Skrupelloser Motorradfahrer verletzt Polizisten schwer – Prozess endet mit Freispruch

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Sicher ist, dass ein rücksichtsloser Motorradfahrer in Wendfeld einen Polizisten schwer verletzt hat. Jetzt stand ein Vredener vor Gericht. Der Prozess endete mit einer bitteren Erkenntnis.

Stadtlohn

, 12.02.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der 6. September 2019 war ein rabenschwarzer Freitag für einen Polizeibeamten aus Ahaus. Ein rücksichtsloser Motorradfahrer raste bei einer Polizeikontrolle auf der L608 in Wendfeld nahe Spoor auf den 61-Jährigen zu, streifte ihn und brach ihm dreifach das Handgelenk.

Polizeibeamter ist seit fünf Monaten dienstunfähig

Starke Schmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit und Taubheitsgefühl – „Das wird nichts mehr“, sagte der Polizeibeamte am Dienstag im Saal II des Amtsgerichts Ahaus und blickte resigniert auf seine rechte Hand. Seit fünf Monaten ist er dienstunfähig.

Ihm gegenüber auf der Anklagebank saß am Dienstag ein 28-jähriger Vredener. Ihn beschuldigte der Staatsanwalt, jener Motoradfahrer gewesen zu sein, über den eine Zeugin aus Vreden aussagte: „Ich war schockiert über das skrupellose Fahrverhalten.“ Der Angeklagte schwieg im Gerichtssaal. Am Ende verließ er ihn als freier und unbescholtener Mann.

„Mehr als 200 auf dem Tacho“

Aus den Aussagen der 42-jährigen Vredenerin und sieben weiterer Zeugen, darunter mehrere Polizeibeamte, ergab sich vor Gericht ein relativ klares Bild vom dramatischen Geschehen jenes 6. Septembers:

Polizeibeamte kontrollierten morgens auf der L 608 in Wendfeld die Geschwindigkeit der Autos, die in Richtung Vreden fuhren, als sie aus Richtung Vreden das laute Aufheulen eines Motorrades hörten. Lange konnten die Beamten nichts sehen. Dann aber schoss eine Rennmaschine vorbei. „Der hatte gefühlt mehr als 200 auf dem Tacho“, sagte der 61-jährige Polizeibeamte.

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Sein 55-jähriger Kollege sagte vor Gericht: „Der Motorradfahrer lag auf seiner Maschine und raste in Richtung Stadtlohn davon. Wir haben uns geärgert, dass wir seine Geschwindigkeit nicht messen konnten.“ An eine Verfolgung sei bei dem Tempo aber nicht zu denken gewesen.

„Das war eine richtige Rennsemmel“

Eine Stunde später, gegen 9.40 Uhr: Die Beamten blitzten in Gegenrichtung einen Autofahrer und winken ihn aus dem Verkehr. Hinter dem nun langsam fahrenden Autofahrer bildet sich eine Pkw-Kolonne. Darin fuhren auch der Motorradfahrer sowie eine 41-jährige Pkw-Fahrerin aus Vreden, die von sich sagt: „Mit Motorrädern kenne ich mich aus.“ Das Aufheulen des Motors hinter ihr ist für sie ein klares Zeichen: „Das war eine richtige ‚Rennsemmel‘, wie meine Brüder sagen würden. Und ich dachte noch, der wird doch wohl nicht ...“

Doch tatsächlich setzte der Motorradfahrer trotz Überholverbot, Tempolimit 70 und Polizeipräsenz zum Überholen an. Der 61-jährige Polizeibeamte, ausgestattet mit weißer Mütze, Warnweste und Leuchtstab, wollte ihn stoppen. Der Motorradfahrer reagierte zunächst auf das Anhaltezeichen, bremste ab – um dann mit Vollgas auf den Beamten zuzurasen, ihn schwer zu verletzen und zu flüchten.

Zeugen machten widersprüchliche Angaben

Soweit war das Geschehen unstrittig. Doch dann begannen am Dienstag im Gerichtssaal die Probleme der Wahrheitsfindung: Wie sah das Motorrad aus? Schwarz, vielleicht auch dunkelblau oder der dunkelgrün. Möglicherweise auch grau. Es könnte auch rot gewesen sein. So die widersprüchlichen Antworten der Zeugen. Auf jeden Fall eine Rennmaschine. Und der Fahrer trug auf jeden Fall einen schwarzen verspiegelten Helm – und war nicht zu erkennen.

Kennzeichen nur bruchstückhaft erkannt

Das Kennzeichen des Motorrades hatte keiner der Zeugen komplett erkannt. Die Polizei trug die bruchstückhaften und teils widersprüchlichen Erinnerungen an die Buchstaben und Zahlen zusammen. So gerieten unmittelbar nach der Tat zwei verschiedene Motorradfahrer ins Visier der Ermittler. Eine gute Stunde nach dem Vorfall suchten Polizeibeamte die beiden Motorradhalter auf, trafen sie aber nicht zuhause an. Wohl aber ihre Motorräder.

Eines sei verstaubt gewesen und offenbar längere Zeit schon nicht mehr gefahren. Das andere Motorrad aber hatte noch einen heißen Motor und warme Auspuffrohre, berichtete der ermittelnde Polizeibeamte am Dienstag als Zeuge vor Gericht. Dieses Motorrad war knallrot und gehörte dem 28-jährigen angeklagten Vredener. Der schwieg vor Gericht zu dem Vorwurf.

Auf die entscheidende Frage gab es keine Antwort

Es sollte ihm nicht schaden. Nach den unstimmigen Zeugenaussagen blieb dem Staatsanwalt nichts übrig, als einen Freispruch zu fordern. „Ich halte hier kein Plädoyer gegen ein Motorrad. Es bestehen ja schon erhebliche Zweifel, ob das Motorrad überhaupt an dem Unfall beteiligt war. Aber selbst wenn wir das beweisen könnten, dann gibt es keine Antwort auf die entscheidende Frage: Wer war der Fahrer?“

Emotional reagierte der Anwalt des verletzten Polizisten, der als Nebenkläger auftrat, auf den Prozessverlauf. Er warf den ermittelnden Behörden lautstark vor, „die Erkenntnisquellen nicht ausgeschöpft“ zu haben. „Das erlebt man vor deutschen Gerichten selten!“, so der Nebenklägeranwalt.

Nebenkläger verlangte DNA-Analysen

Er war überzeugt davon, dass man über DNA-Analysen nachweisen könnte, dass das Motorrad des Beschuldigten den Polizeibeamten berührt habe. „Und wenn wir schon mal wissen, dass es das Motorrad war, dann erhärtet das den Verdacht gegen den Halter.“

Der Richter sah das anders: „Es gibt so oder so keinen Beweis dafür, dass der Angeklagte gefahren ist.“ Aus diesem Grund lehnte er den Beweisantrag des Nebenklägers ab. Die Indizien reichten aus Sicht des Richters nicht aus, weil andere Indizien für die Unschuld des Angeklagten sprächen.

Wahrscheinlichkeit und Verdacht reichen nicht für Verurteilung aus

„Eine Verurteilung kann nur dann erfolgen, wenn das Gericht zweifelsfrei von der Schuld des Angeklagten überzeugt ist. Eine hohe Wahrscheinlichkeit oder auch ein dringender Verdacht reichen nicht aus“, so der Richter.

Das sah natürlich auch der Verteidiger des Angeklagten so. Er sagte aber auch: „Für den betroffenen Polizeibeamten ist das bitter.“ Der Täter wird nun wohl nicht mehr ermittelt werden können. Der Angeklagte schwieg und nahm den Freispruch ohne äußere Regung auf. Der Anwalt des Nebenklägers ließ am Dienstag noch offen, ob er gegen den Freispruch Rechtsmittel einlegen wird.

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