Ulrike Beckering freut sich, in ihrem Weihnachtslädchen wieder viel Selbstgemachteses für den guten Zweck verkaufen zu können. Mit dem Erlös unterstützt sie eine Kirchengemeinde in Litauen. © Christin Lesker
Ullis Weihnachtslädchen

Ullis Weihnachtslädchen – ein ganzes Jahr Arbeit für den guten Zweck

Materialien aus der ganzen Welt, ausgefallene Marmeladen-Kreationen und ein ganzes Jahr Arbeit. Ulrike Beckering hat ihr Weihnachtslädchen am Markt 2 wieder geöffnet. Die Einnahmen spendet sie.

Durch den schmalen Türspalt zieht der süße Duft von Zimt und Nüssen in den Flur und macht sich im ganzen Treppenhaus breit. Es ist Mitte November. Ulrike Beckering steht in ihrer kleinen Küche, es stapeln sich Backbleche mit „Ullis Plätzchen“ und im Hintergrund läuft leise alpenländische Volksmusik. Die Rentnerin steckt mitten in den finalen Vorbereitungen.

Von Lavendelsäckchen über Marmelade bis Socken

In ihrem „Weihnachtslädchen“, eine Etage tiefer, reihen sich zu dieser Zeit von Hand bestickte Lavendelsäckchen, Engel und Socken, Marmeladen und Gewürze. Seit gut 20 Jahren, immer zur Adventszeit, verkauft Ulrike Beckering ihre Handarbeiten und spendet den Erlös. Am 28. November hat sie die Türen am Markt 2 wieder geöffnet. Der weihnachtliche Duft aber, liegt schon seit Januar in der Luft, denn für ihr Weihnachtslädchen arbeitet die 73-Jährige das ganze Jahr.

Ulrike Beckering erzählt gerne, spricht dabei klar und direkt. Sie sagt, was sie denkt, gibt auch Contra. Und sie plant: Jeden Tag, jede Woche, das ganze Jahr. „Ich bin ganz genau strukturiert“, sagt sie. 70 Quadratmeter Weihnachtslädchen füllen sich schließlich nicht von selbst. Soziales Engagement, ja, aber mit einem klaren Ziel, mit einem Fokus und dem Anspruch, viel zu schaffen.

Schon während ihrer ersten Ausbildung zur Gärtnerin im Betrieb ihrer Eltern übernahm Ulrike Beckering Sonntagsdienste auf der Kinderstation im Ahauser Krankenhaus. Nach einem Jahr erkundigte sie sich leise nach Ausbildungsmöglichkeiten und verließ schließlich die Gärtnerei, um für eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester im Uni Klinikum nach Essen zu ziehen. „In Essen bin ich aufgegangen“, sagt sie, wurde 1975 sogar jüngste Stationsschwester des Klinikums.

Kontakte nach Litauen geknüpft

Bald begleitete sie ihre Stationsärztin regelmäßig zu einem Projekt nach Königsberg in der russischen Föderation Oblast. Zu dieser Zeit entstand der Kontakt zu Virginius Veprauskas. Eben jener litauische Priester, der noch heute die Sachspenden und Einnahmen aus Ulrike Beckerings Weihnachtslädchen nutzt, um seiner Gemeinde in Kaunas, Litauen zu helfen.

Die letzten Jahre vor ihrer Pension hat sie ihre Arbeitszeit im Klinikum auf Nachtwachen beschränkt und sich die Adventszeit freigenommen, um ihre Handarbeiten auf dem Ahauser Weihnachtsmarkt zu verkaufen. Später ist sie mit ihrem Weihnachtslädchen vom der Holzhütte auf dem Weihnachtsmarkt in eine leerstehende Zahnarztpraxis in ihrem Haus am Markt gezogen.

Ulrike Beckering freut sich auf Kundschaft - natürlich kann auch im Weihnachtslädchen nur unter Corona-Hygieneregeln eingekauft werden. 
Ulrike Beckering freut sich auf Kundschaft – natürlich kann auch im Weihnachtslädchen nur unter Corona-Hygieneregeln eingekauft werden. © Christin Lesker © Christin Lesker

Klassischer Rumtopf aus Erdbeeren teilt sich in „Ullis Weihnachtslädchen“ den Platz mit Schürzen aus italienischen Stoffen und nordafrikanischen Gewürzen wie Ras el Hanout. Die Materialien und Ideen für ihr Weihnachtslädchen sammelt Ulrike Beckering auf ihren Reisen. „Ich habe die Augen immer ganz weit offen, überall“, sagt sie. Mit Hilfe von Dolmetschern, spricht sie mit den Leuten, schlendert über Märkte, probiert aus und kauft ein. „Im Februar war ich auf Kuba, da gab es nur 20 Kilo Freigepäck, das wird dann schon knapp“ , sagt Ulrike Beckering und muss lachen.

Auf den Reisen wird für das Lädchen eingekauft

Sie lebt fürs Reisen. 1990 flog sie nach Neuseeland. Später ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Ulan Bator und 2008 sogar einmal um die ganze Welt. Am liebsten macht sie Urlaub in Marokko. Auf die traditionellen Suks (Märkte) nimmt sie eine lange Gewürzliste mit. Zimt, Harissa, oder ihre eigenen Gewürzmischungen für Rotkohl und Sauerkraut lässt sie dort frisch für ihr Weihnachtslädchen mahlen. „Für mich ist das ein Traum.“

„Oft habe ich auf Reisen auch mein medizinisches Wissen eingebracht“, sagt sie. Holzlatten und Binden baute Ulrike Beckering so zusammen, dass sie wie Spreizhosen gegen ausgerenkte Hüftgelenke halfen, das Fett der Stutenmilch gab sie Kindern in der Wüste Gobi als natürliche Creme gegen die von der Sonne aufgeplatzte Haut. Im Gegenzug erfuhr sie Gastfreundschaft und tiefe Einblicke: Nähmuster, Rezepte und Bastelideen – die besten Inspirationen für ihr Weihnachtslädchen.

Die großen Mengen aber, macht vor allem das große lokale Netzwerk möglich. „Ich stehe zwar im Lädchen, aber ich bin nicht die einzige. So viele Leute helfen im Hintergrund und haben genauso Aufmerksamkeit verdient.“ Ihre Haushälterin Lilly hat viele Ideen und hilft beim Nähen, Erdbeer-Bauern spenden matschige Erdbeeren, eine Bäckerei gibt jährlich 100 Christstollen und kistenweise Stoffe, Klamotten und Einmachgläser erreichen die 73-Jährige.

Die Rohmaterialien müssen sortiert und verarbeitet werden. Bestickte Handtücher, Himbeeressig, Kissen, 50 genähte Engelchen, 150 Gläser „Mutters Gewürzgurken“ und rund 800 Gläser verschiedenste Marmeladen stellt die Rentnerin im Jahr her. Probiert auch gern außergewöhnliches wie Kürbis- oder Zwiebelmarmelade aus.

Immer tageweise laufen die Vorbereitungen. Für ihre Stoff-Engelchen schneidet sie zunächst den Stoff aus, näht dann alles zusammen, bringt die Schnur mit Kopf an, sodass am letzten Tag nur noch ein Knopf an jedem Engel fehlt. Dieses Schaffen und Vorankommen motiviert Ulrike Beckering. „Am meisten Spaß macht es, am Ende die fertigen Produkte zu sehen“, sagt sie.

Ein Transporter voller Spenden

„Manchmal rufen Leute an, weil sie finden, ich sollte lieber die Menschen hier vor Ort unterstützen“ sagt Ulrike Beckering „aber ich frage mich: Warum soll ich aufhören, die Gemeinde in Kaunas zu unterstützen? Da weiß ich, wo es hingeht.“ Virginius Veprauskas sei für sie mittlerweile wie ein Bruder.

Kistenweise Kleidung, Töpfe, Rollatoren, Schulranzen und jährlich rund 5000 Euro sammelt Ulrike Beckering für ihn und seine Gemeinde. „Sie können im Grunde alles gebrauchen“, sagt sie. Also kommt Virginius Veprauskas zwei Mal im Jahr nach Deutschland, bleibt einige Tage zu Besuch, um schließlich mit voll beladenem Transporter zurück nach Litauen zu fahren.

Mit den Spenden werden Veranstaltungen für Kinder und Senioren organisiert, aus dem alten Plumpsklo wurden mit der Zeit gescheite Sanitäranlagen und im letzten Jahr konnte Virginius Veprauskas unter anderem neue Kelche für die hölzerne Stiftskirche kaufen. Davon erzählen die Bilder, die im Weihnachtslädchen an der Wand hängen.

Kein Ende in Sicht

In diesem Jahr hat Ulrike Beckering sich Corona-Maßnahmen überlegt. Zum Glück aber sind ihre Produkte lange haltbar. Wenn alle Stricke reißen und sie ihr Weihnachtslädchen dennoch schließen muss, hat sie eine Notlösung: „Dann packe ich alles in Tüten und verschenke es an Bedürftige“.

Trotz guter Planung, sind die Vorbereitungen fürs Weihnachtslädchen anstrengend. „Natürlich muss ich mich auch mal hinsetzen, weil mir das Kreuz weh tut“, sagt Ulrike Beckering. Deshalb sind ihr die Wochenenden heilig. Dann schaltet sie das Telefon aus, ihre Lieblingsmusik ein und freut sich, die Ruhe zu Hause zu genießen.

Ans Aufhören aber, denkt sie noch nicht. „So lange ich die Kraft habe, mache ich weiter. Und wenn ich’s noch bis 80 kann, mach ich’s auch bis 80“, sagt sie. „Ich habe so viel Freude und es ist eine Gnade Gottes, so etwas zu können: die Marmelade, das Sticken, die Fantasie. Dafür kann ich nur dankbar sein, indem ich das Wissen und die Fähigkeiten weitergebe.“

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