Dieses Bild zeigt Pfarrer Stefan Jürgens und seine beiden Hobbys: Musik und Schreiben. Vorne im Blick das neueste Buch aus seiner Feder: "Dranbleiben!" © Christiane Hildebrand-Stubbe
Neues Buch „Dranbleiben!“

Pfarrer Stefan Jürgens nennt System Kirche absolutistisch

Dass er Jens Spahn den Segen seiner gleichgeschlechtlichen Partnerschaft angeboten hat, zeigt, dass Pfarrer Stefan Jürgens aus Kirchenreihen ausschert. Wie auch als Autor von „Dranbleiben!“

Nach „Ausgeheuchelt“ ist mit „Dranbleiben“ von Stefan Jürgens jetzt, nur zwei Jahre später, sozusagen die Fortsetzung einer fundamentalen Kritik am System Kirche erschienen. Und das aus der Feder eines langjährigen katholischen Pfarrers, der zurzeit als leitender Pfarrer von St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus und Alstätte-Ottenstein für zwei Pfarreien und ehemals fünf selbstständige Gemeinden zuständig ist.

Ähnlich wie das Vorgängerbuch ist auch „Dranbleiben“ eine nüchterne wie radikale Bestandsaufnahme der Situation, in der die katholische Kirche aktuell steckt. Missbrauchsskandale und deren Vertuschung, ein antiquiertes Frauenbild, eine völlig überholte Sexualmoral und damit das starre Festhalten am Zölibat sowie hierarchische Strukturen haben ihr Scharen von Kirchenaustritten beschert. Bewegt habe sich Kirche dennoch nicht, sagt Stefan Jürgens.

Messerscharfe Kritik an Strukturen

Und nicht nur das. Die Kritik des Ahauser Pfarrers ist messerscharf, wenn er von einem System absolutistischer Prägung und „Kirchenmonarchen“ schreibt, einem System, das vor allem auf Anpassung und Gehorsam fußt, von Männerbünden und einem, das nicht die Besten in die klerikalen Chefetagen befördert. Beim Gespräch in seiner Wohnung in der Schützenstraße, vorübergehende Bleibe vor dem Umzug ins Pfarrhaus, sagt er dazu: „Kirchenstrukturen fördern vor allem schwache Persönlichkeiten, wer begibt sich schließlich schon freiwillig in ein solches System?“

Angesichts einer fast sezierenden Analyse, die auch Verfehlungen von Kirchenmännern wie Erzbischof Woelki und Amtskollegen beim Namen nennt, kann man da nicht von „eiskalter Abrechnung mit Kirche“ sprechen? Selbst vor dem Hoffnungsträger Papst Franziskus macht er schließlich nicht halt und nennt ihn einen „Ankündigungspapst“. Auf die Frage antwortet Pfarrer Jürgens dennoch mit einem kategorischen „auf keinen Fall, Kirche ist meine Heimat und wird es auch bleiben.“ Eine Heimat aber, die er bedroht sieht, nicht von außen, sondern von innen. Anders als bei „Ausgeheuchelt“ ist „Dranbleiben“ zumindest im ersten Teil des Buches von Resignation gekennzeichnet, von wenig Hoffnung auf Rettung.

Kein Happyend in Sicht

Für Stefan Jürgens jedenfalls wird es für Kirche kein Happyend geben, selbst der sogenannte synodale Weg sei bereits gescheitert. Seine düstere Prognose: „In 50 Jahren wird es in Europa kein relevantes Christentum mehr geben.“ Auch diese Einschätzung habe nichts mit Abrechnung zu tun, wohl aber mit Zuspitzung, mit Positionierung: „Ich schreibe sehr pointiert, wer nicht pointiert rüberkommt, wird nicht wahrgenommen.“

Außerdem soll „Dranbleiben!“ trotz alledem so etwas wie ein Mutmach-Buch sein. Insofern ist der Titel bereits als Appell zu verstehen und wird verstärkt durch den Zusatz „Glauben mit und trotz der Kirche“. In dem zweiten Teil des Buches wird Jürgens sehr persönlich, beschreibt seinen eigenen Weg zum Glauben, sein Festhalten und seine Treue. Von der Wortbedeutung her habe Treue mit (Gott-)Vertrauen, aber auch mit sich trauen zu tun. Für Stefan Jürgens steht jedenfalls fest: „Ich mache Glauben nicht an Hierarchie fest.“ Und irgendwie scheint dann eben doch so etwas wie ein Hoffnungsschimmer, dass sich doch etwas verändern könnte, durch. Für Stefan Jürgens heißt das: „Es lohnt sich immer, etwas für das Jetzt zu tun.“

Kirchliche Basisarbeit

Veränderung aber kann auch im Sinne von Stefan Jürgens nur von unten kommen, von „einer Kirche als Gemeinschaft“. Seinen Beitrag leistet er dazu mit Basisarbeit vor Ort. Vor Ort nämlich sei man „nicht so eingeengt“: „Vor Ort haben wir große Möglichkeiten, Kirche zu gestalten, vor Ort begleitet man einander.“ Gleichwohl hat er hier feststellen müssen, dass vor allem die Über-60-Jährigen das Gespräch suchen, die Jungen kaum Fragen haben.

Umso wichtiger sieht er den Kontakt mit den Schulen. Ahaus habe alleine 20, und an jeder von ihnen gebe es einen seelsorgerischen Ansprechpartner. Auch und gerade für die jungen Generationen müsse der Glauben wieder anziehend, also attraktiv sein. Das bedeute in jedem Fall, Position zu beziehen, wie es Stefan Jürgens vorlebt und dafür auch das in Kauf nimmt: „Mich muss nicht jeder mögen.“

Wie aber geht die Institution Kirche mit dem „Provokateur“ in eigenen Reihen um? Auch wenn er sicher sei, dass viele Kirchenvertreter bereits „Ausgeheuchelt“ gelesen hätten, reagiert habe niemand bislang. Zwar nehme er an, dass viele der Kollegen ähnlich dächten wie er, aber sich nicht trauten, es öffentlich zu sagen. Und natürlich gebe es auch einige wenige reformwillige Bischöfe. Druck von oben hat Stefan Jürgens jedenfalls bislang nicht zu spüren bekommen, aber Schweigen sei natürlich auch ein „scharfes Schwert“.

Eigentlich werde er in Kirchenkreisen sogar sehr geschätzt und seine Arbeit anerkannt: „Man weiß, da, wo ich Pfarrer bin, da läuft es ganz gut.“ Dass er dadurch, dass man ihn gewähren lässt, der Amtskirche in die Hände spiele und sogar systemstabilisierend wirke, sieht er nicht. Wohl aber: „Dass Kirche Pluralität zulässt, ist ein großer Gewinn.“

Über die Autorin

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