„Unzureichende Qualität“ der Geburtshilfe? Krankenhaus spricht von Einzelfall

dzPrüfungsbericht veröffentlicht

Verfügt die Geburtshilfe im Ahauser Krankenhaus über „unzureichende Qualität“? Das suggeriert zumindest ein Bericht auf Spiegel-Online. Das Krankenhaus wehrt sich jedoch vehement.

Ahaus

, 07.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Genau eine Woche ist es her, dass das Nachrichtenportal Spiegel-Online mit Bezug auf die Auswertung zu planungsrelevanten Qualitätsindikatoren (plan.QI) einen Artikel mit dem Titel „Unzureichende Qualität: Prüfer rügen mehr als 60 Krankenhäuser“ veröffentlichte.

Auf dem dazugehörigen Foto liegt eine nicht näher erkennbare Frau in einem spärlich eingerichteten, fast gänzlich abgedunkelten Krankenhaus-Zimmer. Die Bildunterschrift: „Patientin in einem deutschen Krankenhaus: Mehr als 60 Kliniken mit teils unzureichender Qualität.“

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Wer an dieser Stelle aussteigt, könnte davon ausgehen, dass im folgenden Artikel Skandal-Kliniken verrissen werden. Und tatsächlich folgte nach wenigen einleitenden Sätzen eine interaktive Grafik, auf der die Kliniken aufgelistet sind, bei denen laut Spiegel-Online-Bericht „schwerwiegende Mängel“ entdeckt wurden. Ein roter Punkte liegt auch am nordwestlichen Zipfel Nordrhein-Westfalens mitten im Kreis Borken.

St.-Marien-Krankenhaus als eine von 66 Kliniken gerügt

Das St.-Marien-Krankenhaus in Ahaus ist eine von deutschlandweit 66 Kliniken, bei der das das Berliner Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) „unzureichende Qualität“ feststellte. Genauer gesagt im Bereich der Geburtshilfe. Weitere Details zu den Hintergründen finden sich im Artikel zunächst nicht.

Unter anderem diesen Umstand kritisieren Vertreter des Ahauser Krankenhauses scharf. „Die Veröffentlichung eines unkommentierten Berichts kann eine ganze Abteilung eines Krankenhauses in Verruf bringen. Das ist nicht fair, denn wir machen hier wirklich gute Arbeit“, erklärt Holger Winter, Geschäftsführer des St. Marien-Krankenhaus, im Gespräch mit der Redaktion.

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In einer offiziellen Pressemitteilung des Klinikums heißt es: „Warum einer Krankenhausabteilung öffentlich ‚unzureichende Qualität‘ bescheinigt wird, wenn nachweislich in einem Einzelfall ein Richtwert nicht eingehalten werden konnte, können wir nicht nachvollziehen.“

Geschäftsführer hinterfragt Statistik

Im Spiegel-Online Artikel wird erst weit unterhalb der Grafik erklärt: „Tatsächlich bedeutet das Ergebnis nicht, dass betroffene Kliniken insgesamt schlecht mit Patienten umgehen.“ Und weiter: „‘Unzureichende Qualität‘ bedeutet gleichwohl nicht, dass etwa die Geburtsabteilung einer Klinik insgesamt schlechte Qualität leisten würde.“

„Unzureichende Qualität“ der Geburtshilfe? Krankenhaus spricht von Einzelfall

Holger Winter (M.), Geschäftsführer des Klinikum Westmünsterlands an den Standorten Ahaus/Vreden/Stadtlohn, kritisiert die Berichterstattung von Spiegel-Online. © Klinikum Westmünsterland

Aber auch mit den Ergebnissen des Qualitätsberichts sind die Vertreter des Krankenhauses nicht vollkommen zufrieden. Holger Winter sagt: „Eine Prüfung sollte immer auch eine Aussagekraft haben. In diesem Fall ist es jedoch fast schon absurd.“ Dr. Christa Welling, die beim Klinikum Westmünsterland unter anderem für Qualitäts- und Risikomanagement verantwortlich ist, nennt den Bericht „eine ungerechtfertigte Verzerrung“.

Einzellfall sorgt dafür, dass Statistik nicht eingehalten wird

Doch wie landete das St.-Marien-Krankenhaus überhaupt auf der ominösen Liste, die in einigen Wochen auch noch einmal in kommentierter Fassung veröffentlicht wird?

Hintergrund ist ein Vorfall, der bereits anderthalb Jahre zurückliegt. In den frühen Morgenstunden begab sich eine Frau in die Notfallaufnahme des Ahauser Krankenhauses. Schnell wird klar: Eine Frühgeburt kündigt sich an. „Danach ging alles rasant. Innerhalb von nicht einmal einer Stunde war das Frühchen auf der Welt“, erinnert sich Holger Winter.

Ahauser Krankenhaus verfügt über keinen pränatalen Schwerpunkt

Problem: Das St.-Marien-Krankenhaus verfügt anders als Coesfeld oder Bocholt über keinen pränatalen Schwerpunkt – und damit eben auch über keinen Facharzt für Pädiatrie. Dieser musste in diesem speziellen Notfall aus Coesfeld anreisen und traf nach Angaben des Klinikums erst wenige Minuten nach der Geburt ein.

Damit kam es bei zu der Abweichung beim Qualitätskriterium „Anwesenheit eines Pädiaters bei Frühgeburten“. Weil es im vergangenen Jahr – wie auch in den Vorjahren – zu keiner weiteren Frühgeburt im Ahauser Krankenhaus kam, verstieß das Klinikum statistisch gesehen in 100 Prozent der Fälle gegen die Vorgaben und überschritt den Richtwert damit um 90 Prozent. „So ist eben Statistik“, sagt Holger Winter während ein zynisches Lächeln dabei seine Mundwinkel umspielt.

Geschäftsführer: „Wir nehmen das nicht auf die leichter Schulter.“

Gleichzeitig betont der Geschäftsführer jedoch: „Wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter.“ In das gleiche Horn bläst seine Kollegin Dr. Christa Welling: „Wenn ein besonderer Fall auftritt, dann wird natürlich intern recherchiert und wir hinterfragen uns kritisch: Müssen wir etwas verändern?“ Sehr zeitnah ist deshalb der Ablauf im Rahmen einer Fallbesprechung differenziert aufgearbeitet worden.

Durch die Zusammenlegung der Stadtlohner und Ahauser Geburtshilfe im April dieses Jahres sei man allgemein in vielen Bereichen besser aufgestellt. „Die heutige Situation ist mit der damals nicht mehr vergleichbar. Rückschlüsse auf die Versorgungsqualität sind daher nicht möglich“, betont Pressesprecher Tobias Rodig.

Durch die Zusammenlegung „weiter optimiert“

Bleibt die abschließende Frage, ob bei einem ähnlich gelagerten Fall in Zukunft ein Pädiator anwesend sein könnte. Holger Winter will sich nicht festnageln lassen: „Ein Notfall bleibt ein Notfall. Wir haben zunächst einmal eine Versorgungspflicht, der wir selbstverständlich nachkommen. Durch die Zusammenlegung haben wir aber viele Prozesse weiter optimiert.“

Im Übrigen: Bereits im vergangenen Jahr ärgerte sich die Klinik-Leitung über einen ähnlich gelagerten Fall. Auch hier wurde dem Klinikum Westmünsterland im Bereich der Geburtshilfe unzureichende Qualität attestiert. Hier habe es sich um einen Dokumentationsfehler gehandelt, erklärte Pressesprecher Tobias Rodig damals. Das „Frühchen“, das damals angeblich ohne Pädiater geboren wurde, war tatsächlich eine normale Geburt: Das Neugeborene wog rund 4500 Gramm.

Info:

In der Regel werden Schwangere mit drohender Frühgeburt bereits im Vorfeld durch die behandelnden Mediziner von Ahaus in Krankenhäuser mit höherer geburtshilflicher Versorgungsstufe verlegt. Damit kommen Frühgeburten in Ahaus sehr selten vor.
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