Vor genau 50 Jahren gründete sich in Ahaus die CDU-Frauenvereinigung (heute Frauen-Union). Wir haben mit vier Vorstandsfrauen über Frauenpolitik damals und heute gesprochen.

Ahaus

, 30.08.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Vom ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer stammt das folgende Zitat:

„Die Männer sind natürlich alle dafür, dass mehr Frauen in der Politik tätig sein sollen. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich nicht um die eigene Frau.“ Vor genau 50 Jahren, Anfang September 1969, schlugen Ahauser Frauen die Meinung der Ehegatten in den Wind. Sie gründeten eine CDU-Frauenvereinigung.

Zu Beginn stand eine Einladung des CDU-Ortsvorstandes. Das Gremium lud am 3. September 1969 um 20 Uhr in das Hotel Zur Post (Harpering) ein. Die Einladung richtete sich an „interessierte Damen“, mit denen der Vorstand ein Gespräch über „die Mitarbeit der Frau in der CDU“ führen wollte.

40 interessierte Frauen

Die Resonanz sprach für sich: 40 Frauen aus dem Stadtgebiet gründeten eine CDU-Frauenvereinigung – 20 Jahre, nachdem sich auf Bundesebene 1949 die Frauen-Union gegründet hatte. Die erste Vorsitzende in Ahaus wurde Josefine Müller. Die Grundidee der Frauen in Ahaus war, Mitverantwortung für das politische Leben in der Stadt zu haben.

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„Wollen Frauen Macht?“ So lautete am 5. November 1969 der Titel eines Artikels in der Münsterland Zeitung über eine Versammlung der Ahauser CDU-Frauen in den DAB-Stuben. Daran nahm auch die frühere Familienministerin Aenne Brauksiepe teil. Sie war von 1968 bis 1969 Bundesministerin für Familie und Jugend und unter anderem von 1958 bis 1971 Vorsitzende der Frauen-Union. Ihr Fazit in Ahaus: Der Sachverstand der Frau im politischen Leben könne nicht mehr angezweifelt werden. „Männer sind nicht intelligenter von Natur aus.“

Forderung nach Gleichberechtigung

Wollen Frauen Macht? „Macht nicht unbedingt“, sagt Maria Woltering 50 Jahre später auf die 1969 gestellte Frage. Die 66-Jährige ist seit zehn Jahren Vorsitzende der Frauen Union, Stadtverband Ahaus. „Sie wollen Gleichberechtigung. Sie wollen gleich behandelt werden wie die Männer. Sie wollen die gleiche Verantwortung tragen. „Macht heißt auch, mitsprechen und mitentscheiden zu können. Frauen sind früher ja gar nicht gefragt worden“, sagt Nina Mathmann. Die 37-Jährige ist Beisitzerin im Vorstand der Frauen-Union.

„Fraulicher Charme“

Noch einmal zurück ins Jahr 1969: Damals ist Anneliese Priester aus Ahaus die einzige Frau im Kreistag. In einem Pressebericht ist zu lesen, dass die Vertretung auch in den kommenden fünf Jahren „auf fraulichen Charme nicht verzichten“ müsse. Frauen im Kreistag oder im Rat wurden vor 50 Jahren von den Männern oftmals belächelt.

Politisch aktive Frauen? Damit konnte so mancher Mann wenig anfangen. Fünf Jahrzehnte später hat sich vieles geändert, doch längst nicht alles. „Frauen werden teilweise immer noch belächelt“, sagt Nina Mathmann. „Zum Beispiel, wenn sie in Männerberufe möchten.“

Mit Argumenten überzeugen

Für Frauen sei es ein Lernprozess, sich zu behaupten“, sagt Maria Woltering. In den Vorstandssitzungen werde auch darüber diskutiert, wie man sich gegenüber den Männern durchsetzen könne. Dabei geht es nicht um fraulichen Charme, „dabei geht es darum, die richtigen Worte zu finden, die Themen direkt anzusprechen und mit Argumenten zu überzeugen.“

Es dürften gerne noch mehr Frauen in den Ahauser Rat, sind sich die Vorstandsfrauen einig. In der CDU-Fraktion sind die Frauen mit einem Anteil von 25 Prozent eher unterrepräsentiert. „Es ist für Frauen heute schwierig, sich Zeit dafür zu nehmen“, zählt Maria Woltering einen von mehreren Gründen auf. Es gelte, wöchentlich mehrere Termine unter einen Hut zu bringen, zudem stehe an erster Stelle die Familie. „Wenn eine Frau dann auch noch voll berufstätig ist, ist das schon eine große Belastung. Das wollen nicht alle. Manchmal will es auch der Partner nicht.“

Nah an der Ahauser Politik

Nina Mathmann wollte es. Sie ist seit zwei Jahren Mitglied der Frauen-Union – auch als berufstätige Frau mit zwei Kindern. „Natürlich habe ich überlegt, ob ich dafür Zeit habe. Aber politisches Interesse war bei mir immer da.“ Beim ersten Treffen mit der Frauen-Union habe sie gemerkt, wie nah sie an der Ahauser Politik sei, was sie beeinflussen könne. „Sehr spannend. Ich bin beeindruckt, was die CDU-Frauen bewirken.“ Das könne von anderen belächelt werden, „aber man wird auch belächelt, wenn man aus mancher Sicht der falschen Partei angehört.“

Gabriele Stöteler ist seit über 20 Jahren Mitglied der Frauen-Union Ahaus. Die 66-Jährige ist stellvertretende Pressesprecherin. Anfangs sei es ihr vor allem darum gegangen, im „geschützten Raum“ der Frauen-Union Ideen zu entwickeln und in die Männerwelt zu tragen, berichtet sie.

„Einige Baustellen in Ahaus“

„Für uns ist Familien- und Schulpolitik natürlich wichtig“, nennt Maria Woltering einige Themenfelder. Auch die Seniorenpolitik zählt dazu „Es kommen immer neue Themen auf den Tisch“, sagt Nina Mathmann. „Es gib einige Baustellen in Ahaus.“ In Wüllen gehe es zum Beispiel um die neue Turnhalle. „Wo sollen die Schüler in der einjährigen Bauphase turnen?“ nennt Alexandra Segbert eine dieser Baustellen.

Baustellen gibt es nicht nur in Wüllen, auch in den anderen Ortsteilen. Eine „Baustelle“ ist auch, dass der Ortsteil Graes im 19-köpfigen Vorstand der Frauen-Union Ahaus nicht vertreten ist. Maria Wolterings Vermutung: „Die Frauen dort sind fest verwurzelt in der KFD und den Landfrauen. Da bleibt vielleicht nicht genügend Zeit.“

Blick auf Kommunalwahlen

Fast 200 Mitglieder zählt die Frauen-Union Ahaus und ist damit der größte Stadtverband im Kreis Borken. Wobei der Vorstand nicht die Hände in den Schoß legt. „Man muss die jungen Frauen ansprechen und sich bemühen“, erklärt Alexandra Segbert. Die 46-Jährige ist stellvertretende Vorsitzende. Neue Mitglieder zu gewinnen, das passiere nicht von alleine. Nicht 1969, nicht 2019.

Kommunalwahlen 2020

50 Jahre Frauen-Union in Ahaus - wäre es nicht auch mal Zeit für eine CDU-Bürgermeisterin oder eine CDU-Fraktionsvorsitzende? „Natürlich“, antwortet Maria Woltering. „Aber es müssen sich auch Frauen finden. Wir sind auf dem besten Wege, 2020 sind Kommunalwahlen. Da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass eine Frau Fraktionsvorsitzende wird.“

Nina Mathmann formuliert es allgemein: „Ziel ist, dass mehr Frauen in die Politik kommen.“ Vor 50 Jahren hätten ganz andere Themen eine Rolle gespielt. „Da hatten wir Frauen noch längst nicht die Rechte, die wir heute haben.“ Schaue sie auf ihre Tochter, dann werde diese Generation gar nicht mehr so differenzieren zwischen Mann und Frau. „Dann zählt ganz klar: „Den Job bekommt der Kompetenteste, egal ob Mann oder Frau.“

Ihr 50-jähriges Bestehen feiert die Frauen Union Ahaus am Freitag, 30. August, um 16.30 Uhr in der Tonhalle des Kulturquadrates. Nach einer Begrüßung durch die Vorsitzende Maria Woltering wird Ina Scharrenbach, Landesvorsitzende der CDU-Frauen-Union und NRW-Ministerin, als Gastrednerin erwartet. In einer kleinen Podiumsdiskussion geht der Blick noch mal zurück, aber auch in die Gegenwart und die Zukunft.
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