Stück Ottensteiner Ortsgeschichte weicht dem Bagger

Alte Molkerei

OTTENSTEIN. Wie der lange Hals eines Brontosauriers erhebt sich die Baggerschaufel in den grauen Januarhimmel. Dann klappen die Kiefer auseinander und unerbittlich reißt das stählerne Ungetüm Stück für Stück aus dem Mauerwerk heraus. Einen Moment lang ist der mächtige Körper der Baumaschine in feinen, weißen Staub eingehüllt. „Da geht schon wieder ein Stück Ottensteiner Geschichte dahin“ – ein Passant, der auf der anderen Straßenseite vorbeigeht, schüttelt bedauernd den Kopf.

von Von Anna Lena Haget

, 28.01.2011, 13:09 Uhr / Lesedauer: 1 min
Das alte Molkereigebäude an der Textilstraße muss dem Abrissbagger weichen, an seiner Stelle wird demnächst ein Supermarkt errichtet.

Das alte Molkereigebäude an der Textilstraße muss dem Abrissbagger weichen, an seiner Stelle wird demnächst ein Supermarkt errichtet.

Baggerführer Jörg Bammer sieht die Sache eher pragmatisch: „Wenn wir es nicht abreißen, macht’s ein anderer“, sagt er. Die Baustelle hat sich inzwischen zu einer kleinen Attraktion gemausert. Autofahrer recken im Vorbeifahren die Hälse. Immer wieder bleiben Fußgänger stehen und schauen fasziniert zu. Ein Großvater hat seinen zweijährigen Enkel mit dorthin genommen, weil der Kleine Bagger liebt. „Ich weiß noch, wie die hier mit Pferd und Wagen angekommen sind und die Milchkannen hinten drauf hatten. Dann kamen irgendwann die Trecker und haben Milch gebracht“, erinnert sich der Mann. 1967 übernahmen die Brüder Bernhard und Heinrich Decker das Gebäude. Aus der Molkerei wurde eine Metzgerei mit einem angeschlossenen, kleinen Verkaufsladen. In den Siebzigern zog die Geflügelverarbeitung von Henk van de Craats in die Halle ein. Obwohl dieser Betrieb sich nicht lange halten konnte, hat Bernd Decker in dem Niederländer einen guten Freund gefunden. Mit den Jahren sah die alte Molkerei noch mehrere Pächter.

Zuletzt wurde der Raum im hinteren Teil des Schlachthauses als Partybude und Jugendtreff genutzt. Im August 2010 Jahres ging die letzte Fleischwurst über die Ladentheke. So ist ein weiteres Stückchen Ortsgeschichte dahin. Was bleibt, sind die Erinnerungen daran und bei manchen auch ein wenig Wehmut.

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