Das Team der „Seebrücke Ahaus“ wächst und wächst. Jedes Mitglied ist für einen bestimmten Aufgabenbereich zuständig, zum Beispiel: Social Media, Politik und Presse oder Recherche. © Johannes Schmittmann
Seenotrettung

„Seebrücke Ahaus“ hat klares Ziel: Stadt soll mehr Flüchtlinge aufnehmen

26 junge Männer und Frauen haben die Lokalgruppe „Seebrücke Ahaus“ gegründet. Ihr Ziel ist unter anderem, dass die Stadt Ahaus deutlich mehr geflüchtete Menschen aufnimmt als bisher.

Die Corona-Pandemie bestimmt die Nachrichtenlage, auch in der Redaktion der Münsterland Zeitung. Andere Themen drohen dabei in Vergessenheit zu geraten. Eines davon: die sogenannte „Flüchtlingsproblematik“. 26 Ahauserinnen und Ahauser im Alter zwischen 18 und 25 wollen genau das ändern. Sie haben sich nun zusammengetan und die Lokalgruppe „Seebrücke Ahaus“ gegründet. Das Ziel ist klar formuliert: „Wir wollen unsere Stadt zu einem sicheren Hafen machen.“

Zum Hintergrund: Die „Seebrücke“ ist eine internationale Bewegung, die erstmals 2018 in Erscheinung trat. Seitdem haben sich in ganz Europa, vor allem aber in Deutschland, Lokalgruppen gegründet. Die Mitglieder der Bewegung üben scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union (EU) und fordern von den politischen Akteuren unter anderem die Entkriminalisierung der Seenotrettung.

Gruppe formiert sich über soziale Medien

Felix Kemmer, Student der Germanistik und bei der Lokalgruppe gemeinsam mit Veronica Groten für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, erklärt, wie die 26 Ahauserinnen und Ahauser zueinandergefunden haben: „Drei, vier junge Menschen, die politisch sehr engagiert sind, kamen zufällig auf das Thema zu sprechen. In den sozialen Medien fragte dann einer von ihnen, ob es Leute gebe, die ebenfalls Interesse daran hätten, hier vor Ort eine Gruppe ins Leben zu rufen.“

Bisher finden die Treffen und Aktionen der Lokalgruppe ausschließlich online statt. Das soll sich aber so schnell wie möglich ändern.
Bisher finden die Treffen und Aktionen der Lokalgruppe ausschließlich online statt. Das soll sich aber so schnell wie möglich ändern. © privat © privat

Innerhalb kürzester Zeit wurde aus einer spontanen Idee ein konkreter Plan. Menschen jeder Couleur wandten sich an die Initiatoren, auch auf den Plattformen Facebook und Instagram wuchs die Reichweite rasant. „Heute sind wir eine bunt zusammengewürfelte Truppe. Was uns neben unserer Heimatstadt verbindet, ist unser Ansporn“, sagt Veronica Groten. Denn es sei nicht damit getan, sich auf dem Papier mit Flüchtlingen zu solidarisieren. „Es braucht konkrete Maßnahmen.“

Ziel: Ahaus soll mehr Geflüchtete aufnehmen

Felix Kemmer erklärt: „Kern unserer Forderung ist es, dass die Stadt Ahaus ein ‚sicherer Hafen‘ wird, also mehr Geflüchtete aufnimmt, als sie eigentlich müsste.“ In Deutschland regelt der „Königsteiner Schlüssel“, wie vielen Asylsuchenden eine Kommune mindestens Schutz gewähren muss. Kriterien sind unter anderem die Einwohnerzahl und die finanzielle Situation. „Wir sind uns sicher, dass hier vor Ort noch deutlich Luft nach oben ist“, sagt Kemmer.

Andere Städte und Gemeinden haben es vorgemacht. Schon 236 „sichere Häfen“ gibt es derzeit in Deutschland. Ahaus soll, wenn es nach der „Seebrücke“ geht, so schnell wie möglich die Nummer 237 werden. Erste Schritte sind dafür schon getan. Gespräche mit der Stadtverwaltung und den Fraktionen laufen. Einen Antrag an den Rat hat die Lokalgruppe nur nicht gestellt, weil über einen ähnlich lautenden Antrag der evangelischen Kirche noch nicht abschließend entschieden wurde.

Als ihre Aufgabe betrachtet die „Seebrücke Ahaus“ aber auch, die Menschen vor Ort insgesamt für das Thema zu sensibilisieren. „Ich glaube, viele wissen gar nicht, was gerade auf dem Mittelmeer geschieht. Die Abschottungspolitik der EU ist eine Katastrophe“, sagt Felix Kemmer. Als Beispiel führt er das griechische Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos an, wo auch nach dem Großbrand im Vorjahr teils dramatische Bedingungen herrschen.

„Thema muss präsenter werden“

Veronica Groten weiß, dass das Engagement in Ahaus gesamtgesellschaftlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, allerdings sagt sie: „Das Thema muss präsenter werden, sonst kann nichts geändert werden. Und wir wollen unseren Teil dazu beitragen.“ Wegen der Corona-Pandemie finden nicht nur die Treffen der Lokalgruppe digital statt, auch Aktionen müssen sich auf das Internet beschränken.

Sobald die Lage es wieder zulässt, soll aber auch vor Ort „Flagge gezeigt“ werden. „Für uns gehört es dazu, durch Kundgebungen und Demonstrationen auf Missstände aufmerksam zu machen. Denn gerade die ältere Generation kann man durch Social Media nur schwer erreichen“, sagt Felix Kemmer.

Bei all dem Zuspruch, den die Lokalgruppe bisher erfahren hat, gab es allerdings auch kritische Stimmen – um es vorsichtig zu formulieren. „Es spricht nichts dagegen, Argumente auszutauschen – auch wenn es mal hitziger wird. Aber einige Kommentare in den sozialen Medien mussten wir löschen, weil fremdenfeindliche Äußerungen enthalten waren“, berichtet Veronica Groten. Trotzdem sagt sie: „Insgesamt überwiegt das positive Feedback. Und das ist finde ich ein gutes Zeichen.“

Info:

Die Lokalgruppe Seebrücke Ahaus sammelt derzeit Unterschriften. Ziel ist es, Ahaus zum „sicheren Hafen“ zu machen. Alle Infos unter: www.seebruecke-ahaus.de/petition

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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