Wenn ein Praktikum in Australien für Betrieb und Azubi zur Win-win-Situation wird

dzTerhalle Holzbau

Julius Elskamp (20) absolviert eine Tischlerausbildung bei Terhalle. Dennoch war er jüngst für ein vierwöchiges Praktikum in Australien. Ein wohlüberlegter Schritt für Azubi und Betrieb.

Ahaus

, 23.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Julius Elskamp kniet auf einer über zwei Meter hohen Holztreppe. In der rechten Hand hält er einen Akkuschrauber. Mit der linken Hand übt er leichten Druck auf diesen aus, damit die Schraube zügig im Holz verschwindet. Ort des Geschehens ist eine große Produktionshalle der Firma Terhalle in Ottenstein – Fachbereich Innenausbau.

Es ist ein Arbeitsschritt, der für Julius Elskamp zum Tagesgeschäft gehört. Denn der Azubi im zweiten Lehrjahr absolviert eine Ausbildung zum Tischler. „Ein unglaublich vielfältiger Beruf“, so der 20-Jährige. Ein Lehrjahr liegt jetzt noch bis zur Gesellenprüfung vor ihm. Viele Arbeitstage also, dennoch ist sich der Azubi „hundertprozentig sicher“, dass das Erlebnis aus dem April und März dieses Jahres kaum noch zu toppen sein wird.

Über 14.000 Kilometer Distanz

Denn vom 17. Februar bis 15. März absolvierte der 20-Jährige ein Praktikum bei der australischen Tischlerei Husk & Co etwa 20 Kilometer nördlich von Sydney. Über 14.000 Kilometer lagen damit zwischen dem Azubi und seiner Heimat. „Das war aber gar kein Problem. Ich bin dort wunderbar aufgenommen worden – einfach eine tolle Erfahrung.“

Wenn ein Praktikum in Australien für Betrieb und Azubi zur Win-win-Situation wird

Azubi Julius Elskamp baut eine Badausstattung zusammen. Dafür sind viele Einzelschritte notwendig. © Till Meyer

Doch wie gelangt man an solch einen Praktikumsplatz? Matthias Bütterhoff, Betriebsleiter und Prokurist Terhalle Innenausbau, erklärt: „Ich bin 2018 von der Handwerkskammer Münster angeschrieben worden.“ Intern habe man dann überlegt, welcher Azubi für solch ein Abenteuer geeignet sei. Die Wahl fiel auf Julius Elskamp. Andreas Bendel von der Handwerkskammer (HWK) fügt hinzu: „Uns wiederum hat Tischler Sebastian Kopiec angeschrieben und angefragt, ob wir gute Praktikanten für ihn hätten.“

Erfahrungen ermöglichen

Zum Hintergrund: Sebastian Kopiec gründete 2016 die Tischlerei Husk & Co in Australien. Aufgewachsen ist Kopiec in Deutschland. Nach seiner Gesellenprüfung sammelte er selbst einst Auslandserfahrung. Seit sechs Jahren lebt er nun in Australien. „Und möchte nun Azubis die Chance geben, ebenfalls diese Erfahrung zu machen“, erklärt Andreas Bendel.

Wenn ein Praktikum in Australien für Betrieb und Azubi zur Win-win-Situation wird

Solch spektakuläre Aussichten konnte Julius Elskamp während seines Australienaufenthalts genießen. © Privat

Eine Chance, die Julius Elskamp gerne ergriff, wie er sagt. „Ich war begeistert und hatte nie Zweifel. So eine Chance bekommt man nicht so oft.“ Natürlich auch, um in der Freizeit das Land und die Kultur zu erkunden. „Da gibt es spektakuläre Landschaften und Skylines.“ Und Julius Elskamp war der erste Azubi des Unternehmens, der für ein Praktikum die EU verlassen hat.

Fördergelder vom Bund

Positiver Nebeneffekt: Der Auslandsaufenthalt wird aus dem Programm „Ausbildung Weltweit“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Seit 2017 gibt es dieses Programm. Die Grundkosten sind also durch das Programm gedeckt. „Den Rest haben wir als Unternehmen natürlich übernommen“, sagt Matthias Bütterhoff. Die Handwerkskammer Münster ist Vermittler und Berater.

Für dieses Abenteuer hatte der 20-Jährige sechs Monate Vorbereitungszeit, um alles dafür notwendige in die Wege zu leiten. Visum beantragen, Flug und Unterkunft buchen sowie ein bisschen die englische Sprache auffrischen. „Englischkenntnisse sind natürlich eine Voraussetzung für solch ein Praktikum“, sagt Andreas Bendel.

Wenn ein Praktikum in Australien für Betrieb und Azubi zur Win-win-Situation wird

v.l.: Matthias Bütterhoff (Betriebsleiter & Prokurist Terhalle Innenausbau) Julius Elskamp (Auszubildender im 2. Lehrjahr), Manfred Levers (Produktionsleiter Terhalle Innenausbau), Andreas Bendel (Handwerkskammer Münster) © Till Meyer

Und die weiteren? „Der Auszubildende muss volljährig sein und sich möglichst im zweiten Ausbildungsjahr befinden“, so der HWK-Mitarbeiter. So habe der Azubi bereits ausreichend Grundkenntnisse im jeweiligen Beruf erworben und sei somit in der Lage, Arbeitstechniken und -methoden in den jeweiligen Ländern vergleichen zu können.

K(l)eine Unterschiede

„Große Unterschiede gab es aber nicht“, berichtet Julius Elskamp. Die Arbeitsweise sei nahezu identisch. Auch werde viel Wert auf Pünktlichkeit und Gründlichkeit gelegt. „Die Maschinen in Australien sind aber etwas kleiner, kompakter als in Deutschland“, so der 20-Jährige. Und noch etwas sei anders gewesen – die Teamgröße. Während bei Terhalle alleine im Innenausbau 33 Mitarbeiter beschäftigt sind und in allen Bereichen insgesamt 43 Azubis ausgebildet werden, ist Husk & Co ein Drei-Mann-Betrieb – ohne Azubi.

Wenn ein Praktikum in Australien für Betrieb und Azubi zur Win-win-Situation wird

Azubi Julius Elskamp beim Zuschneiden einer Holzplatte. © Till Meyer

„Ich konnte mich da also gut einbringen, habe auch viel mitnehmen können“, blickt Julius Elskamp auf die vier Wochen in Down Under zurück. „Ich würde das jederzeit wieder machen.“ Und wo liegt der Vorteil für das Unternehmen? Immerhin fehlt der Azubi als Arbeitskraft während dieser Zeit. „Das stimmt zwar“, sagt Matthias Bütterhoff, „aber der Azubi kommt ja besser zurück. Die Ausbildung geht ja weiter. Und die Selbstständigkeit wird gefördert.“

Synergieeffekt

Alles Dinge, die unter dem Aspekt Synergieeffekt zu verbuchen seien. Zudem ist es für den Betrieb, der solche Praktika ermöglicht, eine gute Möglichkeit, für Nachwuchskräfte interessanter zu werden. „Im Handwerk fehlen ja überall Auszubildende. Auch wir merken das und setzen darum alles daran, als Unternehmen für junge Menschen attraktiv zu sein“, erklärt Silke Uhling, die bei Terhalle für das Marketing zuständig ist.

Wenn ein Praktikum in Australien für Betrieb und Azubi zur Win-win-Situation wird

Eine Arbeitsskizze, die Julius Elskamp während seiner Zeit in Australien anfertigte. © Privat

In dieselbe Kerbe schlägt auch Andreas Bendel von der HWK: „Solche Praktika werten nicht nur die handwerkliche Ausbildung auf. Sie zeigt auch, dass im Handwerk vieles möglich ist. Es poliert das Image auf.“ Etwas, dass für Julius Elskamp gar nicht nötig gewesen wäre. „Ich hatte immer schon eine Neigung zum Tischlerhandwerk wegen des Berufes meines Vaters, aber das Praktikum war natürlich dennoch ein Highlight.“

Lesen Sie jetzt