Die Kirchenbänke der Josefskirche waren bis in die letzte Reihe gefüllt. Die KFD hatte zur Lesung mit Stefan Jürgens eingeladen. Der Pfarrer sparte nicht mit Kritik an der katholischen Kirche.

von Marie Epping

Ahaus

, 20.02.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Bänke der Josefskirche reichen nicht aus. Zahlreiche Stühle werden verteilt, damit alle Zuhörer überhaupt einen Platz finden. Die KFD hat zur Lesung und Diskussion mit Pfarrer Stefan Jürgens eingeladen.

Mit seinem im September erschienenen Buch „Ausgeheuchelt“ übt der Ahauser Geistliche scharfe Kritik an der katholischen Kirche. „So voll habe ich die Kirche noch nie gesehen“, freut sich Pfarrer Jürgens am Dienstagabend.

Musikalisch in den Abend

Ihm sei es wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Deswegen werde er nicht einfach aus seinem Buch vorlesen. Stattdessen startet Pfarrer Jürgens musikalisch in den Abend. „Spürst du den Wind, mit dem alles von vorne beginnt“, heißt es in einer seiner Liedzeilen. Deutlich wird, dass sich in der Kirche etwas verändern muss.

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Eine kleine Passage liest Pfarrer Jürgens dann doch vor. Das Vorwort seines Buches. „Das Priestersein ist für mich ein Traumjob“, heißt es mehrmals. Er sehe sich dabei nicht als Vertreter einer Institution, sondern als Christ in der Welt. Er begleite Menschen gerne in allen Situationen ihres Lebens.

Pfarrer Jürgens betont, dass die Kirche in der Realität ankommen müsse: „Es wird Zeit für einen klaren und klärenden Blick.“ Dabei müssten Reformen ernsthaft angegangen werden. Dazu gehöre die Freistellung des Zölibats genauso wie die Gleichstellung der Frau in der katholischen Kirche. Ansonsten sei die Kirche auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

Frauen in der Kirche

Das Inhaltsverzeichnis des Buches ist in der Kirche ausgeteilt worden. Die Zuhörer dürfen nun selbst entscheiden, worüber sie mehr wissen wollen, an welchen Stellen sie vielleicht noch Fragen haben oder was sie einfach nur beschäftigt. Das „Frauenthema“ scheint bei vielen Fragen aufzuwerfen.

Bis in die 70er-Jahre sei nie begründet worden, warum Frauen keine öffentlichen Ämter in der Kirche antreten dürfen, erklärt Stefan Jürgens. Sie seien einfach weniger Wert gewesen.

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Pfarrer Stefan Jürgens sagt eindeutig, dass der Mann und auch die Frau ein Abbild Gottes sind. So stehe es im Buch Genesis. Die Bibel liefere also keinen erklärbaren Grund für die aktuelle Position der Frauen in der Kirche.

Ein weiterer Begründungsversuch der Kirche sei, dass der Pfarrer oder eben die Pfarrerin „in Persona Christi“ handele. Was so viel heißt wie: An der Stelle Christi. Die Frage, die sich dann stellt: „Ist die Weihe oder das Geschlecht wichtiger?“ „Dann doch wohl eher die Weihe“, sagt Pfarrer Jürgens bestimmt. Jegliche Versuche der Kirche zu begründen, warum Frauen kein Pfarramt ausüben dürfen, seien also gescheitert.

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„Wiederverheiratete Geschiedene“ heißt ein anderes Kapitel seines Buches. Auch hier wird seine Kritik an der Kirche laut. Er würde jedem Paar den Segen geben. Die Begründung liege in der Frage: „Was hat Jesus mit Menschen gemacht, die scheitern?“ Jesus hätte den Weg zu einem Neuanfang frei gemacht.

Gott liebt bedingungslos und leistungsfrei

Eine Sache scheint Pfarrer Jürgens besonders am Herzen zu liegen: „Gott liebt den Menschen bedingungslos und leistungsfrei.“ Er würde den Menschen lieben, weil es ihn gibt und nicht, weil er gut ist.

Ein Statement zur aktuellen politischen Situation klingt auch noch an. Pfarrer Jürgens empfängt jeden Christ zur Eucharistiefeier. Egal, ob katholisch oder evangelisch. „Identität durch Abgrenzung“ habe früher stattgefunden. Nach dem Motto: Das sind die anderen, die sind evangelisch. Heute würde so etwas nur noch die AFD machen, sagt Pfarrer Jürgens.

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