Wahnhafte Todesangst lässt Mann mit Auto in Polizeiwachen-Tür krachen

dzGerichtsprozess

Mit dem Auto rammt 2018 ein Mann die Tür der Ahauser Polizeiwache. Vor Gericht offenbarte ein psychiatrisches Gutachten am Freitag tiefe Störungen bei dem 58-Jährigen.

Ahaus

, 30.10.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Geheimnisvolle SMS mit brutalen Morddrohungen, ein Strick, Suizidgedanken und ein Leben voller gefühlter Feinde und Gefahren – so sah die Welt des heute 58-jährigen Mannes aus, der am 31. Juli 2018 mit seinem Auto in die Tür der Ahauser Polizeiwache krachte und damit für jede Menge Wirbel sorgte. Jetzt ist vor dem Landgericht Münster das Urteil gefallen.

Am zweiten und letzten Verhandlungstag sagte der Angeklagte, der zum Zeitpunkt der Tat in Gronau lebte, kein Wort. Auch auf sein Schlusswort verzichtete er. Nur ein zustimmendes Nicken gab es zum Urteilspruch. Ein Urteil, das auf Basis eines psychologischen Gutachtens milde ausfiel. Doch der Reihe nach.

Wahnvorstellung über eine Verfolgungsjagd

Angeklagt war der Mann wegen des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und das Fahren ohne gültige Fahrerlaubnis. Dass er überhaupt in die Tür der Polizeiwache krachte, soll mit einer mutmaßlichen Vergewaltigung seiner damaligen Ehefrau unmittelbar vor dem Vorfall zu tun haben. So zumindest hatte es der Angeklagte am ersten Verhandlungstag geschildert. Anzeigen habe sie ihn wollen, führte der 58-Jährige seinerzeit aus. Für etwas, das nie passiert sei.

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Neue Erkenntnisse: Er selbst sei angeblich von einem Auto verfolgt worden, in dem ein „Bekannter“ seiner Frau gesessen habe, der ihn habe töten wollen. Bei der Polizei habe er nur Schutz suchen wollen. Da kein Parkplatz frei war und er Panik hatte, sei er bis vor die Tür gefahren und aus Versehen auch reingefahren. All das sei, so eine Gutachterin, aus Gesprächen des Angeklagten mit Mitarbeitern der Psychiatrie des Lukas-Krankenhauses in Gronau hervorgegangen.

Gutachterin stellt schwere Störung fest

Dort war der 58-Jährige nach dem Vorfall mehrmals stationär untergebracht. Die Gutachterin – mit dem Schwerpunkt forensische Psychiatrie – bescheinigte dem Angeklagten eine krankhaft seelische Störung schweren Grades. In zwei Terminen habe sie mit dem Mann mal intensiver und mal weniger intensiv gesprochen.

„Er hatte zu dem Zeitpunkt des Vorfalls eine wahnhafte Vorstellung. Ein Einsichtsverhalten zur Tat ist nicht vorhanden, davon muss ich ausgehen“, führte die Gutachterin aus. Die wahnhafte Todesangst vor dem angeblichen Verfolger habe dementsprechend wohl auch das Hemmungsverhalten außer Kraft gesetzt. Kurz um: Der Angeklagte wurde für den Moment der Tat als schuldunfähig eingestuft.

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Eine nachfolgende medikamentöse Behandlung habe den psychischen Zustand des Mannes aber verbessert, wie die Gutachterin erklärte. Es sei eine fluktuative Erkrankung, die Stand jetzt keine Einweisung in eine Psychiatrie rechtfertigen würde.

Am Ende gibt es eine milde Strafe

„Und wie schätzen Sie die Sache mit dem ungültigen Führerschein ein?“, hakte der Richter nach. Immerhin besaß der Angeklagte nur einen – in Deutschland nicht zulässigen – rumänischen Führerschein. Den hatte er nicht umschreiben lassen. „Da ist kein Zusammenhang zu seiner Erkrankung erkennbar.“ Heißt: Der Mann hat laut Gutachterin gewusst, dass er keine gültige Fahrerlaubnis für Deutschland besaß.

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Und genau für dieses „Fahren ohne gültige Fahrerlaubnis“ verurteilte das Gericht denn 58-Jährigen zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 50 Euro. Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer 80 Euro und das Einziehen des Führerscheins gefordert. Letzteres wurde übrigens vom Gericht nicht angeordnet.

Und auch die Geldstrafe ist nur eine „Sache für die Bücher“, wie es der Vorsitzende Richter nannte. Denn seitdem der 58-Jährige, der mit Haftbefehl gesucht wurde, am 17. August 2020 in Nürnberg verhaftet wurde, saß er in der JVA Coesfeld ein. Diese zwei Monate haben die Geldstrafe abgegolten.

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