In den Niederlanden haben Geschäfte und die Außengastronomen geöffnet. Und das trotz einer Inzidenz von mehr als 300. Unsere Reporterin hat sich am 1. Mai nach Winterswijk begeben, um zu schauen, wie viele Deutsche ins Nachbarland gefahren sind. © Laura Schulz-Gahmen

Mit Video: 1. Mai in Winterswijk – „Wollten einfach mal Menschen sehen“

Es ist der zweite 1. Mai unter Corona. In den Niederlanden sind Geschäfte und Gastronomie geöffnet. Unsere Reporterin hat nachgesehen, ob die Deutschen in den Niederlanden gefeiert haben.

In Deutschland sind die Menschen noch immer im Lockdown. Die Infektionszahlen und die Inzidenzwerte steigen, sinken und stagnieren dann wieder. Es ist bereits der zweite Tag der Arbeit, den die Deutschen am 1. Mai 2021 ohne Geselligkeit feiern müssen.

Ganz anders dagegen ist die Lage in den Niederlanden. Dort sind die Geschäfte wieder geöffnet, eine Maskenflicht in der Innenstadt? Fehlanzeige. Auch die Außengastronomie hat wieder geöffnet. Und das, obwohl die Sieben-Tage- Inzidenz in den Niederlanden auch am 1. Mai noch bei 308,9 liegt, also viel höher als im strengen Deutschland.

Besuch im Nachbarland nicht erwünscht

Wer also in der Nähe der deutsch-niederländischen Grenze lebt, der kann ja mal schnell rüber, oder? Die Antwort lautet ja, denn mit einem tagesaktuellen negativem Schnelltest ist ein 24-Stunden-Aufenthalt in den Niederlanden erlaubt. Erwünscht ist er allerdings weniger, zumindest aus deutscher Sicht.

Dr. Kai Zwicker, Landrat des Kreises Borken, machte es bereits Tage vor dem1. Mai deutlich: „Angesichts der gelockerten Corona-Maßnahmen in den Niederlanden auch an dieser Stelle noch einmal meine Bitte, gemeinsam mit den Kollegen aus den Niederlanden: Bleiben Sie zuhause, gehen Sie nicht shoppen im Nachbarland. Gehen Sie keine Risikos ein. “ Unterstützt wurde dieser Aufruf von Joris Bengevoord, Bürgermeister von Winterswijk.

Negativer Test – positives Erlebnis

Aber haben sich die Deutschen daran gehalten? Ich habe mich also am ersten Mai auf den Weg nach Winterswijk gemacht, um zu sehen, wie vernünftig die Deutschen am 1. Mai bleiben können. Zuerst ging es für mich natürlich auch zur Schnellteststation, mit einem für mich positiven Ergebnis, nämlich dem negativen Test. Also nichts wie los und ab über die Grenze.

Gegen 11.30 Uhr überfahre ich die Grenze. Auf dem Weg nach Wintersweijk fällt mir aber schon eine Sache auf: kein deutsches Kennzeichen zu sehen. Naja fast keins, kurz vor der Winterswijker Innenstadt kommt mir dann doch ein silberner Wagen mit Borkener Kennzeichen entgegen.

Ein mulmiges Gefühl

Ich suche mir einen Parkplatz und gehe zum ersten Mal in meinem Leben durch die City von Winterswijk. Und kaum dort angekommen ist es für mich schon beinahe surreal – so viele Menschen, ohne Masken. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit und ich setze doch lieber meine FFP2-Maske auf.

Auf dem Markt stehen die Leute in Schlangen an den Ständen.
Auf dem Markt stehen die Leute in Schlangen an den Ständen. © Laura Schulz-Gahmen © Laura Schulz-Gahmen

Heute ist Markt in Winterswijk und direkt am ersten Stand stehen bestimmt 20 Menschen an, dicht an dicht, als wäre kein Corona. Ich gehe weiter und biege in Richtung Einkaufsstraße ab. Plötzliche höre ich eine Deutsche Stimme. Ich bleibe stehen. Ein älteres Ehepaar aus Deutschland unterhält sich mit Freunden.

„Vorsichtig muss man schon bleiben“

Ich frage sie, ob sie Tagestouristen sind. „Wir? Nein wir haben hier ein Ferienhaus, sonst wären wir gar nicht hier heute“, sagt der Mann. Etwas Abwechslung bräuchte man ja auch in dieser Zeit.

„Trotzdem, vorsichtig muss man schon bleiben“, fügt er noch hinzu. Ich gehe weiter und entdecke ein Schuhgeschäft: Schuurmann Schoenen. Ich gehe hinein und frage, wie viele deutsche Kunden schon im Laden waren. Die Verkäuferinnen sind sich unsicher, die eine meint zwei, die nächste sieben und die nächste zehn.

„Die Deutschen fehlen uns sehr“

Weiter oben der Einkaufsstraße gehe ich in ein Delikatessengeschäft mit hauptsächlich italienischen Speisen: Da`s Genieten. Ich nehme ein Risotto mit und frage an der Kasse die Verkäuferin Marianne von Amerungen: „Hatten Sie schon viele deutsche Kunden heute?“ Sie lacht und verneint: „Nein ich glaube es waren erst zwei heute“. Aber sie würde sich mehr wünschen. „Wissen Sie, die Deutschen fehlen uns schon sehr“, sagt Marianne von Amerungen.

Weiter oben der Einkaufsstraße, ist wesentlich weniger los.
Weiter oben der Einkaufsstraße, ist wesentlich weniger los. © Laura Schulz-Gahmen © Laura Schulz-Gahmen

Je weiter ich die Einkaufsstraße hoch gehe, desto weniger Menschen kommen mir entgegen. Die meisten sind offenbar doch in der Nähe des Markts. Naja, da sind ja auch die Restaurants, Cafés und Bistros denke ich mir. Also drehe ich um und schlendere zurück.

Deutsche höre ich selten sprechen

Am Markt angekommen bin ich dann wieder erschlagen von der Menschenmenge. Deutsche höre ich jedoch eher selten sprechen. Ich überquere den Markt und versuche nicht zu nah an die Stände zu gehen, dort drubbelt es sich. Ich steuere die Gastronomie an und setze mich bei „Le Promenade“ hin.

Ich mache eine kurze Pause und esse einen Apfelpfannkuchen.
Ich mache eine kurze Pause und esse einen Apfelpfannkuchen. © Laura Schulz-Gahmen © Laura Schulz-Gahmen

Ich beobachte die Menschen, bestelle mir eine Kleinigkeit und frage auch hier die Kellnerin: „Und wie viele deutsche Gäste hatten Sie heute schon so?“ Sie muss kurz überlegen und antwortet: „Ehrlich gesagt nicht viele. Sonst gibt es hier eigentlich mehr Deutsche als Holländer.“ Ich bin überrascht. Ich esse meinen Apfelpfannkuchen und lausche auf die Stimmen: alle sprechen niederländisch. Ich bin erleichtert. Offenbar sind die meisten Deutschen doch Zuhause geblieben.

Ein Ausflug in die Normalität

Ich zahle und die Kellnerin weist mich darauf hin, dass sich gerade ein deutsches Pärchen gesetzt habe. Ich lausche erneut, tatsächlich. Ich bedanke mich und spreche das deutsche Paar an. Sie sind Tagestouristen. „Wir wollten einfach mal Menschen sehen, etwas essen gehen und ein bisschen einkaufen“, sagt Jasmin Schacht.

„Wir waren seit über einem Jahr nirgendwo mehr“, erzählt sie weiter, auch wegen des Babys, das tief und fest im Kinderwagen schlummert. Sie haben nicht vor, das jetzt öfters zu machen. Sie wollten eben ein wenig Normalität, nur für kurze Zeit. Und ganz ehrlich? Ein wenig kann ich sie verstehen. Auch mir tat dieser einstündige Ausflug in die Normalität gut. Aber Öffnungen unter den aktuellen Zahlen in Deutschland als Dauerzustand? Das kann ich mir dann doch nicht vorstellen.

Über die Autorin
Redakteurin
Laura Schulz-Gahmen, aus Werne, ist Redakteurin bei Lensing Media. Vorher hat sie in Soest Agrarwirtschaft studiert, sich aber aufgrund ihrer Freude am Schreiben für eine Laufbahn im Journalismus entschieden. Ihr Lieblingsthema ist und bleibt natürlich: Landwirtschaft.
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