„23. März: Weitere Angriffe. Ahaus kann nur nach Einbruch der Dunkelheit betreten werden.“

dzRückblick auf das Kriegsende 1945

Klar und genau schilderte der damalige Bürgermeister Johannes Ridder die letzten Kriegstage im März 1945 und den Wiederaufbau. Das Dokument erzählt von Leid und der gegenseitigen Hilfe.

von Andreas Bäumer

Ahaus

, 22.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Erinnerungen von Johannes Ridder, Ahaus Bürgermeister (1921-1945) und Stadtdirektor (1946-1951) zählen 26 Schreibmaschinenseiten. Normalerweise ist das Büchlein in der Stadtbibliothek einzusehen. Er erzählt darin aus seiner Amtszeit - bewegend und klar auch von der Bombardierung im März 1945, über den Einzug der Alliierten und den Wiederaufbau.

Das Buch erschien 1972 unter dem Titel „Beitrag zur Geschichte der Stadt Ahaus“. In einer Besprechung dazu fasst Walter Pfeifer, der im vergangenen Jahr 88-jährig verstorbene frühere Redaktionsleiter der Münsterland Zeitung, das Grauen zusammen: „Wer 1945 oder früher geboren ist, hat selber miterlebt, wie die Kriegsfurie seine Vaterstadt Ahaus zertrümmert hat. 26 Luftangriffe haben 250 Menschen das Leben gekostet und 40 Prozent der Häuser zerstört.“

Insbesondere in den Wochen vor dem Einmarsch der Engländer am 31. März 1945 fanden diese Angriffe statt. Johannes Ridder über die Folgen am 21. März: „Der Anbau des Rathauses ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Das Sparkassengebäude liegt flach am Boden.“ Er erzählt, wie Verschüttete aus dem Tresorraum geborgen werden. Bis auf eine stark eingeklemmte Frau sind alle tot. Soldaten, unter anderem Holländer, können sie unter starkem Beschuss erst am dritten Tag befreien.

„Die Feuerwehr ist machtlos“

Am 22. März folgen weitere schwere Fliegerangriffe. Sie setzen das Schloss, die Schuhfabrik, die Jute-Fabrik und weitere Gebäude in Brand. „Die Feuerwehr, die sich unter Leitung von Brandmeister Held hervorragend bewährt und manchen Brand gelöscht hat, ist machtlos.“ Ihr Gerät ist „beschädigt bis zur völligen Zerstörung.“

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„Am 23. März und an den folgenden Tagen weitere Angriffe. Die Stadt kann nur nach Einbruch der Dunkelheit betreten werden. Wir bilden mehrere Bergungstrupps, die systematisch abends und nachts die Trümmer nach Überlebenden abklopfen. Die Toten können nur in den Abendstunden beerdigt werden. In den Straßen irren Haustiere – Rinder, Schweine, Federvieh – herrenlos umher.“

Engländer beschießen Höfe in der Bauerschaft Sabstätte

Bevor die englischen Truppen einmarschieren, bringt Bürgermeister Ridder die deutschen Soldaten dazu, die Höfe in der Bauerschaft Sabstätte zu verlassen, um die Zivilisten dort vor Nahkämpfen um die Höfe zu schützen. „Gegen Mitternacht rücken die englischen Panzer an. Anscheinend vermuten die Engländer, dass die Höfe noch besetzt sind und verteidigt werden. Sie beschießen sie aus Maschinengewehren und mit Leuchtspurmunition. Gegen Mitternacht stehen sieben Höfe in Brand. Unter größter Lebensgefahr können die Menschen gerettet werden.“

Johannes Ridder (1884-1960) war vor und während der Nazi-Herrschaft Bürgermeister in Ahaus und nach dem Krieg Stadtdirektor.

Johannes Ridder (1884-1960) war vor und während der Nazi-Herrschaft Bürgermeister in Ahaus und nach dem Krieg Stadtdirektor. © Stadtarchiv Ahaus

Nach dem Einmarsch wird Ridder von den Briten verhört und mit der Weiterführung der Verwaltungsgeschäfte für die Stadt Ahaus und das Amt Wüllen beauftragt. Der durch NSDAP verordneten Uniformpflicht für Amtsträger war er zuvor auf seine Weise gefolgt und trug eine Uniform des Deutschen Roten Kreuzes.

Über den Beginn des Wiederaufbaus schreibt er: „Im Glauben an die Unbesiegbarkeit des Lebens und im Vertrauen auf die Heimatliebe und Tatkraft der Bürger beginnen wir mit wenigen Getreuen am 2. April 1945 mit den ersten Maßnahmen zur Wiederingangbringung des öffentlichen Lebens.“ Seine Erinnerungen beendet er mit stolzen Worten über das neu erstandene Schloss und den Schlosspark für die Bürger.

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