Am 20. Mai 2020 wurde die Polizei zu nächtlicher Stunde zum Vorplatz der Stadtbibliothek Ahaus wegen einer vermeintlichen Ruhestörung gerufen. Daraus entwickelte sich dann ein Großeinsatz. © Markus Gehring
Polizeieinsatz vor Gericht

Spuckattacke, Schläge, Tritte: Polizei greift zu Pfefferspray und Schlagstock

Wegen etlicher Gewalteskapaden stehen vier Männer aus Ahaus vor dem Landgericht Münster. Am ersten Verhandlungstag stand ein Polizeieinsatz im Fokus, den sie ausgelöst hatten.

Keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss, keine Ausbildung und jeweils eine Palette an Vorstrafen – das eint drei Männer (18/24/26) aus Ahaus, die sich für gleich mehrere (Gewalt-) Straftaten vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster verantworten müssen. Auch der Vater (55) der beiden älteren Beschuldigten ist Angeklagter in diesem Mammutprozess.

Tätlicher Angriff auf Polizeibeamte in einem besonders schweren Fall, räuberische Erpressung, Körperverletzung, Trunkenheit am Steuer und versuchte schwere Körperverletzung – die Anklagepunkte gegen die Männer wiegen schwer. Insgesamt vier Verhandlungstage sind angesetzt.

Polizei wird zur Stadtbibliothek gerufen

Im Mittelpunkt des ersten Verhandlungstages standen die nächtlichen Ereignisse vom 10. Mai 2020 in der Nähe des Vorplatzes der Ahauser Stadtbibliothek. Und weil sich die Angeklagten über weite Strecken ausschwiegen, basiert die gerichtliche Rekonstruktion der Geschehnisse vornehmlich auf den Aussagen der als Zeugen geladenen Polizeibeamten.

Gegen 0.45 Uhr wurde die Polizei wegen einer vermeintlichen Ruhestörung zur Stadtbibliothek gerufen. Dort trafen zwei Beamte auf den Angeklagten (26) und einen Bekannten. Während dieser der Aufforderung der Beamten nachkam, sich auszuweisen, habe sich der Angeklagte von Beginn an quergestellt. So schilderten es beide Polizeibeamten einvernehmlich.

Sätze wie „den Ausweis kriegt ihr nicht“ und wüste Beleidigungen sollen dabei gefallen sein. „Der Typ war alkoholisiert und völlig enthemmt“, so einer der Polizisten. Da die Situation angespannt gewesen sei, habe sein Kollege seinen Mehrzweckstock aus dem Einsatzfahrzeug geholt.

Zur Deeskalation trug das letztlich nicht bei. Im Gegenteil. „Der Angeklagte ist dann auf mich zu und hat sich vor mir aufgebaut. Wir standen Stirn an Stirn“, so der Polizeibeamte, der den Schlagstock geholt hatte. Dann flogen die Fäuste. Es entbrannte eine wilde Rangelei zwischen dem Angeklagten und den Beamten.

Beamten setzen Pfefferspray ein

Als diese versuchten, dem Mann Handschellen anzulegen, riss sich dieser los und rannte weg. Erst als er nach etwa 100 Metern stolperte, holten ihn die Beamten ein. „Unter Einsatz des Pfeffersprays verhinderten wir, dass der Mann seine Flucht fortsetzen konnte.“

Mit vereinten Kräften und unter Einsatz des Schlagstocks habe man es dann geschafft, dem „wild um sich schlagenden Mann“ Handschellen anzulegen und ihn auf dem Boden zu fixieren. Doch damit war die Sache für die Beamten noch nicht ausgestanden.

Denn als sie den Querulanten zum Streifenwagen bringen wollten, stieß dessen Bruder (24) in Begleitung von zwei Bekannten auf die Beamten. „Er war total außer sich, was wir mit seinem Bruder machen“, so einer der Polizisten. Darum soll der 24-Jährige die Beamten bedrängt haben. Sein Bodycheck und seine Schläge seien aber ins Leere geflogen.

Dessen ungeachtet bekam auch der 24-Jährige nach Aussagen der Beamten eine Ladung Pfefferspray ab, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Wobei das mit der Kontrolle nicht aufgegangen sei: Stattdessen sei die Situation immer unübersichtlicher geworden.

Viele Personen am Ort des Geschehens

Immer mehr Personen seien zum Ort des Geschehens gekommen. Wohl Freunde und Familie der Angeklagten – so die Vermutung der Polizisten. Im weiteren Verlauf soll der Angeklagte (26) dem einen Polizeibeamten ins Gesicht gespuckt und dem anderen zwischen die Beine getreten haben. „Gerade das Spucken in Zeiten von Corona war sehr widerlich. Ich habe noch gehört, wie er die Spucke hochzieht“, erinnerte sich der Polizeibeamte.

Die Polizisten sahen sich angesichts der Gemengelage jedenfalls genötigt, Verstärkung anzufordern, wie sie dem Richter erklärten. Binnen weniger Minuten seien zwei weitere Polizeibeamte vor Ort eingetroffen. Und einer dieser beiden sei in der Folge vom Vater (55) der beiden Angeklagten attackiert worden. Dieser war mittlerweile ebenso wie die Mutter am Ort des Geschehens eingetroffen.

„Ich habe gesehen, wie der Mann meinen Kollegen in den Nacken geschlagen hat“, sagte einer der Polizeibeamten aus. Auch sei sein Kollege vom Vater zu Boden gezerrt worden. Das bestätigte auch der betroffene Polizist.

Durch den Sturz im Gerangel habe er zudem eine schwerwiegende Verletzung am Arm erlitten. Mehrere Operationen seien die Folge gewesen. „Ich war viele Wochen krankgeschrieben.“ Bilder, die der Richter auf die Leinwand werfen ließ, verdeutlichten das Ausmaß der Verletzung.

Körperkameras liefern keine Videos

Schlussendlich waren insgesamt acht Polizeibeamte notwendig, um die Situation in der Mai-Nacht unter Kontrolle zu bekommen. Sowohl der 26-jährige als auch der 55-jährige Angeklagte wurden in polizeilichen Gewahrsam genommen. Der 24-jährige Angeklagte entzog sich der Verhaftung. Er war laut Polizei in der Menge „untergetaucht“.

Kurios: Drei der vier zu diesem Vorfall als Zeugen gehörten Polizisten trugen in jener Nacht eine Körperkamera. Videoaufnahmen gibt es dennoch keine. Zwei Beamte räumten ein, es im Einsatzstress nicht geschafft zu haben, die Kameras richtig zu aktivieren. Die dritte Kamera soll aufgezeichnet haben, sei aber im Getümmel verloren gegangen.

Acht Polizeibeamte waren nötig, um die Situation am 20. Mai 2020 unter Kontrolle zu bekommen.
Acht Polizeibeamte waren nötig, um die Situation am 20. Mai 2020 in der Nähe der Stadtbibliothek unter Kontrolle zu bekommen. © Markus Gehring © Markus Gehring

Etwas, das die Verteidiger der Angeklagten nicht so recht nachvollziehen konnten. „Sie wissen schon, wie man so eine Kamera bedient?“, hakte einer nach. Etwas, das die Polizeibeamten bejahten. „Wir sind darin ausgebildet.“ Es sei aber eben alles sehr turbulent gewesen.

Übrigens entschied die Strafkammer, das Verfahren gegen den 55-jährigen Vater der Männer abzukoppeln und gesondert anzugehen. Denn bei den übrigen den Angeklagten zur Last gelegten Taten soll der 55-Jährige keine Rolle gespielt haben.

Verfahren wird am 3. Februar fortgesetzt

Von diesen Taten wurden am ersten Verhandlungstag noch zwei weitere thematisiert: Eine Schlägerei in Folge eines vermeintlichen Handydiebstahls auf der Bahnhofstraße in den frühen Morgenstunden des 22. Dezembers 2019 sowie eine alkoholisierte Fahrt mit einem Kleinwagen durch den Schlosspark inklusive Flucht vor der Polizei.

Für erstgenannte Tat sollen der 24-jährige und der 26-jährige Angeklagte verantwortlich sein. Die Autofahrt mit 1,4 Promille durch den Schlosspark am 8. Mai 2019 soll auf das Konto des 26-Jährigen gehen.

Zwei weitere Gewalttaten aus dem November 2019, für die der 18-Jährige sowie der 24-Jährige angeklagt sind, sollen bei der Fortsetzung am 3. Februar thematisiert werden.

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