Niels Hakenes navigiert die Canisiusschule seit einem knappen Jahr durch die Corona-Krise. Keine einfache Aufgabe, wie er zugibt. © Johannes Schmittmann
Canisiusschule Ahaus

Schule und Corona: „Je jünger das Kind, desto gravierender die Folgen“

Auch die Canisiusschule hat mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Unter dem Gesichtspunkt laufe es ordentlich, sagt Schulleiter Niels Hakenes. Trotzdem sieht er Verbesserungsbedarf.

Niels Hakenes ist seit ziemlich genau drei Jahren Leiter der Bischöflichen Canisiusschule. Im Interview mit der Redaktion sprach er unter anderem über das „Corona-Abitur“, die teils schwierige Kommunikation mit dem Schulministerium und Nachteile des Distanzunterrichts.

Herr Hakenes, kurz gefragt: Wie läuft´s?

Den Umständen entsprechend gut. Einige Dinge mehr, andere weniger. Das ist im normalen Präsenzunterricht in der Schule aber ähnlich. Es gibt immer vereinzelt Stunden, die in die Hose gehen oder besser hätten vorbereitet werden können. Der Unterschied ist jetzt, dass es in die Elternhäuser transportiert wird und alle es sofort mitbekommen.

Was wird bei der Kritik an den Schulen, die aus verschiedenen Ecken immer wieder aufkommt, übersehen?

Wir haben bei Schülern und Lehrern einen Kompetenz-Zuwachs, den man sonst in zehn Jahren nicht bekommen hätte. Das Lehrpersonal hat sich im Digitalen extrem weiterentwickelt. Alle sind deutlich weiter, als sie es noch vor einem halben Jahr waren. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass schon alles top ist. Es gibt immer Verbesserungsbedarf. Aber man muss auch auf die Umstände schauen.

Was meinen Sie damit?

Alle Fortschritte haben wir aus eigenem Antrieb erzielt. Nennen Sie mir irgendeine große Firma, die eine komplette IT-Umstellung ohne externe Fortbilder bewältigt. Aber wir hatten keine andere Chance. Experten auf diesem Gebiet sind aktuell fast immer ausgebucht. Die meisten Dinge liefen nach dem Motto „Learning by Doing“. Da gehört es dazu, dass man scheitern darf. Dann heißt es: aufstehen, weitermachen, Neues ausprobieren.

Was sind Erkenntnisse aus dem bisherigen Distanzunterricht?

Eine ganze Menge. Videokonferenzen machen zum Beispiel aktuell einen Großteil des Unterrichts aus. Ich merke, dass es einigen Schülern schon zum Hals raushängt. Da müssen wir vielleicht mehr Abwechslung reinbekommen. Im Präsenzunterricht langweilt es auch, wenn jede Stunde Gruppenarbeit auf der Tagesordnung steht. Das Kollegium muss in beiden Fällen eine Balance finden.

Immerhin scheint die Technik zu funktionieren. Das war anfangs nicht überall so …

Wir nutzen die digitale Plattform des Schulbistums schon relativ lange, daher hatten wir kaum Anlaufschwierigkeiten. Mittlerweile fahren wir aber zweigleisig, weil wir gemerkt haben, dass Videokonferenzen über Microsoft Teams stabiler laufen. Insgesamt sollte man die Kinderkrankheiten nicht überbewerten. Für meine Schule kann ich nur sagen: An der digitalen Ausstattung gibt es wenig zu meckern.

Provokant gefragt: Wenn es so gut läuft, brauchen wir dann in Zukunft überhaupt noch den Präsenzunterricht?

Natürlich werden wir nicht zum Status quo zurückkehren, sondern sinnvolle Elemente aus dem Distanzunterricht übernehmen. Aber ich bin grundsätzlich der Meinung, dass der Präsenzunterricht das Nonplusultra ist. Das Fachliche ist gar nicht das Problem, sondern die soziale Komponente. Das, was für die Bindung innerhalb der Schule sorgt. Damit meine ich nicht nur die Pausen, in denen die Schüler sich miteinander beschäftigen. Auch im Unterricht fehlt etwas – für Schüler und Lehrer.

Woran machen Sie das fest?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn die Schüler in der Schule Aufgaben erledigen, gehe ich durch die Reihen, gebe sofort Feedback, verteile Lob. Das hat etwas mit Motivation zu tun. Im Distanzunterricht kann ich nicht zu jeder erledigten Aufgabe eine E-Mail schicken. Und selbst wenn, liest der Schüler oder die Schülerin es vielleicht erst Stunden später – wenn überhaupt. Das ist nicht vergleichbar mit einer direkten Interaktion.

Besonders im Fokus stehen derzeit die Abschlussklassen. Befürchten Sie, dass die angehenden Abiturienten als „Corona-Jahrgang“ stigmatisiert werden?

Nein, die Sorge teile ich nicht. Fachlich liegen wir im Soll. Viele Arbeitgeber und die Unis können sich sogar freuen, welche Kompetenzen diese jungen Menschen mitbringen. Sie lernen in der Corona-Zeit auf ganz andere Weise, sich selbst und den Tag zu strukturieren. Wann mache ich Pausen? Wie richte ich meinen Arbeitsplatz ein? Welchen Plan verfolge ich? Vor einer Stigmatisierung habe ich keine Angst, Sorge bereiten mir aber andere Dinge.

Welche sind das?

Was ein Lockdown psychisch mit den Schülern macht, ist noch nicht erforscht. Ich glaube aber: je jünger die Kinder, desto gravierender die Folgen. Deswegen müssen die unteren Jahrgänge meiner Meinung nach auch als Erstes zurück in die Schulen.

Wie sehen Sie die Rolle der Eltern?

Sie stehen ebenfalls unter einem wahnsinnigen Druck. Manche befinden sich in Kurzarbeit, andere in systemrelevanten Berufen. Sie leisten auf jeden Fall einen unglaublichen Beitrag, dass das Homeschooling derzeit funktioniert.

Seit dieser Woche gibt es die Möglichkeit, dass auch Schüler ab der Jahrgangsstufe 7 den Distanzunterricht im Klassenraum absolvieren. Wie ist die Resonanz an Ihrer Schule?

Ich halte dieses Angebot für sinnvoll. So können wir aktiv auf Schüler zugehen, die vielleicht im Umfeld der Schule strukturierter und konzentrierter arbeiten können. Damit sorgen wir dafür, dass niemand durch das Raster fällt. Bei uns sind es aber nur eine Handvoll Schülerinnen und Schüler.

Nächste Woche Montag setzen sich Vertreter von Bund und Ländern erneut zusammen und beraten über das weitere Vorgehen. Irgendwelche Wünsche?

Uns bleibt nichts anderes übrig, als auf das zu vertrauen, was Politik und Experten entscheiden. Mein Wunsch wäre aber, längerfristig zu schauen. Es ist schwierig, wenn man alle 14 Tage das Konzept umschreiben muss. Auch wenn wir genug Pläne in der Schublade liegen haben.

Zwischenzeitlich haben Sie gegenüber unserer Redaktion auch die Kommunikation des Schulministeriums kritisiert. Zwischen Pressekonferenz und offizieller E-Mail an die Schulen vergingen manchmal viele Tage. Hat sich etwas gebessert?

Ja und nein. In der ersten Phase der Corona-Krise haben wir Lehrer alles aus der Presse entnommen. Wir haben versucht, die Aussagen der Politiker zu interpretieren und für uns Rückschlüsse daraus zu ziehen. Im Laufe des vergangenen Jahres wurde es besser. Kurz vor Weihnachten sagte Armin Laschet dann aber wieder, dass das Abitur 2021 zu den Unwägbarkeiten der Pandemie gehöre. Das sorgt dann erst mal für Kopfschütteln, weil die Kommunikation vorher klar in eine andere Richtung ging.

Eine Frage zum Abschluss: Glauben Sie, dass der Abiturjahrgang 2011, den Sie als Stufenleiter drei Jahre begleiteten, im Winter dieses Jahres sein Zehnjähriges feiern kann?

Ja, ich bin zuversichtlich, dass wir bis zum Herbst eine gute Durchimpfung in Deutschland erreicht haben werden. Wir wollen in diesem Jahr für die Ehemaligentreffen auch erstmals ein anderes Konzept ausprobieren und sie in den traditionellen Advents-Basar integrieren. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf das Wiedersehen.

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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