Laut Statistik ist die Zahl der Insolvenzanträge im Land und auch im Kreis im Jahr 2020 rückläufig gewesen, im zweiten Halbjahr gar stark. Ein Blick hinter die Zahlen klärt auf. © picture alliance / Alexander Heinl/dpa
Wirtschaft

Zahl der Insolvenzen war 2020 trotz Corona rückläufig: Trügt der Schein?

Dass Statistiken reale Empfindungen verzerren können, zeigen die Insolvenzzahlen für das Jahr 2020. Trotz Corona waren diese rückläufig. Dafür gibt es Erklärungen, der Ausblick ist düsterer.

Ein Blick in die Insolvenzstatistik des abgelaufenen Jahres zeichnet ein vermeintlich positives Bild. Schon im ersten Halbjahr war die Zahl der Insolvenzanmeldungen im Kreis Borken bei den Unternehmen (-16,4 Prozent) und bei den Verbrauchern (-18 Prozent) zurückgegangen, die Rückgänge haben im zweiten Halbjahr sogar Fahrt aufgenommen. So hat im November 2020 Information und Technik Nordrhein-Westfalen als Statistisches Landesamt ermittelt, dass es in NRW in Summe 48,5 Prozent weniger Insolvenzverfahren gegenüber dem Vorjahresmonat gegeben hat.

Generell seien die Zahlen auch in der Region tatsächlich rückläufig gewesen, bestätigt Matthias Bieling, Pressesprecher beim zuständigen Amtsgericht Münster. Er stellt gleichsam den Zusammenhang mit den Regelungen zur Coronapandemie her. Dort liegt die Krux. „Wegen“ statt „trotz“ Corona? Es gibt Gründe, warum die Statistik dem allgemeinen Empfinden in einer Krise scheinbar widerspricht.

Für Daniel Janning, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Ahaus, sind die Zahlen in Teilen logisch. Er erinnert unter anderem daran, dass die Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen bis Ende des Jahres 2020 ausgesetzt war; es sei denn, es bestand konkret Zahlungsunfähigkeit. Hinzu kommen die besonderen staatlichen Finanzhilfen für Unternehmen, Janning nennt zudem das Kurzarbeitergeld, das Unternehmen geholfen hat. Vielfach neben den eigenen Reserven, die man sich geschaffen hatte. Andere Experten verweisen auf Unternehmen, denen es bereits vor Corona schlecht gegangen war, die sich durch Zuschüsse nun womöglich noch einmal über Wasser halten konnten.

Gewisse Handwerksberufe besonders betroffen

Dass einige Insolvenzen nun „nachlaufen“ werden, davon zeigt sich Janning überzeugt – in gewissen Branchen. „Grundsätzlich sind das Handwerk und der Mittelstand hier sehr stabil, es gibt viele Bereiche und Gewerke, die ungebrochen stark ausgelastet waren. Sorgen machen wir uns vor allem bei den Frisören und bei Bäckern und Fleischern, die besonders hart getroffen sind.“

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet im laufenden Jahr mit einem deutlichen Anstieg der Insolvenzverfahren in der deutschen Wirtschaft. An eine solche „Welle“ glaubt Andreas Brill, Geschäftsführer beim AIW, für die Region nicht, diese sei grundsätzlich stark aufgestellt, gewappnet für eine solche Krise: „Die Unternehmen haben starke Eigenkapital-Quoten aufgebaut, die Wirtschaft in der Region funktionierte auch 2020 recht gut. Aber: Es wird auch Verlierer geben.“

Einzelhandel, Gastronomie und Eventbranche sind Verlierer

Er denkt dabei vor allem an oft zitierte Segmente wie Einzelhandel, Gastronomie und Eventbranche – in manchen Bereichen würden rückläufige Zahlen bei den Unternehmen beschleunigt. „Viele trifft es unverschuldet, das macht die Situation besonders tragisch.“ Die Krise habe aber auch dafür gesorgt, dass grundlegende Schwächen aufgedeckt wurden – aus dieser Erfahrung müssten die betroffenen Unternehmen nun lernen. Stichwort Digitalisierung. Er bemüht ganz bewusst das Bild des robusten Tausendfüßlers mit Blick auf die Wirtschaftsstruktur in der Region.

Die rückläufige Entwicklung bei den Privatinsolvenzen scheint gleichermaßen erklärbar wie trügerisch, zumindest in Teilen. Eine Ursache für diesen Rückgang könnte das Gesetz zur weiteren Verkürzung der Restschuldbefreiung sein, das ab dem 1. Oktober greift. Die Statistiker vermuten, dass überschuldete Privatpersonen ihre Insolvenzanträge zurückgestellt haben.

Das bestätigt Christoph Zerhusen, Referent Schuldner- und Insolvenzberatung bei der Verbraucherzentrale: „Wir haben ein taktisches Abwarten erlebt.“ Er nennt auch einen rein praktischen Grund für weniger Anträge: Während des umfassenden „Lockdowns“ im Frühjahr waren Schuldnerberater oder auch Gerichte und Behörden nur eingeschränkt verfügbar – ebenso gegen Ende des Jahres.

Aktuelle Entwicklung ist „besorgniserregend“

Auch in der Krise habe man „in Notfällen immer beraten“, dabei habe sich der Schwerpunkt 2020 hin zur Existenzsicherungsberatung verschoben. Die Entwicklung aktuell beobachte man „mit großer Besorgnis“. An einigen Standorten werden erstmals Wartelisten geführt – sogar in Münster –, was wie bei den Unternehmen darauf schließen lässt, dass sich viele Insolvenzen ins neue Jahr verschieben werden.

Alles an Corona festzumachen, sei schwierig. Aber es gebe Hinweise: „Corona befeuert die Lage bei einigen sicher. Neben der hohen Anzahl gibt es Indizien in der Struktur der Klientel“, erklärt Zerhusen. Er weist auf den Roadie einer bekannten Heavy Metal-Band ohne Auftritte oder auf ein Karnevalsgeschäft ohne Veranstaltungen hin. Und erinnert zum Beispiel an Studenten, die in nachgelagerten Bereichen, die oftmals in den Hintergrund geraten, um ihre Existenz bangten, weil wie am Wochenende nicht mehr kellnern können.

Auch die Art der Anfragen deuteten auf eine coronabedingte Zunahme hin: „Es geht dabei zum Beispiel um die Pfändbarkeit von Corona-Prämien.“

Christoph Zerhusen rät von Überschuldung betroffenen Menschen, sich möglichst frühzeitig in einer amtlich anerkannten Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle Hilfe zu holen, etwa bei Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände oder der Verbraucherzentrale NRW.

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