Mit „zertifizierter Nase“ möglichen störenden Gerüchen auf der Spur

dzGeruchsgutachten

Die menschliche Nase spielt eine große Rolle, wenn es um Geruchsgutachten geht. Aber es wird keinesfalls „Pi mal Daumen“ gerochen: Die Nase muss zertifiziert sein und oft zum Einsatz kommen.

Ahaus

, 08.09.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gerüche können störend sein, egal, ob sie von Industriebetrieben oder von Bauernhöfen stammen. Wenn eine Stadt ein Baugebiet plant, muss im Vorhinein geklärt sein, ob in dem betreffenden Areal störende Gerüche die gesetzlich festgelegten Grenzwerte überschreiten. Um das festzustellen, wird ein Gutachten angefertigt. Dafür bedarf es einer guten menschlichen Nase, einer Wetterstation und ganz viel Zeit.

Theo Betting vom Unternehmen Uppenkamp und Partner, Saskia Langner und Walte Feige von der Stadt Ahaus mitten in der Graeser Landschaft. Dort lässt die Stadt Ahaus an verschiedenen Stellen Untersuchungen durchführen, um herauszufinden, wo auf lange Sicht in dem Ahauser Ortsteil noch Baugebiete ausgewiesen werden können.

Theo Betting vom Unternehmen Uppenkamp und Partner, Saskia Langner und Walter Fleige von der Stadt Ahaus mitten in der Graeser Landschaft. Dort lässt die Stadt Ahaus an verschiedenen Stellen Untersuchungen durchführen, um herauszufinden, wo auf lange Sicht in dem Ahauser Ortsteil noch Baugebiete ausgewiesen werden können. © Anne Winter-Weckenbrock

In Graes wird in diesen Monaten hier und da die Geruchssituation ermittelt. An verschiedenen Stellen, wie Walter Fleige, Fachbereisleiter Stadtplanung, beim Ortstermin betont. Dem örtlichen Bedarf entsprechend soll in Zukunft in dem Ahauser Ortsteil Platz für neue Wohnhäuser ausgewiesen werden. Wo genau – um diese Frage zu beantworten, braucht es eine lange Vorlaufzeit und Vorbereitung. Und eben das Geruchsgutachten.

Theo Betting ist Techniker für Umweltschutztechnik. Der Wüllener ist Mitarbeiter des Ahauser Unternehmens Uppenkamp und Partner, Sachverständige für Immissionsschutz, und im Auftrag der Stadt Ahaus in Graes unterwegs. Eigentlich sollte die Wetterstation aufgestellt sein beim Pressetermin am Dienstag, aber das hat sich verzögert. Es soll aber auch nicht vordringlich um die Windrichtung gehen, sondern um die Frage: Wie wird Geruch begutachtet?

Rechnerische Prognose ermittelt Werte

Zum Einen gibt es den rechnerischen Weg, erklärt Theo Betting. Aufgrund einer Bestandsanalyse werde rechnerisch eine Prognose erstellt, was die Geruchsgrenzwerte angeht. Da rechnet der Gutachter zum Beispiel anhand von Quadratmeterflächen von Silage-Lagerflächen oder auf Basis des Viehbestands die Werte hoch.

„Das ist eine sehr konservativ angelegte Methode“, ergänzt Walter Fleige und meint damit, dass die so ermittelten Werte schon recht hoch ausfallen. Wenn die Zahlen unter den Grenzwerten liegen, ist es okay für die Stadtplaner. Wenn die Werte darüber liegen, dann kommen die „zertifizierten Nasen“ zum Einsatz.

Wie werden Nasen zertifiziert?

Wie werden denn Nasen zertifiziert? Theo Betting hat selbst eine solche und kann aufklären. Um „geeigneter Prüfer“ zu werden, werden Mitarbeiter selbst geprüft, eher gesagt ihr Geruchssinn. Theo Betting zeigt das Prüfgerät, das im Übrigen auf dem Dienstbulli von Uppenkamp und Partner abgebildet ist.

Theo Betting, Mitarbeiter des Unternehmens Uppenkamp und Partner, das als Sachverständiger für Immissionsschutz unterwegs ist, zeigt das Prüfgerät, an dem geprüft wird, wer eine geeignete Nase hat, um sie als "zertifizierte Nase" als Prüfer einzusetzen.

Theo Betting, Mitarbeiter des Unternehmens Uppenkamp und Partner, das als Sachverständiger für Immissionsschutz unterwegs ist, zeigt das Prüfgerät, an dem geprüft wird, wer eine geeignete Nase hat, um sie als "zertifizierte Nase" als Prüfer einzusetzen. © Anne Winter-Weckenbrock

Die Testpersonen docken ihre Nase an eine Art Trichter. Es wird ein leichtes Gas zugeführt, in dem als Referenzstoff N-Butanol enthalten ist – immer in verschiedener Konzentration. Wenn die Testperson etwas riecht, muss sie auf einen Knopf drücken. So wird die „passende Nase“ für eine Tätigkeit als Prüfer ermittelt. Alles, das Gerät und die Testung, sind DIN-normiert.

Bei der „Rasterbegehung“ ist Riechen ein wichtiger Bestandteil

„Riechen ist nur eine Aufgabe“, betont Theo Betting. Aber bei der „Rasterbegehung“ ist Riechen ein wichtiger Bestandteil. Das Raster steht vorher fest: Die zu begutachtenden Flächen sind in Areale eingeteilt, darin gibt es A-, B-, C- und D-Punkte, die die „geeigneten Prüfer“ öfter ansteuern. Immer dabei: Den Protokollbogen und das Handy zum Zeit stoppen.

Der Protokollbogen: Nach zehn Sekunden Riechen müssen die Prüfer jeweils ausfüllen, was sie riechen. Jede Geruchsqualität, von Schweinegülle in Hochbehältern über Pferdemist bis hin zu "sonstigen Gerüchen" wie KfZ-Abgase, hat eine Ziffer.

Der Protokollbogen: Nach zehn Sekunden Riechen müssen die Prüfer jeweils ausfüllen, was sie riechen. Jede Geruchsqualität, von Schweinegülle in Hochbehältern über Pferdemist bis hin zu "sonstigen Gerüchen" wie KfZ-Abgase, hat eine Ziffer. © Anne Winter-Weckenbrock

Denn die Methode ist natürlich normiert. Der Prüfer steuert einen Punkt an. Dort hält er sich zehn Minuten auf. In jeder der zehn Minuten nimmt er zehn Sekunden lang seine Geruchsempfindung auf und markiert sie dann im Protokoll. Jede Geruchsart, von Schweinegülle in Hochbehältern über Pferdemist bis hin zu „sonstigen Gerüchen“, hat eine Ziffer, die bei Wahrnehmung eingetragen wird. Acht Kategorien gibt es, 0 steht für nichts.

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Die Punkte sind sinnvoll angelegt. Mit geeignetem Abstand und dort, wo es zugänglich ist. Schließlich wird tags und nachts geprüft, und auch – so muss es sein – im Sommer und im Winter. „Ein halbes Jahr mindestens“, beschreibt Theo Betting den Zeitraum für die Untersuchungen. 52 Touren sind in dem Zeitraum vorgeschrieben, jeder Punkt wird 13 mal angesteuert für je zehn Minuten.

Wetterstation misst ein halbes Jahr die Windrichtung

Die Wetterstation – ein Dreibein mit eingehängtem Sensor, der in zehn Metern Höhe ein halbes Jahr lang die Windstärke und -geschwindigkeit misst – ist auch ein wichtiger Faktor. Und ihre eingesammelten Daten werden mit den Ergebnissen der Prüfer, die in Excel-Tabellen eingetragen wurden, verglichen. Zur „Plausibilitätsprüfung“, wie Theo Betting es fachlich nennt. Wenn ein Prüfer ganz außerhalb der Windrichtung einen Geruch wahrgenommen hat – dann kann das eigentlich nicht stimmen. Manchmal werden auch Daten von Wetterdiensten dazugekauft, um sicherzugehen.

„Es muss ja ein repräsentatives Ergebnis sein“, kommentiert Walter Fleige das wissenschaftliche Vorgehen. Alles sei eben streng nach DIN-Normen geregelt, und das sei gut. Um planerisch auf der sicheren Seite zu sein.

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