Glaskunst aus vergangenen Jahrhunderten: Über 60 Jahre haben diese Kirchenfenster aus der alten Marienkirche in der Ahauser Innenstadt in einem Keller überdauert. Der Heimatverein ist begeistert, dass er die Fenster vor der Entsorgung retten konnte. © Stephan Rape
Alte Kirchenfenster

Heimatverein freut sich über jahrhundertealten Zufallsfund im Keller

Mindestens 150 Jahre sind die Kirchenfenster aus St. Mariä Himmelfahrt alt, die jetzt in einem Ahauser Keller entdeckt wurden. Der Heimatverein hat sie gerettet – in letzter Sekunde.

Nein, von einem wirklichen Schatz möchte Ralf Büscher nicht sprechen. Trotzdem ist der Vorsitzende des Heimatvereins Ahaus überglücklich: Ein echtes Stück Ahauser Geschichte ist wieder aufgetaucht. In einem Ahauser Keller, zwischen altem Hausrat. Beinahe wäre es im Müllcontainer gelandet.

Heimatvereinsmitglied Joachim Hackfort hatte nur durch Zufall davon erfahren, welcher kleine Schatz in einem Ahauser Keller vor sich hinschlummerte. Die Kirchenfenster aus der alten St. Marienkirche sind mindestens 150 Jahre alt.
Heimatvereinsmitglied Joachim Hackfort hatte nur durch Zufall davon erfahren, welcher kleine Schatz in einem Ahauser Keller vor sich hinschlummerte. Die Kirchenfenster aus der alten St. Marienkirche sind mindestens 150 Jahre alt. © Heimatverein Ahaus © Heimatverein Ahaus

Ralf Büscher wuchtet die schwere Glasplatte gegen den Himmel: Bunt schimmern die alten Glasfragmente im grauen Novemberlicht. „Das Glas stammt aus der alten Marienkirche“, sagt er.

Wahrscheinlich auf der Süd- oder Nordseite der alten Kirche. Als das alte Kirchenschiff 1965 abgerissen wurde, hätten sich wohl einige Ahauser diese oder jene Teile aus den Trümmern gerettet.

Zufallsfund in einem Ahauser Keller

Darunter waren auch zwei der doppelzügigen Kirchenfenster. Bei einer Aufräumaktion in einem Ahauser Keller erfuhr Heimatvereinsmitglied Joachim Hackfort von den alten Fenstern.

„Er hat sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit wir die Gläser für die Nachwelt erhalten können“, sagt Ralf Büscher. Wortwörtlich in letzter Sekunde: Sie sollten mit dem übrigen Hausrat aus dem Keller entsorgt werden.

Das alte Schiff der Kirche St. Mariä Himmelfahrt wurde 1965 abgerissen und durch den Neubau ersetzt. Die jetzt entdeckten Kirchenfenster sollen aus den Fenstern der Nord- oder Südseite stammen.
Das alte Schiff der Kirche St. Mariä Himmelfahrt wurde 1965 abgerissen und durch den Neubau ersetzt. Die jetzt entdeckten Kirchenfenster sollen aus den Fenstern der Nord- oder Südseite stammen. © Stephan Rape © Stephan Rape

Dass die alten Fenster überhaupt relativ unbeschadet nach Jahrzehnten wieder ans Tageslicht kamen, grenzt schon an ein kleines Wunder. „Hier und da ein paar kleinere Macken und auch die Bleifugen waren nicht mehr ganz intakt“, erklärt er.

Und das, obwohl die Fenster stehend gelagert wurden. Normalerweise Gift für Glas und Fugen. Aus zwei beschädigten Fensterteilen konnte am Ende aber ein intaktes Element zusammengefügt werden.

Bewahrung der Geschichte ist das oberste Gebot

Für den Heimatverein ist die Bewahrung solcher Zeugnisse aus der Vergangenheit oberstes Gebot: „In Ahaus wird so viel abgerissen und weggeworfen. Da wollen wir natürlich so viel erhalten, wie es nur geht“, erklärt Ralf Büscher.

Allein wie sich das Stadtbild in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten – oft eben ohne Rücksicht auf möglichen Denkmalschutz – verändert habe, ärgert ihn: Sei es der alte Bahnhof, der Wasserturm an der Heeker Straße oder auch die Industriegebäude im heutigen Jutequartier – alles unwiederbringlich verloren. „Klar, eine Kostenfrage, aber im Nachhinein fehlt da schon ein Stück Ahauser Geschichte“, sagt er.

Heimatverein hat selbst schon lange Geschichte

  • Der feiert 2022 sein 120-jähriges Bestehen. Er ist einer der ersten und der größte Heimatverein im Kreis Borken.
  • Die Mitglieder stehen jede Woche zu festen Sprechzeiten in den Räumlichkeiten im Ahauser Schloss parat: montags von 16 bis 18 Uhr und donnerstags von 18 bis 19 Uhr.

Deswegen ist der Verein auch ständig auf der Suche nach allen Spuren der Vergangenheit, die mit Ahaus zu tun haben. „Unsere Aktion ‚Schätze auf dem Dachboden‘ läuft dauerhaft“, erklärt der Vorsitzende von aktuell 368 Heimatvereinsmitgliedern.

Zu den Sprechzeiten des Heimatvereins nehmen sie Bücher, Totenzettel, alte Bilder oder sonstige Spuren aus der Ahauser Geschichte gerne an. „Wegwerfen können wir es im schlimmsten Fall dann immer noch“, sagt Ralf Büscher.

Restaurierung ist für Heimatverein eine große Belastung

Aber zurück zu dem Kellerfund: Das Alter der Glasflächen schätzt er auf 150 bis 160 Jahre. „Das haben auch die Restaurateure gesagt“, erklärt Ralf Büscher.

Es handele sich definitiv um mundgeblasenes Kirchenglas. Glas, wie es schon vor 375 Jahren durch die Glasbläser von St. Gobain aus Frankreich hergestellt wurde.

Eine genauere Expertise will der Heimatverein erst einmal nicht in Auftrag geben. „Natürlich wäre das möglich“, sagt der Vorsitzende. Aber schon jetzt sprenge das Projekt fast die Möglichkeiten des Vereins: Ein vierstelliger Betrag wurde allein für die Restaurierung und den Schutz des alten Glases unter Vakuum fällig.

Natürlich soll das Fenster öffentlich ausgestellt werden. Erst einmal in den Räumen des Heimatvereins im Schloss. Auf lange Sicht vielleicht in der Marienkirche oder in einer Ausstellung. „Das ist aber noch Zukunftsmusik“, sagt Ralf Büscher.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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