz ausgebaut.

Über diese schmale Treppe werden alle Flaschen in den Keller eingelagert. Per Sackkarre.
Über diese schmale Treppe werden alle Flaschen in den Keller eingelagert. Per Sackkarre. „Ein gutes Workout“, sagt Anna Miedecke lachend. Ein Umzug des Unternehmens – etwa in eine ebenerdige Gewerbehalle – kommt für sie nicht infrage. © Stephan Rape © Stephan Rape

Aber auch neben der sportlichen Betätigung hat der Keller einen klaren Vorteil: Das Klima dort unten ändert sich kaum. Ganz egal ob Frost oder Hochsommerhitze draußen vor der Tür, im Keller herrschen stabile 15 Grad. „Hätte ich den Keller nicht, müsste ich die Temperaturen mit aufwendiger Klimatechnik halten“, sagt Anna Miedecke.

Und die sei nicht nur teuer, sondern könne eben auch ausfallen. Schon deswegen komme es gar nicht infrage, beispielsweise eine Gewerbehalle anzumieten. Außerdem ist der Standort an der Kampstraße ja auch Familientradition. Und daran wird nicht gewackelt.

Anna Miedecke vor ihrem Eltern- und Geschäftshaus in der Kampstraße. Weil sie direkt über dem Geschäft wohnt, kennt sie keine Öffnungs- oder Arbeitszeiten.
Anna Miedecke vor ihrem Eltern- und Geschäftshaus in der Kampstraße. Weil sie direkt über dem Geschäft wohnt, kennt sie keine Öffnungs- oder Arbeitszeiten. „Selbst und ständig“, beschreibt sie ihren Arbeitsalltag. © Stephan Rape © Stephan Rape

Doch auch ebenerdig passiert gerade eine Menge: „Das Büro verschwindet dort und ich baue die Flächen zum Verkaufsraum um“, sagt sie. Spätestens im Frühjahr soll das Projekt abgeschlossen sein. Denn immer mehr Kunden – gerade auch der jüngeren Generation – kommen gerne vorbei und decken sich mit Wein, Sekt oder Spirituosen ein. Bis es soweit ist, führt sie ihre Kunden gerne in den Keller. Dort steht unter anderem auch noch der Tisch, an dem ihre Großmutter in den Anfangsjahren des Unternehmens alle Flaschen per Hand etikettierte.

Verkauf an Endverbraucher wird immer wichtiger

Auch wenn sie einen Großteil des Umsatzes durch Gastronomie und Firmenfeiern macht, werde der Endverbraucher werde aber immer wichtiger. Um den zu bedienen, steht die Winzerin seit 2017 mit „Gerti“, dem Citroen-HY-Oldtimer, auf dem Ahauser Wochenmarkt.

Nicht nur ein Hingucker, sondern auch zulassungstechnisch ein klarer Vorteil: „Der hat knapp 1,5 Tonnen Nutzlast und ich kann ihn trotzdem ohne Lkw-Führerschein fahren“, erklärt sie. Weiterer Vorteil des Stands auf dem Wochenmarkt: „Die Leute können vor Ort probieren oder treffen sich vor dem Wagen für ein Gläschen“, sagt sie.

Zukunft des Familienbetriebs trotz Corona nicht in Gefahr

Mit dem Jahreswechsel dürfe dann auch langsam die Gastronomie wieder in Schwung kommen, sagt die 29-Jährige. Restaurants im Umkreis von bis zu 30 Kilometer, große Feste und Feiern machen eben rund 80 Prozent ihres Umsatzes aus. Das könne der Verkauf einzelner Flaschen an Endverbraucher nicht auffangen. Dass der Lockdown allerdings schnell vorbei sei, mag sie fast nicht glauben.

Deswegen werde sie sich wohl eine Nebenbeschäftigung suchen. „Allein schon, um Sozial- und Krankenversicherung abzudecken“, sagt sie. Die Zukunft ihres Weinhandels sei aber auf keinen Fall in Gefahr. Eben auch, weil immer mehr Verbraucher genauer darauf achten, was sie einkaufen.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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