Reiseunternehmen brechen die Aufträge weg: „Die Ungewissheit ist das Schlimmste“

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Die Reiseunternehmen trifft die Corona-Krise mit voller Wucht. Bei Boonk Reisen in Wüllen stehen aktuell 25 Busse still. Licht am Ende des Tunnels sieht Heinz-Jürgen Boonk noch nicht.

Ahaus

, 27.03.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenige Branchen trifft die Corona-Krise so hart wie die Reiseveranstalter. Erst am Mittwochabend empfahl Bundeskanzlerin Angela Merkel, vorerst auf alle Urlaube im In- und Ausland zu verzichten. Für Heinz-Jürgen Boonk, Geschäftsführer von „Boonk Reisen“ in Wüllen, ein weiterer herber Schlag. Nicht der erste, und wohl nicht der letzte.

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„Der Reiseverkehr ist bis auf Weiteres auf null gesetzt. Die Lage ist dramatisch“, erklärt Boonk im Gespräch mit der Redaktion. 25 seiner Fahrzeuge hat er bereits abgemeldet. Sie werden gerade schlicht nicht mehr gebraucht. Die Linienbusse fahren nur noch eingeschränkt, der tägliche Schulverkehr ruht komplett, private Reisen wurden storniert. „Niemand weiß gerade, ob und wann man wieder reisen darf. Alle sind unsicher und stornieren sicherheitshalber“, sagt der Wüllener Geschäftsmann. Ein Ende der prekären Lage ist nicht in Sicht.

Klassenfahrten bis zu den Sommerferien gestrichen

„Gerade haben wir ein Schreiben erhalten, in dem alle Klassenfahrten und Schulreisen bis zu den Sommerferien abgesagt wurden. Selbst Tagesfahrten werden in NRW bis dahin nicht mehr stattfinden“, berichtet Heinz-Jürgen Boonk. Zwischen 40 und 60 Prozent des Umsatzes macht diese Sparte bei vielen Busunternehmen in der Region aus.

Nur ein Bruchteil der Busse von Boonk Reisen sind aktuell im Betrieb. Der Rest ist auf dem Hof in Wüllen geparkt.

Nur ein Bruchteil der Busse von Boonk Reisen sind aktuell im Betrieb. Der Rest ist auf dem Hof in Wüllen geparkt. © Stephan Teine

Während der Einzelhandel erst seit rund einer Woche von den Zwangsschließungen betroffen ist, befinden sich die Reiseveranstalter schon deutlich länger im Krisenmodus. „Anfang März fing alles an. Die ersten Skigebiete haben die Schotten dicht gemacht. Eine Reisegruppe haben wir an dem einen Tag in die Schweiz gebracht und mussten sie am nächsten Tag schon wieder abholen“, berichtet Boonk.

Stornos über eine sechsstellige Summe bei Wüllener Unternehmen

Skiurlaube gehören bei dem Wüllener Unternehmen zum Hauptgeschäftsfeld. „Bis zu den Osterferien hätten wir noch 60 Pendelfahrten gehabt. Die fallen nun alle ersatzlos aus.“ Nach eigenen Angaben sind mittlerweile Stornos im Wert einer sechsstelligen Eurosumme bei Boonk Reisen eingegangen.

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Was am meisten am Wüllener nagt, ist die Ungewissheit: „Wenn ich wüsste, dass das Geschäft ab Mitte Juni wieder anläuft, könnte man wenigstens planen. Die Gesundheit der Menschen steht ja nun einmal klar im Vordergrund. So ist es aber eine Fahrt ins Ungewisse, die nicht jedes Unternehmen überleben wird.“

Unbürokratische Hilfe vom Staat erwartet

Unterstützung erwartet Heinz-Jürgen Boonk nun in erster Linie von der Regierung. Von da komme bisher zu wenig, trotz großer Ankündigungen in diversen Talkshows und Pressekonferenzen. „Es wird immer viel geredet, aber jetzt braucht es schnelle, unbürokratische Hilfe auf dem kurzen Dienstweg.“ Die von Ministerpräsident Armin Laschet in Aussicht gestellten 25.000 Euro für Unternehmen in der Größenordnung von Boonk Reisen, bezeichnet Boonk als „Tropfen auf den heißen Stein“.

Allein die Löhne für seine Mitarbeiter nehmen monatlich einen sechsstelligen Betrag in Anspruch. Deshalb fordert Heinz-Jürgen Boonk: „Die Fördergelder sollten sich am Umsatz orientieren.“ Lobende Worte richtet der Wüllener Unternehmer hingegen an die örtlichen Banken: „Sie stärken einem in diesen schweren Zeiten den Rücken.“

Hoffnung auf Öffnung der Schulen

Heinz-Jürgen Boonks Hoffnung ist nun, dass wenigstens die Schulen nach den Osterferien wieder die Türen öffnen. Aus zweierlei Gründen. „Wenn der Schulverkehr und die Linienbusse weitergehen, kann man die Kosten wenigstens einigermaßen decken. Außerdem können die Kinder den Stoff doch gar nicht mehr nachholen, wenn noch ein Monat die Schule ausfällt“, sagt Boonk.

Boonk Reisen wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. Nach Feiern ist im Moment allerdings niemandem zumute. „Ich hoffe, dass die Party aber noch stattfinden kann“, sagt Heinz-Jürgen Boonk. Und schiebt hinterher: „Wenn von oben nicht schnell Unterstützung kommt, wird es in Zukunft kaum noch Reisebüros oder Busunternehmen mehr geben.“

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